BMW C Evolution „Long Range“: Viel Spaß für viel Geld

Testfahrten mit dem Stromer

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Stephan Maderner

BMWs Elektroroller mit vergrößerter Reichweite meistert den Alltag im Stadt- und Regionalverkehr mit Bravour.
BMWs Elektroroller mit vergrößerter Reichweite meistert den Alltag im Stadt- und Regionalverkehr mit Bravour. (Bild: Ulf Böhringer/SP-X)

BMWs Elektroroller mit vergrößerter Reichweite meistert den Alltag im Stadt- und Regionalverkehr mit Bravour und überzeugt durch Leistung wie Geräuscharmut gleichermaßen.

Im Großraum Paris ist der Elektroroller C Evolution, vor mittlerweile fünf Jahren auf den Markt gekommen, ziemlich häufig zu sehen. Bei uns dagegen sieht man den BMW eher selten, angesichts des Preises von mindestens 15.000 Euro auch kein Wunder. Gut 6.000 Einheiten haben die Bayern bislang abgesetzt, mehr als die Hälfte davon in Frankreich; in Deutschland dagegen nicht mal 1.000 Stück. Gegenüber der Ur-Version von 2014 tritt diesmal die weiterentwickelte „Long-Range“-Variante mit verstärktem Stromspeicher an. BMW spricht deshalb von einer Reichweitensteigerung von 100 auf 160 Kilometer. Das Erfreuliche gleich vorweg: Selbst bei sehr zügiger Überlandfahrt ist eine echte Reichweite von 145 Kilometern möglich. Voraussetzung dafür ist allerdings eine verbrauchsorientierte und deshalb nicht nur vorausschauende, sondern aktiv-kontrollierte Fahrweise ohne Ausnutzen der möglichen Höchstgeschwindigkeit von 129 km/h.

Es genügt, ihn einzuschalten

Generell ist die Bedienung des BMW C Evolution unverändert einfach: Es genügt, ihn einzuschalten. Zur Wahl stehen vier Fahrmodi, die unterschiedlich viel Leistung abgeben und unterschiedlich stark rekuperieren. Wer den Akku bestmöglich nutzen will, muss mitdenken und je nach Verkehrssituation zwischen den Fahrmodi wechseln: Im dichten, unsteten Verkehr ist „Eco Pro“ am günstigsten, auf freier Strecke liefert die Segel-Funktion („Sail“) das vergnüglichste und sparsamste Vorwärtskommen – man kann oft schon hunderte Meter vor dem Ortsschild den Gasgriff schließen und den Scooter gleiten lassen. Der Wechsel zwischen den vier Fahrmodi fällt leicht; beispielsweise genügt für den Wechsel zwischen Eco Pro und Sail bzw. andersrum ein dreifacher Tastendruck mit dem rechten Daumen. Das lernt man schnell. Weiterhin gibt es noch „Dynamic“ und „Road“.

Die Restreichweite stets im Kopf

Letztlich macht auf größeren Distanzen die permanente gedankliche Auseinandersetzung mit dem Stromvorrat und seiner Nutzung den Hauptunterschied zum Fahren eines ähnlich leistungsstarken und voluminösen Verbrennungsrollers aus; dessen Spritvorrat von 10 bis 15 Liter reicht zumeist für etwa 300 Kilometer, ist also unterwegs keinen Gedanken wert. Beim C Evolution ist das anders, sofern man Strecken von 120 Kilometern oder mehr vor sich hat. Aber alle Testfahrer sprachen unisono von einem großartigen Fahrerlebnis; die Geräuscharmut – in Fahrt dominieren die Windgeräusche am Helm, das Surren des Antriebs tritt jenseits von etwa 80 km/h in den Hintergrund – wird ausnahmslos als positiv empfunden. Aber auch die herausragende Fahrdynamik trägt zur Fahrfreude bei. Inner- wie außerstädtische Überholmanöver sind in der Regel ein Klacks. Wegen ihrer akustischen Unauffälligkeit beeindrucken sie umso mehr.

Easy Handling im täglichen Umgang

Auch der tägliche Umgang mit dem C Evolution ist überwiegend erfreulich: Fahrwerk, Bremsen, Sitzposition, Windschutz, Fahrkomfort und das Abstellen des Fahrzeugs gefallen rundum. Auch das sehr gut ablesbare und bestens bestückte TFT-Display überzeugt; leider bietet es in seiner derzeitigen Form keine Möglichkeit zur Smartphone-Integration, beispielsweise für eine Navigationslösung. Die Anzeigen von Verbrauch und Reichweite sind verlässlich, so dass man den Energievorrat notfalls bis zum letzten Kilomter ausnutzen kann, ohne überraschend zu stranden. Auch die Ladezeit von 5 Stunden von „total leer“ bis 100 Prozent an der Haushalts-Steckdose ist in Ordnung, an Ladesäulen mit 16 A geht’s schneller, sofern man über ein spezielles Ladekabel verfügt. Das Serien-Ladegerät mit kräftigem Kabel ist ein ziemlicher Oschi, mitnehmen kann man’s nur unterm Soziussitz. Worunter natürlich der verfügbare Stauraum leidet. Ein Vollvisierhelm oder kleinere Einkäufe passen rein.

Enormes Gewicht stört beim Fahren kaum

Das enorme Gewicht des C Evolution von 275 Kilogramm ist beim Fahren kaum, beim Rangieren allerdings deutlich spürbar. Zum Glück wird das Rückwärtsrangieren durch eine elektrische Rückfahrhilfe erleichtert, Knopfdruck genügt. Das Aufsteigen ist nicht ganz einfach, weil der fette Mitteltunnel – unter ihm wohnen Teile des Akkus – viel Platz einnimmt. Bei der Ausstattung gibt es Licht wie Schatten: Perfekt gelöst ist die Aktivierung der Parkbremse über den Seitenständer, sehr gut sind auch die verstellbaren Handhebel. Auch die Qualität des Halogenlichts ist einwandfrei; zum Hightech-Image des C Evolution wollen die Glühbirnen freilich nicht so recht passen. Von gestern ist die Schlüsselbetätigung des Untersitz-Stauraums. Vorteilhaft wäre zudem, wenn das Innere des tiefen Cockpit-Ablagefachs nicht in Schwarz, sondern in Weiß gehalten wäre. Abgesehen von diesen Kleinigkeiten macht der C Evolution jedoch einen ausgesprochen wertigen Eindruck.

Spaß beim Fahren

Vor allem aber macht er echt Spaß beim Fahren, vor allem dank seiner enormen Leistung, aber eben auch wegen seines umgänglichen, akustisch dezenten Wesens. Ein fröhlicher Wolf im Schafspelz. Freilich stellt er eine finanziell durchaus gewichtige Anschaffung dar. Mit einem Preis von fast 17.000 Euro für die Long-Range-Version inklusive der sehr empfehlenswerten Griffheizung sowie feinem Komfortsitz stellt sich die Frage nach einer Amortisation unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht. Geht der Fahrspaß in die Überlegungen mit ein, sieht’s sicher anders aus.

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