Annette Heil: Ich mache mir viele Gedanken, wie ich uns nach außen präsentiere

Autor / Redakteur: Karin Schickinger / Martina Eicher

Dritte des Awards Bike Woman of the Year, den »bike und business« gemeinsam mit der Community-Plattform Fembike.de, BMW Motorrad, Hermann Hartje KG und Harley-Davidson ausrichtete, heißt Annette Heil. Gemeinsam mit ihrem Mann Toby führt sie Toby's Garage, eine freie Werktstatt in Fulda. Fembike sprach mit der stolzen Bike Woman Nummer Drei.

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Belegte den dritten Platz beim Award „Bike Woman of the Year“ 2015: Annette Heil.
Belegte den dritten Platz beim Award „Bike Woman of the Year“ 2015: Annette Heil.
(Foto: Annette Heil)

Redaktion: Wie kamst du auf die Idee, dich bei dem Award „Bike Woman of the Year“ zu bewerben?

Annette Heil: Wir waren mit Toby's Garage 2013 freie Werkstatt des Jahres, eine Auszeichnung, die auch »bike & business« vergibt. Wir lesen die Zeitschrift und bekommen den Newsletter. Irgendwo habe ich dann gelesen, dass es den Award gibt. Ich finde es toll, dass hauptberuflich in der Motorradbranche arbeitende Frauen ausgezeichnet werden. Sonst stehen die Frauen immer in der zweiten Reihe und die Männer meistens vorn.

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Und da dachtest du, bei diesem Award bewerbe ich mich?

Ja! Auch wenn die Frauen meistens die zweite Geige in der Motorradbranche spielen, halten sie doch oft den Laden am Laufen. Wenn die Frauen wegbrechen würden, die überall arbeiten, dann sähe manch eine Werkstatt oder ein Motorradhaus alt aus.

Seit wann arbeitest du in der Motorradbranche?

Seit 2009. Damals habe ich mit meinem Mann Toby's Garage gegründet und war von Anfang an mit dabei. Ich komme eigentlich aus der Baubranche. Mit der Zeit habe ich mich eingearbeitet. Ich organisiere die Arbeitsabläufe in der Werkstatt, unsere Kundentouren und kümmere mich ums Marketing. Mittlerweile kann ich auch meinen Mann ein bis zwei Tage vertreten – nur beim Schrauben nicht.

Dein Mann Toby ist für die Reparaturen zuständig?

Mein Mann arbeitete ab 1999 bei einem BMW-Motorradhaus in Fulda als Mechaniker. Nachdem er seinen Meister gemacht hatte, bot sich für ihn dort keine Perspektive. Nach einer Saison Werkstattleitung bei einem freien Motorradhändler kam die Idee und der Wunsch nach einer eigenen Werkstatt, und so begann die Selbstständigkeit. Wir beschlossen, gemeinsam Toby's Garage zu gründen. Es war ein Risiko, aber wir haben uns getraut.

Du hast auch deinen Job aufgegeben?

Ich war im öffentlichen Dienst angestellt und mein Vertrag lief dort aus. Den habe ich nicht verlängert. Es hat sich von der Zeit her einfach gut gefügt. Es gab nur acht Wochen, die sich überschnitten haben. Da bin ich in jeder Pause in unsere neue Firma und nach Feierabend. Das war schon anstrengend, wir haben jeden Abend bis halb zehn, zehn Uhr gearbeitet.

Sind eure Arbeitszeiten heute besser?

Wir arbeiten immer noch mehr als in einem Angestelltenverhältnis, aber mit der Zeit haben wir die Arbeitsabläufe optimiert. Wir haben ja aus dem Nichts heraus die Werkstatt gegründet. Wir haben ja keine übernommen oder geerbt. Das macht schon einen Unterschied, ob du einen Kundenstamm übernehmen kannst oder dir selbst einen aufbauen musst.

Kannst du schätzen, wie viele Kunden ihr heute habt?

Da muss ich nicht schätzen, da jeder Neukunde eine Kundennummer bekommt, sagt mir mein Abrechnungssystem, dass wir über 1000 Kunden haben. Da ist zwar eine gewissen Fluktuation dabei aber es kommen ja auch immer wieder neue Kunden dazu.

Wie weit ist euer Einzugsgebiet? Von woher kommen eure Kunden?

Die meisten kommen aus Fulda und Umgebung, also aus ungefähr 25 Kilometer Entfernung. Es gibt auch welche, die bis zu 60 Kilometer weit zu uns fahren, aus Thüringen oder vom Vogelsberg. In Ausnahmen kommen sie auch von noch weiter weg zu uns. Das liegt an unserer Spezialisierung auf BMW-Motorräder.

Da hattet ihr aber von Anfang an die Konkurrenz des Motorradhauses, aus dem Toby kam.

Dieser Händler schloss seine Motorradsparte in dem Jahr, in dem wir unsere Firma aufgemacht haben. Und ein Jahr später, 2010, hat ein neues BMW-Motorradhaus aufgemacht. Aber wir machen nicht nur BMW-Motorräder, sondern auch viele andere Marken.

Ihr seid also das lebende Beispiel dafür, dass es gelingen kann, eine freie Werkstatt ohne Markenbindung zu etablieren.

Es ist ja im Zweiradbereich leider so, dass sich jeder, der ein paar Jahre als Geselle gearbeitet hat, mit einer Motorradwerkstatt selbstständig machen kann. Niemand braucht dazu einen Meistertitel. Deshalb gibt es viele Ein-Mann-Betriebe, die eher im Hintergrund agieren. Das heißt nicht, dass sie einen schlechten Job machen. Viele machen nur kein Marketing. Sie präsentieren sich nicht nach außen zum Beispiel wegen mangelnder Zeit. Ich kann mich nicht darum kümmern, ich muss doch schrauben, heißt es bei denen immer.

Das ist bei euch anders, das ist der Unterschied?

Ja, ich mache mir viele Gedanken darum, wie ich uns nach außen hin präsentieren kann. Wie kann ich unsere Facebook-Seite nach vorne bringen, wie kann ich Toby's Garage als Marke festigen, was kann ich tun, dass unsere Marke in den Köpfen der Leute hängen bleibt.

Dazu gehören auch Aktionen zur Kunden-Werkstatt-Bindung, wie ich auf euer Website gesehen habe.

Wir haben von Anfang an zum Saisonstart an einem Samstag im April eingeladen. Die Veranstaltung beginnt mit einem Frühstück. Anschließend geht es auf zirka 150 Kilometer lange Ausfahrt, die wir jedes Jahr neu ausarbeiten. Dazu bilden wir drei bis vier Gruppen mit Tourguides, denn es kommen meist um die 50 Kunden. Nach der Tour schmeißen wir den Grill an und es gibt Kaffee und Kuchen.

Ihr veranstaltet aber nicht nur dieses Event?

Wir bieten auch im Sommer eine Zwei-Tages-Tour an. Die ist immer ruckzuck ausgebucht, denn wir nehmen maximal zehn Motorräder mit. Die Reise arbeiten wir vorher komplett aus, das heißt, wir fahren die Strecke ab und testen die Hotels. Das ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Manchmal ist die Strecke, die wir uns ausgedacht haben, überhaupt nicht lohnend. Oder der Hotelbesitzer, der am Telefon noch zugesagt hat, zehn Zimmer für eine Nacht reservieren zu wollen, will dann doch nicht mehr.

Und Renntrainings?

Das haben wir früher mal angeboten, doch die Kunden haben es nicht so angenommen oder falsche Vorstellungen gehabt. Wir persönlich gehen aber für uns ab und zu auf die Rennstrecke. Mein Mann sowieso zum Spaß und zur Übung. Ich war im Winter mit meiner Honda CY 50 – kennst du das Modell?

Im Augenblick bin ich da überfragt …

Das ist der Nachfolger der Honda Dax. Mein CY ist Baujahr 1983 und fährt 40 km/h. Und damit bin ich in Valencia auf die Rennstrecke beim Mechanical+Kids-Drive. In zwanzig Minuten habe ich genau drei Turns geschafft, obwohl die CY zum Schluss sogar 50 km/h lief. Wahrscheinlich vor Freude, weil sie mal auf eine Rennstrecke durfte.

Wie viele Leute seid ihr in Toby's Garage?

Im Augenblick sind wir zu dritt. Wir haben einen Azubi ausgebildet und übernommen, Timo Weiß arbeitet jetzt als Geselle bei uns. Zwei Tage in der Woche kommt noch ein Jahrespraktikant der Fachoberschule. Das ist schon auch ein Schwerpunkt von uns: Ausbildung, Weiterbildung, Jugendförderung. Deshalb wollen wir im Sommer wieder einen Azubi einstellen.

Oder vielleicht eine Azubine?

Gern auch eine Azubine. Zweirad-Mechatronikerin ist ein Job, den Mädchen gut machen können. Auch wenn es immer schwerer wird, jemanden zu finden, der im Handwerk arbeiten will – vor allem als so kleiner Betrieb wie wir.

Hängt das vielleicht auch damit zusammen, dass die Jugend heute nicht mehr so gern Motorrad fährt?

Ich glaube nicht, dass Motorradfahren und Interesse für Technik unbedingt zusammen hängen. Es ist auch festzustellen, dass seit der Führerscheinreform wieder mehr junge Menschen 125er fahren. Das wird auch dadurch unterstützt, dass einige Motorradmarken attraktive 125er Modelle im Programm haben wie zum Beispiel KTM. Allerdings sind Mädchen oder junge Frauen eher die Ausnahme.

Aber ihr habt schon Kundinnen?

Motorradfahrerinnen kommen gern zu uns, weil sie merken, dass sie bei uns für voll genommen werden. Es passiert doch oft, dass eine Frau in die Autowerkstatt kommt und die Mechaniker nehmen sie nicht für voll. Das ist bei uns anders. Wir behandeln unsere Kundinnen genauso wie die Kunden: Sie sind bei uns gleichberechtigt.

Repariert ihr ausschließlich Motorräder oder verkauft ihr auch welche?

Wir verkaufen nur als Agentur für uns bekannte Kunden und dann nur Motorräder, die wir gut und über Jahre kennen. Wir haben also keinen Gebrauchthandel. Dazu haben wir keinen Platz. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wir haben ja noch mindestens 25 Jahre vor uns.

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Zuerst einmal einen Azubi für den Sommer, dann dass die Auftragslage stabil bleibt und als drittes immer gutes Wetter. Vor allem im Frühjahr, denn wenn das Frühjahr schlecht ist, das holst du auch durch einen guten Sommer nicht mehr auf. Und dass wir gesund bleiben und das Saisongeschäft weiterhin gut aushalten mit dem Stress im Sommer und der Sauregurkenzeit im Winter. Dass wir damit die nächsten 25 Jahre gut umgehen können, das wünsche ich mir.

Das Interview führte Karin Schickinger für Fembike.de.

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