Blaue Wucht-Brumme von BMW

Fahrbericht einer BMW R nineT /5

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Viktoria Hahn

Die R nineT /5 ist ein optisch wie technisch überzeugendes Motorrad in Weiß-Blau.
Die R nineT /5 ist ein optisch wie technisch überzeugendes Motorrad in Weiß-Blau. (Bild: BMW)

50 Jahre nach Vorstellung der BMW R 75/5 lancieren die Bayern mit der R nineT /5 die sechste und vielleicht hübscheste Version ihres Retro-Hammers mit dem luftgekühlten Boxermotor.

Zwar trägt BMWs Heritage-Baureihe einen sperrigen Namen – R nineT spricht man denglisch „Ernaintih“ –, doch hat das ihren Erfolg nicht wirklich beeinträchtigen können: Drei der bislang fünf R nineT-Varianten liegen nach dem ersten Halbjahr 2019 in den Top 50 der deutschen Zulassungs-Hitliste. Zusammen kommt der Fünferpack in Deutschland auf 13 Prozent der gesamten BMW-Motorradproduktion, weltweit immerhin auf zehn Prozent.

Trend zu „Old-School-Bikes“

Dafür, dass das luftgekühlte Boxertriebwerk im Jahr 2013 nach Einführung des viel potenteren wassergekühlten Boxermotors eigentlich ausgemustert werden sollte, ein überragender Erfolg der seit 2014 nach und nach präsentierten Retro-Baureihe. Den damals weltweit auflodernden Trend hin zu „Old-School-Bikes“ haben die Bayern voll mitgenommen. Damit diese einträgliche Welle nicht so schnell verebbt, schiebt BMW Anfang September zu Preisen ab 14.600 Euro die sechste Variante der R nineT nach: Sie heißt R nineT /5 und ist mit ihrer Lackierung in „Lupinblaumetallic“ samt weißer Zierlinien insbesondere in den Augen älterer Jahrgänge die optisch attraktivste des Boxer-Sextetts.

Souveräner und sparsamer Antrieb

Ein unveränderliches Kennzeichen der neuen /5 ist eine glänzende Plakette auf dem Tank: Sie hält fest, dass 1969 die /5-Baureihe präsentiert worden ist, mit der zugleich die Produktion der BMW-Motorräder in München beendet und in Berlin-Spandau begonnen wurde. Dort, in Sichtweite der Havel, laufen auch heute noch alle BMWs mit mehr als 310 Kubikzentimeter Hubraum vom Band, die 400er-Roller ausgenommen.

Direktes Vorbild der R nineT /5 ist das damalige Spitzenmodell der /5-Reihe, die R 75/5, deren 750er Boxermotor seinerzeit beeindruckende 50 PS geleistet hat. Diesen Wert übertrifft die Neue um mehr als das Doppelte: 81 kW/110 PS liefert ihr nach wie vor luft-/ölgekühlter Boxermotor bei 7.750 U/min, das Drehmoment erreicht stramme 116 Newtonmeter bei 6.000 U/min. Damit ist man trotz dieser für ein Naked-Bike nicht mehr exorbitanten Motorleistung bestens motorisiert; jeder noch so kleine Dreh am Gasgriff wird augenblicklich in ein Tempoplus umgesetzt, fast unabhängig davon, bei welcher Drehzahl und in welchem Gang.

Ein souveräner, zugleich unaufgeregter Antrieb, der mit der lediglich 219 Kilogramm wiegenden /5 keinerlei Mühe hat. Und mit kaum über fünf Litern Benzin pro 100 Kilometer auch zu den sparsamen Motoren gezählt werden darf.

Mehr flotter Gleiter als hektischer Sprinter

Das Fahren der /5 fällt leicht, ist sie doch bis auf zwei Zentimeter mehr Sitzhöhe als Folge des stärker gepolsterten Sattels mit der Version Pure baugleich. Sie lässt sich leicht manövrieren und lenkt auch geschmeidig in Kurven ein, zeigt aber gleichzeitig, dass ihren Entwicklern eine hohe Fahrstabilität am Herzen lag. Weiterhin federt sie angenehm, auch wenn die mit hübschen Gummi-Faltenbälgen verzierte Telegabel nicht und das hintere Federbein nur in der Vorspannung einstellbar sind.

Aber von ihrem Retro-Charakter her ist die /5 ohnehin kein Motorrad, das zum Fahren auf der „letzten Rille“ animiert. Sie ist eher flotter Gleiter als ein hektischer Sprinter. Wobei sehr sportliches Fahren an der großzügig dimensionierten Dreischeibenbremsanlage nicht scheitern würde.

Bewusst reduziert

Die Ausstattung der R nineT /5 ist bewusst reduziert gehalten: Wer Wert auf einen Drehzahlmesser legt, muss diesen, wie auch allerlei anderes mögliches Zubehör, vom Händler montieren lassen; auch die bei aktuellen Hightech-Granaten vorhandenen Assistenzsysteme gibt es für diese Retro-Wumme nicht. Zusätzlich zur tatsächlich puristischen Pure-Version werden serienmäßig lediglich heizbare Lenkergriffe montiert. Die 2.050 Euro Aufpreis gegenüber dem genannten Modell rechtfertigt BMW mit dem Verweis auf die edle Ausstattung der /5.

Optisches Schmankerl

Die ist in der Tat ein optisches Schmankerl: Die Leichtmetall-Drahtspeichenräder, die Kunststoff-Pads auf den Tank-Flanken, die schon erwähnten Faltenbälge, aber auch der nach dem historischen Vorbild konturierte und mit Propeller-Logo sowie zarten Chromstäben verzierte Sattel schmeicheln zusammen mit den aufgeklebten, weiß-blauen Zierlinien auf dem intensivblauen Metallic-Lack in der Tat den Augen der Betrachter. Auch die verchromten Spiegel mit gutem Sichtfeld gefallen wie die Gabelbrücken und Fußrasten aus geschmiedetem Aluminium.

Und weil auch der brummige Sound aus der von vorne bis hinten verchromten Auspuffanlage passt finden wir beim bösesten Willen nichts zum Kritteln. Die R nineT /5 ist ein optisch wie technisch überzeugendes Motorrad in Weiß-Blau. Billig ist sie nicht, aber sie ist den Augen vermutlich ziemlich vieler Fans der einstigen /5 bestimmt ihr Geld wert.

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