BMW C Evolution: Der elektrisierende Bahnbrecher

Der Preis ist heiß: 15.000 Euro

| Redakteur: Stephan Maderner

»bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner zog nicht nur am Stromkabel des neuen BMW C Evolution sondern auch ein positives Fazit.
»bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner zog nicht nur am Stromkabel des neuen BMW C Evolution sondern auch ein positives Fazit. (Jörg Künstle)

Mit dem C-Evolution, der am 5. Mai hierzulande an den Verkaufsstart geht, zeigt BMW Wege in die Zukunft urbaner Mobilität des 21. Jahrhunderts. Der strombetriebene Großroller geht eine faszinierende Symbiose zwischen umweltbewusster Vernunft und dynamischem Fahrspaß ein.

Barcelona, die katalonische Metropole im Nordosten der iberischen Halbinsel, boomt. Die Gehsteige voller Touristen, auf den Straßen herrscht die permanente Rush-hour, Lastwagen, Busse, Pkw kämpfen sich durch den Verkehr, Myriaden von Motorrädern und vor allem Roller schlängeln sich durch die Stadt. Motoren lärmen, Abgase wabern durch die Luft, es vibriert rund um die Sagrada Familia, der berühmten römisch-katholischen Basilika, an der bis heute gebaut wird. Inmitten dieses Tohuwabohus bahnt sich eine Gruppe von Großrollern mit Münchner Kennzeichen ihren Weg. Wir, das sind eine Gruppe von Fachjournalisten aus Deutschland, dürfen Ende April den neuen strombetriebenen C Evolution von BMW testen.

Fast lautlos aber auf jeden Fall emissionslos gleiten wir durch die Großstadt. Die Gruppe passt sich den Verkehrsgepflogenheiten der Katalonier an, schlängelt sich durch alle sich bietenden Lücken und versammelt sich zum üblichen Ampelstart mit allen anderen Zweirädern. Dann der Aha-Effekt. Kurz am Stromkabel gezogen und das E-Bike zieht (allen anderen) auf und davon. In nur 2,7 Sekunden ist Tempo 50 erreicht, nach 6,2 Sekunden stehen 100 auf dem Tacho. Bevor die Spucke der überraschten Mitbewerber auf zwei, drei oder vier Rädern trocken ist, sieht man nur noch die Rücklichter des Stromscooters in der Ferne leuchten.

Plattfuß und Rolle rückwärts

Das Drehmoment von 72 Nm beeindruckt. Nachdem sich der Autor in der Nähe der Sagrada Familia eine respektable Schraube ins Hinterrad gefahren hat, wird dessen Mitfahrt als Sozius zum unvergesslichen Erlebnis. Trotz festen Zupackens am hinteren Haltegriff, reißt es ihm beim Kavalierstart (Danke Ulf!) die Beine derart vehement nach oben, dass die Rolle rückwärts droht. Der Schub ist wirklich gewaltig. Der anschließend „kontrollierte“ und jeweils vom Fahrer angekündigte Beschleunigungsimpuls ermöglichte dann eine sichere und wirklich spaßige und hyperdynamische Soziusfahrt hoch zu den Hügeln des Parc Natural de Coliserola. Mein Tipp: Den C Evolution unbedingt beim nächsten Händler Probefahren und gleich auch eine(n) Beifahrer/in huckepack mitnehmen, Kirmesfaktor für den Sozius ist garantiert!

Mit dem neuen C Evolution schlägt BMW Motorrad ein neues Kapitel im Bereich „Urban Mobility" auf. Bereits die beiden mit Verbrennungsmotoren ausgerüsteten Maxi-Scooter C 600 Sport und C 650 GT vereinen die herausragenden Fahreigenschaften eines Motorrads mit der spezifischen Agilität und dem konzeptionellen Komfort eines Scooters. Jetzt kombiniert der neue, mit Elektroantrieb ausgestattete C Eolution Fahrspaß und Dynamik mit den Vorteilen eines Zero-Emission-Fahrzeugs zu einem wirklich neuartigen Fahrerlebnis.

Die üppig bemessene Kapazität der luftgekühlten Lithium-Ionen-Hochvoltbatterie von 8 kWh ermöglicht eine Reichweite von bis zu 100 Kilometern, bevor die Aufladung am Haushaltsstromnetz erfolgen muss. Hierbei beträgt die Ladezeit bei vollständig entleerter Batterie an einer haushaltsüblichen 220 V Steckdose mit einem Ladestrom von 12 A circa vier Stunden. Der Antrieb des C Evolution erfolgt in Form einer Triebsatzschwinge mit flüssigkeitsgekühltem Permanent-Synchronmotor über Zahnriemen und ein Hohlradgetriebe. Die maximale Leistung beträgt 35 kW (47,5 PS), die V-Max beträgt 120 km/h und wird elektronisch abgeriegelt.

Führerschein A1 reicht aus

Da die Nennleistung des C Evolution nur 11 kW/15 PS beträgt, reicht für ihn die Führerscheinklasse A1 bzw. die alte Klasse 3, wenn man sie vor dem 1. April 1980 erworben hat. Ein gutes Argument für die Elektrisierung breiterer Massen für die neue weiß-blaue urbane Mobilität. Auf die Batterie gibt es fünf Jahre Garantie, die Lithium-Ionen-Akkus halten laut Hersteller rund 1.500 Ladezyklen aus. Doch wer fährt schon 150.000 km mit einem Roller?

Beim C Evolution hat sich BMW Motorrad für eine bei Einspurfahrzeugen bis heute einzigartige Form der Energie-Rückgewinnung entschieden. Die Rekuperation erfolgt automatisch sowohl beim Gaswegnehmen im Schiebebetrieb, als auch beim Bremsen. Die von ihm gewünschte Mischung aus Fahrdynamik und Effizienz kann der Fahrer mittels vierer Fahrmodi selbst bestimmen. Geht ganz easy. Im Modus „Road" wird maximal beschleunigt, etwa 50 Prozent Rekuperation im Schiebebetrieb und volle Rekuperation beim Bremsen werden bereitgestellt. Im Modus „Eco Pro" sind Beschleunigung und damit Energieentnahme begrenzt, und es wird maximal rekuperiert. Im Modus „Sail" wird im Schiebebetrieb nicht rekuperiert, und das Fahrzeug rollt beim Gaswegnehmen nahezu frei von Bremsmomenten. Für besonders dynamische Fahrweise wird im Modus „Dynamic" die volle Beschleunigung mit einer starken Rekuperation kombiniert. Die ist so perfekt dosiert, dass man mitunter ganz auf das Bremsen verzichten kann. Wir hatten alle den Dreh schnell raus, das schont Bremsbeläge und den Geldbeutel.

Batteriegehäuse als Rahmen

Der C Evolution besitzt fahrwerkstechnisch keinen Rahmen im herkömmlichen Sinne mehr. Zentraler Bestandteil ist das aus Aluminium-Druckguss gefertigte Batteriegehäuse, das vorne einen Lenkkopfträger aus Stahlrohr und hinten die Einarmschwinge sowie einen Heckrahmen aus Stahlrohr aufnimmt. Die Aufgaben von Federung und Dämpfung übernimmt vorne eine Upside-down-Telegabel und hinten ein linksseitig montiertes Federbein. verzögert wird beim C Evolution serienmäßig mit ABS in Verbindung mit leistungsstarken Scheibenbremsen.

Komponenten von den Kollegen Automobil

Bei der Entwicklung des Stromers profitierte BMW Motorrad von den Kollegen Automobil. Speichermodule sowie elektronischer Komponenten wie sie auch im BMW i3 nutzt, kommen zum Einsatz. Der Roller erfüllt auch die elektrotechnische Sicherheit nach Pkw-Standards nach ISO 26262 für die Funktionssicherheit und ECE-R100 für die Hochvoltsicherheit.

Um eine optimale Beherrschbarkeit des Antriebsmoments durch den Fahrer zu ermöglichen, überwacht die Steuerelektronik der E-Maschine die Hinterradgeschwindigkeit und reduziert bei Überschreitung einer Plausibilitätsgrenze das Antriebsmoment. Das funktioniert in der Praxis wirklich einwandfrei. Der Torque Control Assist (TCA) unterstützt den Fahrer insbesondere beim Anfahren und verhindert ein unkontrolliertes Durchdrehen des Hinterrads auf Fahrbahnen mit reduziertem Reibwert (z.B. nasses Kopfsteinpflaster). Zusätzlich dient der TCA dazu, bei starker Rekuperation und entsprechendem Schleppmoment ein Blockieren des Hinterrads, besonders auf glatten Fahrbahnen, zu unterbinden.

Im Cockpit liefert ein großflächiges TFT-Farbdisplay eine Fülle an Informationen. So wird der Fahrer nicht nur über die Geschwindigkeit, sondern auch über Daten wie Durchschnittsverbrauch in kWh/100 km, Gesamtverbrauch, Batterie-Ladezustand in Prozent,Durchschnittsgeschwindigkeit, Bordnetzspannung, Hochvoltspannung sowie die Restreichweite in km in Abhängigkeit vom jeweiligen Fahr-Modus informiert. Über die momentane Energie-Entnahme beziehungsweise Energierückführung durch Rekuperation informiert eine Balkenanzeige.

Der C Evolution verfügt sogar über eine Rückfahrhilfe, die leichtes Rangieren mit Schrittgeschwindigkeit ermöglicht. Das LED-Tagfahrlicht übernimmt in gedimmter Form auch die Funktion des Positionslichts. Für Komfort an kalten Tagen sorgen beheizbare Lenkergriffe.

Die Zukunft der Stromer

Fazit: Mit dem C Evolution bringt BMW am 5. Mai 2014 einen elektrobetriebenen Großscooter auf den Markt, der in der operativen Fahrpraxis auf der ganzen Linie überzeugte und allen Test-Lenkern ein breites Grinsen ins Gesicht zauberte. Der Verkaufspreis von 15.000 Euro ist ambitioniert und taugt im ersten Go natürlich nicht zur Massenmobilisierung. Die BMW-Ingenieure sollten jetzt gemeinsam mit den Akkuherstellern dafür sorgen, die Reichweite des Stromers mindestens zu verdoppeln oder zu verdreifachen, damit auch die Klientel der Touren- und „Fernfahrer“ ihren Segen dazu gibt. Für Berufspendler ist die Range des aktuellen Modells freilich vollauf genügend. Im Durchschnitt fahren die wenigsten mehr als 50 Kilometer am Tag.

Mit Blick auf die Zukunft und auf die Wachstumsmärkte in den asiatischen Megacities hat BMW mit dem C Evolution bereits heute ein Farzeug-Ass im Ärmel und einen beachtlichen Technologievorsprung vor den Wettbewerbern. Was 1972 bei den Olympischen Spielen in München mit dem elektrifizierten BMW 1602 begann, erlebt heute im i3, i8 und im C Evolution seinen Durchbruch. Mit Elektro macht urbane Einspurmobilität nicht nur Sinn sondern auch noch irrsinnig Spaß. Das sieht auch Manuel Valdez, der Nachhaltigkeitsmanager der Stadt Barcelona so: „Electric green à la BMW bedeutet höchste Umweltverträglichkeit bei souveräner Dynamik“.

Fest steht: Für mich ist der BMW C Evolution jetzt schon ein elektrisierender Bahnbrecher. Angesichts des Preises von 15.000 Euro dürfte BMWs Stromroller noch was für Avantgardisten sein, der Tesla der Zweiradbranche gewissermaßen, aber der findet ja auch schon weltweit seine Liebhaber.

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