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BMW S 1000 XR: Die Trägerrakete

Autor / Redakteur: Jan Rosenow / Jan Rosenow

Urlaub im All ist nur was für Multimillionäre. Doch wer den Schub einer Trägerrakete in einem Reisemotorrad erleben will, der sollte sich die BMW S 1000 XR anschauen.

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Die neue BMW S 1000 XR überzeugte bei der Testfahrt in Spanien.
Die neue BMW S 1000 XR überzeugte bei der Testfahrt in Spanien.
(Foto: BMW)

BMW baut seine Vierzylinder-Baureihe aus: Das jüngste Kind hört auf den Namen XR und erdet den wilden Superbike-Reaktor mit 1.000 Kubik in einem Fahrzeugkonzept, wie man es von BMW gewohnt ist: Praktisch, sozius- und reisetauglich und auf höchstem technischen Niveau. „Adventure Sports“ nennt der Hersteller das Fahrzeugsegment, in dem die S 1000 XR angreifen soll. Überdeutlich ist ihre konzeptionelle und gestalterische Ähnlichkeit mit der Ducati Multistrada, und wer etwas weiter ausholt, darf auch die Triumph Tiger Sport und die Kawasaki Versys 1000 zu ihren Konkurrentinnen zählen.

Neue Abgasanlage macht weniger Krach

Trotz aller designerischen Parallelen zu S 1000 R RR, die der verantwortliche Formgestalter Andreas Martin bei der Präsentation in Barcelona in einem furiosen Vortrag erläuterte („Krasse Fuge in der schönen Flyline!“), haben die Münchener mit der S 1000 XR ein fast gänzlich neues Motorrad entwickelt. Ein eigener Rahmen, ein verstärktes Rahmenheck und eine neue Schwinge lassen sich da entdecken, auch die Abgasanlage mit ihrem tief angeordneten Dämpfer ist XR-exklusiv. Der Ton, der ihr entweicht, klingt deutlich gedämpfter als bei vielen aktuellen BMW-Modellen; die neue Reisemaschine ist die erste im Programm des Marktführers, die nach der neuen ECE-Regelung 41/04 entwickelt wurde. Diese verbietet ein Erkennen des Prüfstandszyklus und macht die Maschine nun in fast allen Fahrzuständen deutlich leiser. „Manches, was wir in den letzten Jahren in Sachen Geräusch gemacht haben, ging wirklich zu weit“, hat man auch in München erkannt.

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Eine weitere Novität für eine BMW-Großserienmaschine ist das sogenannte Schräglagen-ABS, das dafür sorgt, dass sich der Bremsdruck bei Kurvenfahrt langsamer aufbaut. Rutscher übers Vorderrad bei Schreckbremsungen können so vermieden werden.

Nicht neu, aber immer noch gut ist der Motor, der unverändert aus der S 1000 R übernommen wurde. Mit 118 kW/160 PS gesellt er sich zu Multistrada und KTM Super Adventure an die Segmentspitze, wenn auch bei deutlich höherem Drehzahlniveau. Wenn 160 PS auf nur 228 Kilogramm treffen (Werksangaben), sind beeindruckende Fahrleistungen garantiert.

Obwohl der Vierzylinder durch den geringeren Geräuschpegel und das höhere Gewicht als bei der Spenderin etwas domestiziert wirkt, prägt er doch den Charakter der S 1000 XR: Attacke ist angesagt. Ab 3.000 min-1 packt der kurz übersetzte Reaktor zu und die hochbeinige Fuhre brettert davon wie ein Superbike. Allerdings eines mit besten Manieren: Feine Gasannahme und lochfreier Drehmomentaufbau machen die XR jederzeit gut beherrschbar.

Stabiles Fahrwerk vermittelt sicheres Gefühl

Das Fahrwerk kommt mit der überschäumenden Leistung gut zurecht: Hohe Stabilität war den Entwicklern wichtiger als das letzte bisschen Handlichkeit, und so vermittelt die XR selbst bei „volle Kraft voraus“ immer das beruhigende Gefühl, dass schon alles gut gehen wird.

Wie bei Pressepräsentationen üblich, waren die Testmaschinen mit allen technischen Goodies ausgestattet, die die (lange) Optionsliste) hergibt. Die variable Dämpfung Dynamic ESA und der vorzüglich funktionierenden Schaltassistent ragten dabei heraus: Auf den extrem kurvenreichen Straßen im Hinterland der katalonischen Metropole führten sie zusammen mit der aufrechten Sitzposition und dem kraftvollen Motor zu einem Fahrspaß, der sich so leicht nicht übertreffen lassen dürfte.

Ob eine Sozia diesen allerdings so richtig genießen könnte, ist fraglich. Das hintere Plätzchen ist deutlich kleiner bemessen als bei einer Reisemaschine eigentlich üblich. Aber BMW wollte die XR wohl nicht zu nah an der Boxer-GS positionieren. Gegenüber dieser hat sie zudem einen spürbaren Nachteil: Durch das höhere Drehzahlniveau braucht der Motor gut 20 Prozent mehr Sprit als der sparsame Boxer. Auf der Präsentationsrunde waren es laut Bordcomputer 6,2 Liter im Durchschnitt, wobei einige Vollgasprofis aus der Publikumspresse auch ihrer acht schafften.

Aufpassen beim Anfahren

Eine störende Kleinigkeit ist das Drehmomentloch direkt über Standgas, das den Motor leicht absterben lässt. Im Ergebnis fährt man tendenziell mit zu viel Gas an, was vor allem im Stadtverkehr unangenehm pubertär wirkt. Auch die Getriebeschaltbarkeit ist wie fast immer bei BMW ein Thema, das aber durch den Schaltassistenten gemildert wird.

Mit einem Einstiegspreis von 15.200 Euro plus Nebenkosten ist die S 1000 XR knapp oberhalb der Boxer-GS eingepreist. Wer den vollen Fahrspaß genießen will, dürfte am zusätzliche 990 Euro teuren Dynamic-Paket nicht vorbeikommen, das neben dem Schaltassistenten auch das Schräglagen-ABS und weitere Goodies enthält. Das ebenfalls empfehlenswerte Dynamic ESA gehört allerdings zum Touring-Paket (1.240 Euro).

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