EICMA: Kann Geldausgeben Sünde sein?

Luxus kennt keine Preisgrenzen

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Stephan Maderner

100.000 Euro kostet die aus Anlass des bevorstehenden 100jährigen Firmenjubiläums entstandene Sonderauflage der Brough Superior SS 100.
100.000 Euro kostet die aus Anlass des bevorstehenden 100jährigen Firmenjubiläums entstandene Sonderauflage der Brough Superior SS 100. (Bild: SP-X/fbn)

Auf der Motorradmesse in Mailand finden sich neben vielen Billig-Zweirädern aus Fernost auch wahre Motorrad-Pretiosen aus Italien, Frankreich und Deutschland.

Schon immer gehört es zur Mailänder EICMA, dass in den fünf Messehallen auf dem Gelände im Vorort Rho auch Zweiräder ausgestellt werden, die nur in winzigen Auflagen unters zumeist sehr gut zahlende Volk kommen. Zu den Marken, die mit besonders exklusiven Motorrädern auf sich aufmerksam machen, gehören MV Agusta mit Superbikes aus Oberitalien, Brough-Superior mit Firmensitz in Toulouse/Frankreich mit hochmodernen Motorrädern im altmodischen Stil oder – ganz neu in diesem Geschäftszweig – Touratech.

Statt Kuckucksuhr

Die im Südschwarzwald ansässige Firma ist als Zubehörhersteller längst weltbekannt. Sie stellt in Mailand ihr erstes selbst konstruiertes und auch selbst gebautes Offroad-Bike vor. Es trägt die Bezeichnung R9X und ist eine waschechte Wettbewerbsenduro mit dem luft-/ölgekühlten BMW-Zweizylinder-Boxermotor (92 kW/110 PS), die ihre Bewährungsprobe bei Rallyes bereits absolviert hat. Der Aufbau der R9X bei Touratech mit feinsten Komponenten dauert pro Fahrzeug jeweils vier Wochen. Das fahrfertige Leergewicht des zulassungsfähigen Offroad-Wunderwerks liegt bei schmalen 203 Kilogramm, der Preis beträgt 50.000 Euro. Enthalten ist ein zweitägiger Übergabe-Workshop im Werk inklusive aktiver Fahreinweisung unter Extrembedingungen. Sollte die Nachfrage hoch sein, will man bei Touratech über weitere Projekte nachdenken.

Obwohl in den Firmenannalen zahllose Rennerfolge aus den 1960er und 1970er Jahren verzeichnet sind, genießt auch MV Agusta aus dem Vareser Ortsteil Scharenna in Norditalien einen Exotenstatus: Die Geschäftspolitik ist seit einiger Zeit nicht mehr auf Masse, sondern allerhöchste Klasse ausgerichtet. Das für solche Ziele unerlässliche Kapital hat Firmenchef Giovanni Castiglioni bei einem Investor mit russischem Hintergrund auftreiben können. Es sei alles in trockenen Tüchern, erst kürzlich seien weitere 40 Millionen nachgeschossen worden, hörte man vor wenigen Tagen aus Varese.

Stärkstes Naked Bike der Motoradgeschichte

Der Schaffenskraft der Kreativabteilung in Scharenna scheint die von außen etwas unstet erscheinende Firmenpolitik bestens zu bekommen: Pünktlich zur EICMA hat man nicht nur die neue Brutale 1000, das bislang stärkste Nakedbike der Motorradgeschichte, enthüllt, sondern zeigt auch die Dragster 800 RR America. Es ist die zweite America nach der Brutale 800 RR America im vergangenen Jahr. Sie unterscheidet sich vom ohnehin extravaganten Basismodell ausschließlich durch optische Feinheiten. So ist die Oberseite des Tanks von Sternen übersät, wie es sie schon vor 1975 auf einer America-Edition von MV Agusta gab, nämlich der S America 750. Die Speichenräder tragen die Farben der US-Flagge: rote Nabe, blaue Speichen, weiße Felgen. Die Dragster 800 RR America wird in 200 Exemplaren aufgelegt; über den Preis bewahrt der Hersteller derzeit noch Stillschweigen. Das Basismodell Dragster 800 RR (Dreizylinder-Reihenmotor mit 103 kW/140 PS, ca. 185 kg fahrfertiges Gewicht) kostet ab 18.900 Euro. Bei der weitaus weniger aufwändig gemachten Brutale 800 RR America betrug der Mehrpreis lediglich 2.000 Euro; Käufer werden im Falle der Dragster deshalb wohl kaum unter 23.000 Euro davonkommen.

Deutlich teurer wird vermutlich die mit demselben Motor ausgerüstete MV Agusta F3 Superveloce; von ihr sollen ab der zweiten Jahreshälfte 2019 300 Einheiten entstehen. Optisch nimmt dieses Modell historische Vorgaben aus der Firmenhistorie auf, doch ist die Technik von heute und in allen Komponenten allerfeinst. Das reicht vom gelben LED-Scheinwerfer über das TFT-Display im Cockpit bis zur Brembo-Bremsanlage. Technisch basiert die Superveloce auf der F3 800, einem sehr schnellen Supersportbike der Marke. Einzigartig ist bei der Superveloce der Tankverschluss, der die Montage des massiven Lederriemens zur vorderen und hinteren Fixierung des Benzinbehälters möglich macht. Die Weiterentwicklung des gezeigten Conceptbikes zum (Klein-)Serienfahrzeug soll bis zum kommenden Sommer abgeschlossen sein; über den Preis gibt es noch keine Angaben.

Brough statt Brexit

Dieser ist dagegen dem seitlich montierten Typenschild der in Mailand in Halle 15 ausgestellten Brough Superior 100 unmissverständlich zu entnehmen: 100.000 Euro kostet die aus Anlass des bevorstehenden 100jährigen Firmenjubiläums entstandene Sonderauflage der Brough Superior SS 100. „Wir haben gleich am ersten Messetag die erste verkauft“, freute sich Brough-Geschäftsführer Albert Casteigne. Die Firma wird dieses Jahr voraussichtlich etwa 125 Motorräder bauen, die sich optisch an den „Rolls Royce auf zwei Rädern“ genannten Vorbildern orientieren, die in den 1930er Jahren als beste und exklusivste Motorräder der Welt galten. In Mailand zu sehen ist auch das zweite Serienmodell der Marke, die sportliche Pendine. Beim Sondermodell 100 hat Brough-Superior die Materialbearbeitung auf die Spitze getrieben: Der selbstverständlich handgedengelte Tank weist eine feinst ziselierte Unterschale auf, den Tank selbst ziert eine Gravur des Markennamens. Viele Anbauteile erstrahlen in Chrom oder sind aus dem vollen Aluminium gefräst.

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