Avinton – edle Handarbeit aus Frankreich

Der Traum vom Ami-Big-Block im filigranen Roadster-Fahrwerk

| Autor / Redakteur: Thilo Kozik / Stephan Maderner

(AVINTON Motorcycles)

Motorradmanufakturen schaffen es mit ihren erlesenen Produkten immer wieder, die Begehrlichkeiten der Biker zu wecken. »bike und business«-Autor Thilo Kozik hat eine ganz besondere Firma besucht: Avinton in Südfrankreich.

Nicht nur die großen Hersteller, auch kleine, auf Handarbeit spezialisierte Motorradmanufakturen haben es schwer in diesen Zeiten. Das sieht man hierzulande bei Horex, doch auch im befreundeten Ausland: Schon vor ein paar Jahren hat Joël Domergue mit seiner Wakan und der Idee eines mächtigen Ami-Big-Blocks im filigranen Roadster-Fahrwerk zwar viel Aufsehen erregt. Infolge der weltweiten Zweiradkrise musste das Unternehmen aus Montpellier in Frankreich aber 2011 die Pforten schließen, kaum dass zwei Dutzend Motorräder erschaffen wurden.

Damit war jedoch nicht Schluss für die Idee einer zweirädrigen Cobra, in Anlehnung an den automobilen Traum von Carroll Shelby. Kurz nach der Firmenschließung erwarb Cédric Klein, ein Motorrad-Enthusiast, der sein Geld mit der Entwicklung innovativer thermodynamischer Systeme gemacht hat, Pläne, Patente und Produkte, verlagerte das Unternehmen nach Sommières im Gard unweit Montpellier und gab ihm einen neuen Namen: Avinton. Unter seiner Führung werden in der Motorrad-Manufaktur drei Avinton-Modelle von Hand zusammen gebaut: Die Race, GT und Roadster, alles Muscle Bikes und Landstraßenroadster im besten Sinne.

Allen gemein ist der dominante luftgekühlte V2-Motor aus der amerikanischen Spezialistenschmiede S&S, um den sich das puristische Rest-Motorrad schmiegt. Das Zentrum bildet ein monumentaler stoßstangengesteuerter S & S-Twin mit 1647 cm3 Hubraum und einem Zylinderwinkel von 45 Grad, der von einem 41er-Keihin-Flachschiebervergaser beatmet wird. Der luft-ölgekühlte Zweiventiler ist gut für 120 PS, die von einem Fünfganggetriebe verarbeitet werden, doch vielmehr imponiert das gewaltige Drehmoment von 168 Newtonmeter schon bei 3000 Touren. Darüber spannt sich eine kleine Tankattrappe mit kurzem Höckerchen, durch das der Sprit in den 13-Liter-Tank gelangt. Die französische Linie von Technical Development Manager Kevin Laigle versprüht schon im Stand Kraft, Dynamik und Fahrspaß pur.

Doch so mächtig die Bikes auch aussehen, beim Aufsitzen fühlen sie sich nicht zuletzt durch die extrem schmale Taille geradezu filigran an – ungewöhnliche Lösungen und Komponenten herrschen auch beim Fahrwerk vor und machen dieses Erlebnis erst möglich. Zwischen Lenkkopf und der kaltgepressten Leichtmetall-Schwinge stellt ein kräftiger Zentralrohrrahmen die Verbindung her, der Motor wird mittragend aufgenommen. Doch das Stahlgerüst dient nicht nur der Stabilisierung, es fungiert auch als Ölreservoir für den Schmierkreislauf. Vorn werkelt eine 46er-Upside-Down-Gabel vom italienischen Federungsspezialisten Ceriani, hinten verrichtet ein Sachs-Federbein seinen Dienst – beide sind komplett einstellbar ausgeführt. Die Avinton-Modelle rollen auf leichten und edlen Schmiederädern aus dem Hause Marchesini, darauf sind serienmäßig Continental-Pneus im Format 120/70ZR17 vorn und 180/55ZR17 hinten aufgezogen. Einheimischen Touch bekommen die französischen Musclebikes durch die brachialen Beringer-Bremsanlagen an der Vorderhand verliehen, die mit Sechskolben-Festsattelzangen operieren. Wahlweise als Einscheibenbremse mit ordentlicher Wirkung oder als bissfeste Zweischeibenvariante zu haben. Am Heck werkeln ebenfalls ungewöhnliche Vierkolbenzangen aus dem Hause AJP, ein spanischer Hersteller.

Radikal fallen die Fahrwerksdaten mit steilen 68 Grad Lenkkopfwinkel bei nur 85 Millimeter Nachlauf aus. Weil auch der Radstand von 1380 Millimeter nicht wirklich lang geraten ist und das Trockengewicht gerade einmal 177 Kilogramm beträgt, liegt der Fokus auf ausgeprägter Handlichkeit.

Ausstattungsmäßig gibt's jede Menge Kohlefaser und unzählige, aus dem Vollen gefräste Leichtmetall-Teile wie Gabelbrücken oder Bremszangenhalterungen. Die drei Avinton-Modelle unterscheiden sich zuvorderst durch die jeweilige Ergonomie: Die Roadster bietet eine vergleichsweise aufrechte Haltung mit einer hohen, auf Böcken fixierten Lenkstange, bei der Race sind die Stummel unter der Gabelbrücke für eine sportliche Haltung angeklemmt und die GT liegt dazwischen mit dem Lenker auf der Gabelbrücke. Weitere individualisierende Maßnahmen sind verschiedene Fußrastenanlagen, mit denen die Kniewinkel selbst bestimmt werden können. Jedes der drei Modelle ist in sechs verschiedenen Outfits zu haben: Original, Vintage, Deluxe, Grand Sport, Super Snake und Cult. Darüber hinaus bietet Avinton nahezu unbeschränkte Personalisierungsmöglichkeiten an, Sitzbank, Farbe, Federelemente, Felgen oder Sitzposition und Auspuffführung sind konfektionierbar. Dazu gibt's einen Katalog von fünfzig wählbaren Optionen, last but not least besteht natürlich die Möglichkeit, die spezielle Lackierung mit „Shelby Stripes“ zu ordern.

Ein kleines Spezialistenteam baut die Avintons auf Bestellung, so dass der Kunde momentan rund drei Monate auf die Auslieferung warten muss. Laut Klein genügen 100 Motorräder, um rentabel zu wirtschaften. Das Absatzgebiet sieht er nicht nur in Frankreich, jüngst wurde eine Dependance in der Schweiz gegründet und aktuell ist er auf der Suche nach einem deutschen Importeur oder Repräsentanten - Fahrzeuge hat er bereits nach Deutschland ausgeliefert, doch mit einer Vertretung vor Ort ließe sich der Absatz vervielfachen.

Für den letzten Brückenschlag zur legendären Historie der amerikanischen Musclecars sorgt ein einzigartiges Detail: Auf der Oberseite der Tankattrappe sitzen zwei Drosselklappen, die bei 2500 Touren öffnen und den Motor mit Zusatzluft, des Fahrers Gehör aber mit dem charakteristischen Ansaugschlürfen eines großvolumigen Roadsters versorgen. So viele individuelle Lösungen haben natürlich ihren Preis, der bei 34.014 Euro beginnt und nach oben praktisch kein Ende kennt. Dafür ist jede Avinton ein absolutes Einzelstück, das ihre Besitzer oftmals ein ganzes Leben lang fahren.

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