Bike contra Reh – wer haftet bei Wildunfällen?

Ausweichen oder draufhalten – das ist hier die Frage

| Autor / Redakteur: Wolf-Henning Hammer / Stephan Maderner

Gerichtsurteile rund ums Thema motorisiertes Zweirad.
Gerichtsurteile rund ums Thema motorisiertes Zweirad. (Bild: Vogel Business Media)

Motorradfahrer, die ihrem Hobby zumeist auf der Landstraße frönen, die durch Wälder oder von Hecken gesäumten Regionen führen, kennen das: nicht nur in der Morgen- und Abenddämmerung queren Fuchs, Hase, Wildschwein und Reh die Fahrbahn. Was tun, wenn die Kollision droht? Und was, wenn es zum Crash kommt?

Die Wildunfallstatistik des Deutschen Jagdverbandes weist für das Jahr 2016 insgesamt 228.550 Wildunfälle mit getöteten Paarhufern (Rehe, Wildschweine, etc.) aus. Statistisch waren dies 625 Tiere pro Tag und 26 pro Stunde. Die tatsächliche Zahl dürfte aber weitaus höher sein, da Unfälle mit Tieren wie Kaninchen, Marder oder Fuchs weder von der Statistik erfasst, noch durchgängig gemeldet wurden. Unabhängig von der Meldung stellt sich aber nach jedem Unfall die Frage, wer für den damit verbundenen Schaden haftet.

Wer haftet für Personenschäden?

Bei Personenschäden treten die Krankenkasse und die Unfallversicherung ein. Je nachdem, ob die Fahrt privater oder dienstlicher Natur gewesen ist, sind dies entweder ein privater Versicherer, die Berufsgenossenschaft oder beide. Eine Insassenunfallversicherung für Motorräder existiert in Deutschland – anders als z.B. in Österreich, wo sie als Aufsassenversicherung bekannt ist – nicht.

Wer bezahlt den Sachschaden?

Schadenersatz lässt sich in der Regel bereits bei Bestehen einer Teilkaskoversicherung erlangen. Die Wildschadensklausel der Musterbedingungen des GDV erfasst allerdings nur den „Zusammenstoß des in Fahrt befindlichen Fahrzeugs mit Haarwild im Sinne von § 2 Abs. 1 Nr. 1 des Bundesjagdgesetzes (z.B. Reh, Wildschwein)“ (Klausel A.2.2.1.3.).

Schäden durch Zusammenstöße mit Vögeln oder anderen Tieren, wie z.B. Hund, Pferd, Schaf oder Ziege, werden nicht erfasst, es sei denn, es handelt sich dabei um Glasschäden. Wer in einem derartigen Fall nicht auf dem übrigen Schaden sitzen bleiben oder auf eine unsichere Haftung des Tierhalters oder dessen Versicherers hoffen will, sollte darauf achten, dass die Versicherung Kollisionen mit Tieren insgesamt abdeckt oder eine Vollkaskoversicherung abschließen.

Was ist, wenn es bei einem Ausweichmanöver zu einem Schaden kommt?

Kommt es bei einem Ausweichmanöver, um den Zusammenstoß mit einem Tier zu vermeiden, zu Schäden am Motorrad, sind diese– als sogenannte Rettungskosten – ebenfalls von der Teilkaskoversicherung gedeckt.

Allerdings versuchen die Versicherer sich auch hier regelmäßig ihrer Leistungspflicht zu entziehen. Das klassische Argument lautet, der Ausweichvorgang sei nicht geboten gewesen und hätte ein Gefahrenpotenzial geschaffen, das erheblich höher gewesen sei, als das der Kollision. Bei einem Ausweichmanöver zu Gunsten einer Maus mag dies zutreffend sein, bei einem Reh aber wohl eher nicht (vgl. OLG Koblenz v. 19.05.2006, Az.: 10 U 1415/05). Allerdings kann ein Ausweichmanöver mit einem Motorrad auch bei kleineren Tieren, wie z.B. Mardern (LG Halle (Saale), v. 02.10.1996, Az.: 5 O 216/96; OLG Sachsen-Anhalt v. 07.05.1997, Az.: 5 U 45/97), Kaninchen oder Hasen (OLG Köln v. 20.10.1998, Az.: 9 U 176/97) durchaus gerechtfertigt sein und einen Ersatzanspruch begründen.

Die fahrdynamische Situation des Motorrads ist entscheidend

Motorräder verfügen über eine geringere Bodenhaftung und Fahrstabilität als Pkw – und was bei einem Autofahrer als nicht geboten einzustufen ist, kann bei einem Motorrad angemessen sein (OLG Hamm v. 16.12.1992, Az.: 20 U 171/92). Ob dies der Fall ist, beurteilt sich, neben der der Größe des Tieres, insbesondere auch anhand der fahrtechnischen Situation zum Zeitpunkt des Ausweichmanövers.

Wo eine Kollision bei einer stabilen Geradeausfahrt in Kauf zu nehmen sein kann, muss dies bei einer Kurvenfahrt mit Schräglage noch lange nicht der Fall sein. In einer derartigen Situation dürfen die „ganz erhebliche Gefahr eines seitlichen Wegrutschens des Krades und damit zugleich einer schweren Verletzung des Fahrers wie auch einer beträchtlichen Beschädigung des Krades selbst“ nicht außer Acht gelassen werden (LG Hamburg, v. 03.08.2006, Az.: 323 O 106/06).

Zusammenfassung

Wenn ein Motorradfahrer abbremst oder ausweicht, um eine Kollision z.B. mit Kaninchen, Hase, Fuchs, Marder, Wiesel, etc. zu vermeiden, hat er regelmäßig auch nicht unverhältnismäßig reagiert (LG München I v. 14.04.2010, Az.: 25 O 13700/09; OLG Hamm v. 03.05.2001, Az.: 6 U 209/00).

Allerdings muss der Motorradfahrer beweisen, dass ein Zusammenstoß unmittelbar bevorstand und Haarwild oder ein Tier die Ursache war. Kann er dies nicht, droht er leer auszugehen. Eine Beweiserleichterung, wie sie z.B. bei Diebstahl vorliegt, existiert für Wildschadensfälle nicht (Thüringer OLG v. 12.05.1999, Az.: 4 U 1639/98). Für denjenigen, der keinen Ersatz aus der Teilkasko erhalten kann, bleibt aber immer noch der Weg über eine etwa vorhandene Vollkaskoversicherung. Sollte es Probleme mit dem Versicherer oder den Behörden geben, stehen Ihnen die Anwälte der ETL Kanzlei Voigt zur Seite, damit Sie den Ihnen zustehenden Schadenersatz erhalten und auch sonst zu Ihrem Recht kommen.

Wer das Tier mitnimmt macht sich zum Wilderer!

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass der Tierkadaver nicht mitgenommen werden darf. Die Mitnahme würde den Tatbestand der Wilderei verwirklichen.

Unser Autor ist Rechtsanwalt Dr. Wolf-Henning Hammer, Kanzlei Voigt Rechtsanwalts GmbH, Dortmund.

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