Ute Nölte, Geschäftsführung/Buchhaltung Motorrad Nölte in Potsdam, hat dazu folgende Meinung (der Leserbrief wird in leicht gekürzter Form wiedergegeben):
„Einfach ohne Worte. Ich habe diese 45-km/h-Fahrer täglich vor mir auf der Landstraße. Herr Jodl, hat vollkommen recht, es wäre hilfreich im Straßenverkehr, die stellen eine echte Gefahr dar. Dass diese Fahrer selber keine Angst haben, ist bewundernswert. Aber es war klar wie Kloßbrühe, dass diese Petition keine Chance gehabt hatte, weil nichts in diesem Land, was mit Vernunft zu tun, irgendwelche Chancen hat. Jeder Bereich unseres Lebens ist betroffen, nur noch Reglementierungen, praxisferne Ideen und Vorschriften, Behördenwillkür...
Der grüne Pakt für die Reifenentsorgung, Hitzetote, bei mir regnet es nur, in den Schulen gibt es zu oft Fleisch. Dass die Toiletten da marode sind und die Kinder da nicht rauf wollen – darüber spricht keiner! Dafür vom TÜV für alte Autos jedes Jahr, Heizungs- und Lieferkettengesetz oder aktuell das (Motorrad)-Reifenchaos…
Ich habe bewusst alles durcheinander aufgezählt. Denn so ist es: Ständig was Neues für alle und jeden privat oder Unternehmer, völlig egal, hauptsache wir sind beschäftigt und haben keine Zeit über die wichtigen Dinge des Lebens nachzudenken, etwa die Praxis- und Bürgerferne in Berlin oder Brüssel zu beseitigen…
Ende letzten Jahres kam es in Berlin und Brandenburg kaum bzw. verschleppt zu Kfz-Zulassungen. Wir Händler haben Blut und Wasser geschwitzt, aber die zuständigen Mitarbeiter waren abkommandiert in andere Abteilungen. Diese Situation, gepaart mit Euro 5+, da kam Freude auf. Na ja, zur Not hätten wir die sibirischen Sümpfe mit unseren Motorrädern trockengelegt, wenn das Zulassen nicht mehr geklappt hätte. In der Politik scheinen ständig Entscheidungen getroffen zu werden, welche dem Volk, den Menschen, den Unternehmern das Leben schwer machen…
Vor 40 Jahren wollten wir schon Motorradhändler sein, ging nicht in der DDR, bin ja ein Ostler, aber dann 28.12.1990 haben wir uns unseren Traum erfüllt, jetzt macht es „0“ Spaß mehr. Und wir werden wohl aufhören, meinen Kindern habe ich schweren Herzens davon abgeraten. Ich liebe V8, stehe gerne an der Tankstelle, höre gern Motorradklänge. Ja, ich weiß: laut ist out. Trotzdem kann für mich nur Benzin Leidenschaft zu Fahrzeugen erwecken…
Wenn ich nicht vier wunderbare Enkel hätte, zehn Tage, eins, zwei und vier 4 Jahre alt, wäre ich wahrscheinlich schon weg, aber deren Umarmungen lassen mich für den Moment immer alles vergessen. Darum bleibe ich hier.“
Patrick Link von Moto Link aus dem rheinland-pfälzischen Flacht bewertet die Causa Tempo 60 komplett anders und findet das allgemeine „Politiker-Bashing“ fehl am Platz. Nach eigenem Bekunden fährt er jeden Morgen nicht mit dem Pkw, sondern jeden Tag (auch im Winter) mit einem (nicht entdrosselten) 50er-Roller zur Arbeit! Er gibt mit folgenden Argumenten contra (auch dieser Leserbrief wurde leicht gekürzt):
„Das ständige Bashing der Politik geht mir ein klein wenig auf die Nerven. Diese Berichterstattung zur Höchstgeschwindigkeit der 50er ist einseitig und – natürlich branchenindiziert – wenig selbstkritisch. Solches – nach meiner Meinung hier unangebrachtes – Bashing der Politik erzeugen die Stimmung, mit welchen Parteien wie die AfD versuchen (unter anderem die EU) zu diskreditieren.
Die 60 km/h der „Ost-Fuffies“ und 50 km/h der „alten Fuffies“ beruhen auf der Besitzstandsregelung, Punkt! Das wird hier schlicht verschweigen aber beim Thema Reifengutachten darauf gepocht. Da ist „die Branche“ doppelzüngig.
Der Gedanke der Besitzstandsregelung ist, dass jemand behalten darf, was er hat, im Falle von Fahrzeugen aber „der Zahn der Zeit“ für langsames Verschwinden sorgt. Die Ost-Fuffies als Argument zu nehmen, aktuelle Fahrzeuge müssten die gleiche Höchstgeschwindigkeit haben dürfen wäre vergleichbar damit zu sagen, ein VW Golf 8 muss den selben Dreck aus dem Auspuff blasen dürfen wie ein VW Golf 1, denn der darf es (nach Besitzstandregelung) ja auch.
Die Welt zeigt, dass wir als Europa zusammenwachsen müssen, um stark zu sein. Stattdessen dividieren wir uns mit derart unsinnigen Diskussionen auseinander.
Wir (Deutschland) haben die 45 km/h im Zuge der Europäisierung mit übernommen und in anderen europäischen Staaten macht sie auch durchaus Sinn (40 km/h innerorts). Immer öfter darf man auch bei uns nur noch 30 km/h in Ortschaften fahren, womit das Argument „60 km/h sind sicherer“ weil „fahren ja alle 50 km/h oder mehr innerorts“ zwangsläufig ad absurdum geführt wird.
Hinzu kommt, dass Fahrzeughersteller dann wieder länderweise gesonderte Modelle produzieren müssen. Bereits 2001 haben einige Hersteller (MBK/Yamaha z.B., meine ich mich zu erinnern) ihre Fahrzeuge mit 45 km/h angeboten, statt noch die letzten Modelle mit 50 km/h abzusetzen. Warum wohl? Weil es für die Hersteller einfacher und günstiger ist. Außerdem können bei europaweit einheitlichen Bestimmungen grenznah wohnende Fahrzeugbesitzer ihre Gebrauchtfahrzeuge seit 2002 über Landesgrenzen hinaus verkaufen, was sowohl für Käufer als auch Verkäufer ein Vorteil ist.
Ich halte das Argument „alle müssen 60 fahren dürfen, weil die DDRler mal 60 fahren durften“ für fadenscheinig. Europaweit 45 km/h, Besitzstandsregelung wird geachtet und fertig. Wenn gemeckert werden soll, dann bitte bei Themen, wo es Sinn macht und Argumente auch Argumente sind.“
Danke den beiden meinungsstarken Leserbriefschreibern! Freiheit und Demokratie lebt vom Austausch von Argumenten. Es zeigt auch, dass unsere Welt zunehmend komplexer wird und eine Medaille immer zwei Seiten hat.
