BMW C 650 GT – der Sofa-Roller

Weltweit erstes Totwinkel-System

| Autor: Stephan Maderner

Innovationsfreudiger Rückspiegel - er gehört zum neuen BMW C 650 GT.
Innovationsfreudiger Rückspiegel - er gehört zum neuen BMW C 650 GT. (Foto: BMW)

Der von BMW gründlich überarbeitete Roller C 650 GT ist nunmehr rundum ausgewogen und wartet zudem mit einem weltweit neuartigen Assistenzsystem auf. Ein Fahrbericht.

Geräumig war er bisher schon, und mit 44 kW/60 PS sehr gut motorisiert auch. Dennoch hat BMWs erster Maxi-Scooter, der 2012 vorgestellte C 650 GT, nicht auf ganzer Linie überzeugen können: Ruppigkeiten im Antrieb und einige wenig wertig erscheinende Verarbeitungsdetails wollten nicht so recht zum BMW-Anspruch passen, ein absolutes Premiumprodukt auf die Räder gestellt zu haben. Nach insgesamt 27.000 seither produzierten Rollern hat der C 650 GT eine gründliche Modellüberarbeitung erfahren. Sie hat ihm gutgetan: Die Technik überzeugt auf ganzer Linie, die Optik ist gefälliger geworden, die Verarbeitung entspricht nunmehr zu immerhin 99 Prozent den Erwartungen, die man an einen Roller stellen darf, der mindestens 11.650 Euro kostet. Als technische Neuheit lässt er sich mit dem weltweit ersten Totwinkel-Warnsystem ausstatten, das für ein Zweirad entwickelt worden ist.

Auch wenn dieses System, Side View Assist genannt und SVA abgekürzt, nicht das Wichtigste am C 650 GT des Modelljahres 2016 darstellt, so wollen wir doch gleich am Anfang auf diese technische Novität eingehen. Vier Ultraschall-Sensoren, zwei seitlich an der Frontverkleidung, zwei im Heckbereich, scannen zwischen 25 und 80 km/h Fahrtempo permanent die Umgebung innerhalb von fünf Metern Distanz auf andere Fahrzeuge ab. Fährt also ein Auto oder Motorrad schräg hinter dem SVA-GT, leuchtet innerhalb dieses Geschwindigkeitsfensters ein gelbes Dreieck im Spiegel-Ausleger auf. Setzt der Fahrer jetzt auch noch den Blinker, um beispielsweise die Spur zu wechseln, blinkt das Warndreieck und intensiviert so den Warn-Hinweis.

Im hektischen Stadtverkehr von Valencia, der über oftmals bis zu fünfspurigen Straßen flutet, hat das SVA fehlerlos funktioniert. Auf schmaleren, kurvenreichen Landstraßen kommt es allerdings zu gelegentlichen „Fehlalarmen“; sie dürften durch Hindernisse am Straßenrand bedingt sein. Als ernsthaft störend haben wir diese Miss-Interpretationen nicht empfunden; vielmehr kann der Nutzen des SVA im Stadt- und Vorortverkehr durchaus überzeugen. Zu haben ist Side View Assist im Rahmen eines 490 Euro kostenden Safety-Pakets, in dem das sehr hell strahlende LED-Tagfahrlicht enthalten ist.

261 Kilogramm wiegt der mit dem extrem langen Radstand von fast 1,60 Metern daherkommende C 650 GT. Der 647 Kubikzentimeter große Reihen-Zweizylindermotor hat damit keine wirkliche Mühe – im Gegenteil: Mit der nun erfolgten Überarbeitung der Fliehkraftkupplung wie auch des stufenlos seine Übersetzung wechselnden Getriebes setzt sich der GT souverän in Szene. Die zur Verfügung stehenden 60 PS reichen für eine Zeit von 7,5 Sekunden vom Stand auf 100 km/h, und auch die Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h vermag zu überzeugen. Sie lässt sich sogar recht komfortabel realisieren, weil der Windschutz variierbar ist – elektrisch natürlich, wie es sich für Premium gehört. Der Verstellmechanismus spricht auf den durch Tastendruck erteilten Befehl allerdings mit deutlicher Verzögerung an; hier harmonieren das neue elektrische Bordnetz und der Scheibenverstellmotor bedauerlicherweise nicht gut miteinander.

Ansonsten verläuft das zügige Anfahren aus dem Stand beim 2016er-Modell wesentlich harmonischer als bei der ersten GT-Auflage. Der Motor dreht flott hoch, die Übersetzungsänderungen verlaufen ebenso schnell. Dank der neuen Auspuffanlage hört sich der häufig im Bereich des maximalen Drehmoments (6.000/min.) arbeitende Motor nunmehr nicht mehr so trötig-nervig an wie bisher; das Sound-Update erfüllt zugleich die Anforderungen durch die 2017 in Kraft tretende Euro 4-Norm für Lärm und Abgase.

Das Fahrwerk des C 650 GT hat schon bisher Maßstäbe gesetzt; seine Qualitäten liegen dichter an denen von Motorrädern denn an jenen von Scootern. Die Fahrstabilität ist sowohl auf zerfurchten Straßen wie auch bei sehr hohem Tempo untadelig, und auch das sehr zügige Umrunden von Kurven bewältigt der BMW-Sofaroller, ohne je seine Souveränität zu verlieren. Auch das noch einen Tick komfortabler abgestimmte Fahrwerk der jüngsten Modellgeneration setzt fraglos die Maßstäbe im Maxiscooter-Segment. Gut gefallen ebenfalls die Bremsen, die im Falle des Falles von einem sehr gut regelnden ABS unterstützt werden.

Der zur Verfügung des Fahrers wie eines Mitfahrers bereitstehende Platz ist großzügig bemessen, der Sitz mit einer niedrigen Lehne ausgezeichnet geformt. Da auch die Abstände vom Sitz zum Lenker sowie zu den Aufstandsflächen der Schuhe als passend empfunden werden, steht auch längeren Fahrten mit dem C 650 GT nichts im Wege. Der Stauraum unter der aufklappbaren Doppelsitzbank ist geräumig genug für zwei Integralhelme, zusätzlich lässt sich – für die große Reise – ein Topcase montieren. In der Front finden sich zwei mit Klappen versehene Ablagefächer für Kleinzeug. Der Klappenmechanismus, schon beim Ur-Modell als etwas labil empfunden, wurde bedauerlicherweise nicht modifiziert. Es ist, neben der sehr bedächtig agierenden Windschildverstellung, allerdings der einzige Kritikpunkt, den wir am C 650 GT finden konnten. Wesentlich freundlicher und auch wertiger erscheint der Blick vom Fahrersitz in Richtung Cockpit: Alles ist übersichtlich (mit Ausnahme des völlig überflüssigen Balken-Drehzahlmessers), alle Tasten und Griffe sind leicht erreichbar und ebenso leicht bedienbar.

Mindestens drei, vielleicht auch vier Jahre wird der BMW C 650 GT mit seinem gefälliger gestalteten Heck in der jetzt aktuellen Form seinen Dienst tun. Voraussetzung für deutlich höhere Absatzzahlen ist freilich, dass die Märkte Südeuropas – Italien, Frankreich, Spanien – sich wirtschaftlich endlich positiv entwickeln, denn das sind die Roller-Länder unserer Erde. Deutschland rangiert nur unter „ferner liefen“…

Inhalt des Artikels:

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 43702405 / Bikes)