Neue Motorradreifen im Test: Schwarzer Klebstoff

Neuheiten verschiedener Marken

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Judith Leiterer

Der Avon Sprit ST deck eine große Bandbreite an Fahrzeugtypen und Leistungsstufen ab.
Der Avon Sprit ST deck eine große Bandbreite an Fahrzeugtypen und Leistungsstufen ab. (Bild: GeeBee Images)

Moderne Hochleistungs-Pneus sollen oft sehr sportliche Fahreigenschaften auf trockener Straße mit ungewöhnlich hoher Nass-Haftung verknüpfen. Das gelingt nicht immer gleich gut.

Motorradreifen der sportlichen Art müssen auf spaßigen Landstraßen genauso gut funktionieren wie auf Rennstrecken und zwar auf Maschinen mit 75 PS wie auf welchen mit 200 PS. Das ist kein einfaches Unterfangen.

„Der Spirit ST ist unser neuer Hochleistungsreifen für die Fahrer von Hypersport-Motorrädern“, sagt Ashley Vowles von der britischen Reifenmarke Avon. Besieht man sich die mit dem neuen Reifen besohlten Testbikes, wird erkennbar, dass „Hypersport“ ein Begriff aus dem Marketing ist – der Bogen reicht nämlich von der 175 PS starken KTM 1290 Superduke R über eine Kawasaki Z 1000 SX mit rund 140 PS bis herunter zur nur 75 PS leistenden Yamaha MT-07 Tracer. Bei letzterer kann von Hypersport nun wirklich keine Rede sein. Was in diesem Fall aber keineswegs stört, sondern vielmehr die Bandbreite an Fahrzeugtypen und Leistungsstufen aufzeigt, die der Reifen abdeckt. Sporttouring wäre natürlich der geläufigere und auch präzisere Begriff, aber Hypersport klingt halt besser.

Avon hat tief in die Trickkiste gegriffen hat und es nicht bei der mittlerweile üblichen Reifentechnologie mit hohem Silica-Anteil und Tri-Poylmeren belassen; dazu gehören unterschiedliche Laufflächenmischungen für die Schultern (weicher für mehr Grip) und die Laufflächenmitte (härter für mehr Ausdauer) oder auch eine sogenannter Null-Grad-Gürtel der Karkasse; der ist vorteilhaft für eine hohe Stabilität des Pneus auch bei sehr hohen Geschwindigkeiten. Im Gegensatz zu manch anderem neuen Reifen, der ebenfalls diese Zielgruppe anpeilt, ist das Negativprofil beim Spirit ST – gemeint ist die Profilierung – sehr ausgeprägt und so geformt, dass bei Fahrten auf nasser Straße sehr viel Wasser zur Seite verdrängt werden kann. Dass das funktioniert, ist beim Bremstest auf beregneter Fläche unschwer zu bemerken; die Nasshaftung dieses Reifens ist beeindruckend gut.

Beim Fahren auf der Rennstrecke kann der Avon Spirit ST sowohl durch sehr gute Haftung, hohe Stabilität in Kurven und auf der Geraden wie auch erstaunlich geringen Abrieb überzeugen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil keines der Bikes auf Rennstreckenbetrieb abgestimmt ist; im Chassis ist bei forscher Kurvenfahrt am Rande des Möglichen jede Menge Bewegung, was „Gift“ für Reifen ist. Die auftretenden Belastungen steckt der Avon beim gut 300 Kilogramm schweren Luxus-Sporttourer Yamaha FJR 1300 (144 PS) gleich gut weg wie bei der mit sehr langen Federwegen ausgestatteten KTM 1190 Adventure (150 PS) oder der vergleichsweise federleichten Yamaha XSR 900 (115 PS), die nur 195 Kilogramm wiegt. Zu haben ist der neue Briten-Gummi ab sofort in immerhin elf Größen fürs Hinterrad und acht Größen fürs Vorderrad.

Ähnliche Erfahrungen ließen sich dieses Frühjahr auch mit den neuen Reifen von Conti, Dunlop und – eingeschränkt – Michelin sammeln. Road Attack 3 heißt die jüngste Version des neusten Tourensportreifens von Continental; er wird sogar in 14 bzw. 9 Größen (hinten/vorne) gefertigt, die teils aber erst im Laufe des Jahres im Handel sein werden. Hier reichte die Breite der Testbikes von der KTM 690 Duke bis zur BMW S 1000 R. Wie alle neuen Reifen wärmt sich auch der Conti sehr schnell auf und überzeugt mit perfektem Grip auf trockenen Straßen sowie prima Handling und höchster Stabilität; der gegenüber dem Vorgängermodell Road Attack 2 nach Herstellerangaben deutlich verbesserte Nassgrip blieb beim Test allerdings verborgen; nasse Straßenabschnitte waren Fehlanzeige.

Ebenfalls für den Bereich Hypersport bzw. Tourensport, also engagiertes Landstraßenfahren ausgelegt ist der neue Dunlop Sportsmart 2 Max, Nachfolger des Sportsmart 2. Hier zeigt sich weniger der Hinterreifen überarbeitet als vielmehr der Vorderreifen, wodurch die Aufstellneigung beim Bremsen in Kurven verringert werden soll. Um 25 Prozent verbessert sich laut Dunlop die Haltbarkeit, um vier Prozent der Nassgrip. Dafür sind unter anderem leicht veränderte Gummimischungen ursächlich – ohne Silica und Tri-Polymere kommt heute kein einziger leistungsfähiger Reifen mehr daher. Auf nassen Landstraßen in Südfrankreich überzeugte der neue Max-Pneu. Besonders deutlich wurde das durch die Möglichkeit, das Testbike – in diesem Falle eine Kawasaki Z 900 – auch mit dem Vorgängerreifen zu fahren. Gefühlt wiegt die Kawa mit dem neuen Reifen 20 Kilogramm weniger als mit dem alten. Auf dem Dunlop-Testgelände zeigte sich dann, dass der Sportsmart 2 Max auch bei trockener Strecke auf einer 160 PS starken BMW S 1000 R bereits innerhalb einer halben Runde genug Grip aufbaut und andererseits genügend Leistungsreserven besitzt, um nicht zu überhitzen. Es gibt den neuen Dunlop-Pneu in acht bzw. vier Größen (hinten/vorne).

In neun bzw. vier Größen legt Michelin den neuen Power RS auf, Nachfolger von Pilot Power bis Pilot Power 3. Auch dieser Reifen wendet sich an die „Hyperbikes“, also stark bis sehr stark motorisierte Motorräder, die primär auf Landstraßen bewegt werden und höchstens gelegentlich mal auf die Rennstrecke kommen. Michelin fokussiert, gut erkennbar durch die sehr sparsame Profilierung, eindeutig hohen Trockengrip, denn die Drainagewirkung des Profils ist nur sparsam ausgeprägt. Ein insgesamt also sportlicher ausgelegter Reifen, für den Alltagseinsatz weniger geeignet. Dafür steckt er Rennstreckenbelastungen, wie sie bei der Präsentation auf der MotoGP-Strecke in Doha/Katar auftreten, klaglos weg und beeindruckt dort mit hoher Stabilität auf der Geraden wie in schnellen Kurven. Eine Regenfahrt über die Großglockner-Hochalpenstraße bei unter zehn Grad dürfte mit diesem Reifen aber vermutlich weniger vergnüglich sein.

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