Biker versinken in der Schlaglöcherrepublik Deutschland

Rund 40 Prozent der deutschen Straßen „stark geschädigt“

25.02.2011 | Redakteur: Stephan Maderner

Gefahr für Leib und Leben der motorisierten Zweiradfahrer: Der Zustand deutscher Straßen ist unsäglich.
Gefahr für Leib und Leben der motorisierten Zweiradfahrer: Der Zustand deutscher Straßen ist unsäglich.

Das Essener Institut für Zweiradsicherheit (ifz) macht Druck auf Politik und Verwaltung.

Etwa 40 Prozent aller deutschen Straßen sind von Bauexperten des TÜV-Rheinland aktuell in der Kategorie „stark geschädigt“ eingestuft. Nach inzwischen zwei harten Wintern stellen mangelhafte Reparaturen ein ernstes Sicherheitsrisiko insbesondere für Zweiradfahrer dar, so das Essener Institut für Zweiradsicherheit (ifz). Die Essener steigern deswegen nun den Druck auf die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung.

Für fast sechs Millionen Fahrer motorisierter Zweiräder bedeutet der gegenwärtige Straßenzustand nach Auffassung des ifz ein ernstes Risiko für Leib und Leben. „Nach zwei harten und langen Wintern sind Deutschlands Straßen jetzt in einem nicht hinnehmbaren Zustand“, so Achim Kuschefski, Leiter des Essener Instituts. Durch die „Flickschusterei“ der vergangenen Jahre brechen vormals nur notdürftig reparierte Straßenbeläge immer weiter auf – mit Folgen insbesondere für die Zweiradsicherheit.

Schlaglöcher im Slalom umkurven

Schon für die Autofahrer sei der gegenwärtige Zustand eine Zumutung, so Kuschefski. Doch während Schlaglöcher bei mehrspurigen Fahrzeugen höchstens zu Schäden an Reifen und Fahrwerk führten, würden Zweiräder durch die harten Stöße soweit destabilisiert, dass es zu folgenschweren Stürzen kommen könne. „Der Gesetzgeber spielt hier – nach unserer Auffassung – geradezu fahrlässig mit der Sicherheit seiner Krad fahrenden Steuerzahler“, ärgert sich Kuschefski. Auch, wenn Steuern fiskalrechtlich grundsätzlich nicht zweckgebunden seien, diene ihre Erhebung doch der Bewältigung hoheitlicher Aufgaben – zu denen in Deutschland nun mal klar auch Aufbau und Erhalt der Verkehrsinfrastruktur zählten.

Kommunen unterfinanziert

Das Problem: Außer bei Autobahnen, Bundes- und Landstraßen liegt die Zuständigkeit für den Straßenbau in der Regel bei den Kommunen – und denen geht es überwiegend schlecht. Entsprechend der Haushaltslage haben sie es meist nur bei notdürftigen Reparaturen von Frostschäden belassen. Eine Sparpolitik, die sich inzwischen rächt – und deren Folgen vor allem Zweiradfahrer direkt bedroht. Das ifz fordert deswegen scharf ein Umdenken insbesondere der Bundes- und Landespolitik. „Wenn die kommunalen Haushalte soweit auf dem letzten Loch pfeifen, dass nur noch Notprogramme im Straßenbau finanzierbar sind, müssen Bund und Länder zumindest an den Brennpunkten den Kommunen unter die Arme greifen“, fordert Kuschefski.

Online Schäden melden

Um entsprechenden Druck auf die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung aufzubauen, weist das Essener Institut jetzt besonders auf seinen Meldebogen hin, der im Internet unter http://www.ifz.de/publikationen-meldebogenstrassenbau.htm heruntergeladen werden kann. Mit ihm kann nun jeder, dem für Motorradfahrer riskante Straßenschäden auffallen, diese schriftlich bei der nächsten Polizeidienststelle, der zuständigen Straßenbaubehörde oder auch direkt an das ifz selbst melden. Ziel der Aktion: Das Ausmaß nicht nur der Schäden, sondern auch der Unzufriedenheit der Steuerzahler mit den Straßenzuständen schriftlich zu dokumentieren.

Damit fordert das Essener Institut abermals seit seiner Gründung vor 30 Jahren einen besseren und motorradfreundlicheren Straßenbau. „Seit 1981 setzen wir uns nachweisbar sehr erfolgreich dafür ein, Zweiradfahren sicherer zu machen,“ so Kuschefski. Dazu gehöre nicht nur die enge Zusammenarbeit mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) und dem ADAC sowie die Vernetzung von Unfallforschung, Industrie und Politik, sondern auch die Sensibilisierung der Kradfahrer selbst. „Jedes Jahr weisen wir unsere Klientel zum Saisonbeginn auf die besonderen Risiken frostbedingter Schlaglöcher hin. Aber was nützt das noch, wenn man die inzwischen mancherorts kaum noch umfahren kann?“, fragt Kuschefski. Den Zweiradfahrern wegen des nun erreichten Ausmaßes der Straßenschäden ganz von ihrer Passion abzuraten, könne wohl keine Lösung sein. „Wir haben gemeinsam mit anderen doch nicht seit 30 Jahren erfolgreich um Sicherheitsgewinne für das Zweiradfahren gekämpft, um unser Kernthema nun einer verfehlten Haushaltspolitik in Deutschland preiszugeben“, bringt Kuschefski den Zweck der Meldebogen-Aktion auf den Punkt.

Die Lage ist ernst

Den Ernst der Lage und seine Position dazu versteht der promovierte Ingenieur mit weiteren harten Fakten zu untermauern. So sei auch beim Thema Unterfahrschutz von Leitplanken die Geduld längst erschöpft. Jeder 13. Alleinunfall mit Leitplankenkontakt endet tödlich, hat das ifz ermittelt. Darin sind schwere und schwerste Verletzungen wie Amputationen durch Leitplankenträger beim Unterfahren der Stahlprofile noch gar nicht berücksichtigt. „In Frankreich hat man im Mittel der vergangenen fünf Jahre deswegen ca. vier Mal so viele Unterfahrschutzsysteme montiert wie in Deutschland. Unter Berücksichtigung der Gesamtlänge des Straßennetzes beider Länder ergibt sich immerhin noch ein Faktor von mindestens zwei. Eine Farce, dass ausgerechnet wir Deutschen uns da noch unserer angeblich hervorragenden Verkehrsinfrastruktur rühmen!“, meint Kuschefski.

Sein Institut lädt deshalb alle Verkehrsteilnehmer dazu ein, von dem neuen Meldebogen regen Gebrauch zu machen. Denn ohne ausreichenden Druck werden sich die Verantwortlichen für den beschämenden Missstand nach Einschätzung des ifz in naher Zukunft kaum bewegen.

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