Das Lied vom brisanten Reifen

Mein Aufruf im Speedlog hat ein lebhaftes Echo ausgelöst. Zahlreiche Händler und Werkstätten sind aktiv geworden und haben mir ihren Umgang mit den „brisanten Reifen“ geschildert. Eine Auswahl der prägnantesten Stimmen möchte ich hier zu Wort kommen lassen:

Martin Riedel, Geschäftsführer Ducati Berlin/Fast Motorbikes GmbH:

1. Wie gehst du mit Kunden um, die in eure Werkstatt kommen und eigene (zumeist im Internet bestellte) Reifen mitbringen? Schickst du die nach Hause oder verlangst du etwa andere Montagesätze? Welche Margen bleiben euch jeweils bei online bzw. bei stationär gekauften Reifen?
Wir lehnen Kunden mit selbst mitgebrachten Reifen nicht grundsätzlich ab, aber es ist für uns nicht ideal. In solchen Fällen berechnen wir einen Aufschlag von zehn Prozent auf die reguläre Rechnung. Unsere Reifen beziehen wir direkt über Ducati (Metzeler / Pirelli) und verkaufen diese zum UVP – dabei liegt unsere Marge bei etwa 45 Prozent. Bei Online-Reifen bleibt für uns natürlich nichts hängen, was sich deutlich auf die Wirtschaftlichkeit auswirkt.

2. Wie steht es um die Gewährleistung für die reine Montage und wie steht es um die Produkthaftung bei Reifen, die nicht von euch bezogen wurden? Hast du weitere rechtliche Bedenken?
Bei mitgebrachten Reifen übernehmen wir keinerlei Gewährleistung oder Produkthaftung. Die rechtlichen Risiken wollen wir bewusst minimieren, weshalb wir in solchen Fällen auch entsprechend klar kommunizieren und dokumentieren.

3. Worin liegen aktuell die größten Probleme im operativen Alltag bei der gesetzlichen Neuordnung der Reifenzulassungen von Motorrädern, die 2025 in Kraft trat? (Ende der Reifenfreigabe, Neuregelung der Reifenbindung, Notwendigkeit von Einzelabnahmen etc.)
Unsere Kundschaft fährt überwiegend Serienbereifung, daher haben wir bislang kaum Überschneidungen mit den gesetzlichen Änderungen. Die neuen Vorschriften betreffen uns aktuell nur am Rand.

4. Sonstige Anmerkungen eurerseits.
Der Trend zum Reifenkauf im Internet ist für Werkstätten eine wirtschaftliche Herausforderung. Kunden sehen oft nur den Preisvorteil, nicht aber die Folgen für Servicequalität, Sicherheit und Verantwortung. Hier wäre mehr Aufklärung wünschenswert – idealerweise schon beim Onlinekauf.
Anmerkung: Wir wissen, dass viele Werkstätten und Händler hier anders handeln und Reifen ein sehr spezielles Thema bzgl. der Rabatte und Internetangebote ist. Wir verkaufen Premium Produkte und sind der Meinung, dass das auch beim Service so sein sollte. Deshalb beziehen wir (wenn auch teurer) unsere Reifen ausschließlich beim Großhändler und verkaufen die Reifen zum Listenpreis. Wir haben aber für die Montage einen eigenen (reduzierten) Stundenverrechnungssatz der deutlich von unserem eigentlichen abweicht.

Ralf Schnelle, Fa. Schnelle Motorräder, Motorradwerkstatt in Altenbeke-Buke:

Kunden mit im Internet gekauften Reifen werden abgewiesen, fremd gekaufte Reifen montiere ich nicht. Zur Neuregelung der Reifenbindung: Es ist mir unbegreiflich, wie eine für jeden ersichtliche, technisch unsinnige, Beratungsintensive und Kosten produzierende gesetzliche Änderung, nicht rückgängig gemacht wird.

Es trifft die Youngtimer-Fahrer, die schon mit dem E5 Benzinzusatz zu kämpfen haben, wenig fahren und häufig nicht die gängigen Reifengrößen montiert haben. Wenn nach der aktuellen Version die Reifenbindung austragen werden kann (passende Hüllkurvenwerte vorausgesetzt), ist dies nicht eine Gleichstellung mit E- zugelassenen Motorrädern, sondern es müssen die Herstellerbescheinigungen der Reifenhersteller beachtet werden – somit eine Vorgaben-Rückstellung auf die Reifenfreigaben wie früher.

Ein nie erwähnter Hohn bei der Reifengeschichte: Ich habe als Werkstatt keine Möglichkeit die so wichtigen Hüllkurvenwerte in Erfahrung zu bringen und  ich habe keine Möglichkeit, die Angaben zu den Reifenbindungen im CoC Papier/in der Fahrzeug-ABE einzulesen. Ich arbeite in den Punkten mit der Dekra zusammen. Ein inoffizieller, indirekter Weg, um an die benötigten Unterlagen zu kommen.

Die Reifenabnahme /Eintragung eines definierten Profils erfolgt wieder auf Basis der Hersteller – Bescheinigungen. Ohne diese Herstellerbescheinigung wird es eine sehr kostspielige Einzelabnahme.  Es wird vom Prüfingenieur die Herstellerbescheinigung genommen, die Reifendaten mit den montierten Reifen verglichen, ein Beweisfoto wird erstellt und die kostenpflichtige Abnahmebescheinigung erstellt, inkl. dem deutlichen Hinweis: Die Änderungen müssen unverzüglich in die Fahrzeugpapiere eingetragen werden. Das bedeutet: Besuch beim Straßenverkehrsamt. Wieder gegen Gebühr und mit Zeitaufwand! Bürokratieabbau sieht anders aus. Es geht eher in Richtung Wahnsinn.“

Jessica & Hans-Hermann Ruser, Motorrad Ruser, Haseldorf:

„Wir montieren grundsätzlich keine Reifen, die nicht bei uns gekauft wurden.“

Jörn Pölderi, Serviceleiter BMW Motorrad, Kohl Automobile GmbH, Aachen:

„Auch bei uns kommen immer wieder Kunden, welche (angeblich) den Reifensatz noch zu Hause hatten oder von einem Freund bekommen haben. Es scheint, es ist denen peinlich zuzugeben, dass sie die Reifen online erworben haben. Nur bei von Kunden angelieferten Reifen verrechnen wir die offiziellen Arbeitswerte des Herstellers. Dann sind die Kunden teilweise über den Montagepreis so irritiert, dass sie das nächste Mal die Reifen über uns bestellen. Bei über uns bezogene Reifen haben wir einen deutlich verringerten Montagefestpreis; teilweise die Hälfte zum offiziellen Preis je nach Modell. Prinzipiell schreiben wir auf die Rechnung, dass die Reifen vom Kunden angeliefert wurden. Auch wenn uns das im Rechtsfall, je nach Gericht, wahrscheinlich nicht viel weiterhelfen wird, da man dort teilweise der Meinung ist: wir sind Fachwerkstatt und Kunde ist Laie.“

Vielen Dank für die Zusendungen. Sie zeigen, dass hier viel Angstpotenzial vorhanden ist. In der »bike & business «, die am 1.August erscheint, haben wir einen differenzierten Beitrag eines spezialisierten Rechtsanwalts, der Risiken, aber vor allem auch Chancen bei diesem brisanten Reifenthema aufzeigt.

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