BMW: Voll im Trend

Lässig: BMW R nineT Scrambler

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Valeria Schulte-Niermann

Günstiger als die R nine T, aber trotzdem cool: die Scrambler.
Günstiger als die R nine T, aber trotzdem cool: die Scrambler. (Bild: BMW, Daniel Kraus)

BMW baut mit dem Scrambler seine Heritage-Linie auf Basis der erfolgreichen R 9T aus. Ein lässiges Bike für lässige Kunden.

Sie ist ein nicht nur ein immenser Erfolg, sondern auch ein unerwarteter: Niemand bei BMW Motorrad hätte im Herbst 2013 geglaubt, dass Mitte 2016 weltweit bereits rund 23.000 Exemplare der R nineT verkauft sein würden. Das verhältnismäßig hochpreisige „Heritage“-Modell hat am Markt gut eingeschlagen.

Es kam zur richtigen Zeit, nutzte einen damals noch schwachen Trend hin zu emotionaleren, weniger hochtechnisierten Motorrädern und verstärkte damit diese Entwicklung noch. Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass die weiß-blaue Marke nun eine zweite Variante nachschiebt: Sie basiert auf der R nineT – und ist zugleich doch ein fast vollkommen neues Motorrad. Ab 13. September beginnt der Verkaufsstart. Dass auch der 13.000 Euro kostende Scrambler gefragt sein wird, steht am Ende einer ersten Fahrprobe durchs südbayerische Oberland außer Frage.

Unterschiede zur R nineT

Weitgehend neu soll der Scrambler sein und doch eine R nineT? Norbert Rebholz, Projektleiter des neuen Modells, erläutert den scheinbaren Widerspruch: „Nur der Antrieb, der Scheinwerfer und der Kabelbaum sind 1:1 von der R nineT übernommen worden. Alles andere musste neu entwickelt werden.“ Neuer Rahmen, neue Federelemente, neuer Tank, geänderte Bremsanlage, neuer Sitz, neues Instrumentarium - es gibt in der Tat mehr Neuteile am Scrambler als baugleiche mit der R nineT.

Zwar nimmt der Tank die Form des Benzinbehälters der R nineT auf, doch ist er aus (preiswerterem) Stahl statt aus teurem Aluminium. Das bringt zwar vier Mehr-Kilo mit sich, reduziert aber die Kosten. Denn klar war, dass der Scrambler preislich deutlich unterhalb der 14.500 Euro kostenden R nineT angesiedelt sein muss. Deshalb galt es an diversen Stellen Abstriche zu machen, ohne deshalb aber stilistisch billig zu wirken.

Schickes Äußere

Das ist den Mannen um Rebholz und Design-Chef Edgar Heinrich durchaus gelungen: Sitzt man auf der relativ dünnen (aber nicht unbequemen) abgesteppten Einpersonen-Bank mit patinierter Lederoptik und schaut nach vorne, wird einem warm ums Zweiradfahrerherz. Ein wunderschön gestaltetes Rundinstrument thront oberhalb des ebenfalls runden, schnörkellosen Scheinwerfers, Lenker und Gabelholme verströmen ebenfalls hohe Wertigkeit. Der mattlackierte 17-Liter-Tank passt sich perfekt an. Selbst die hübsch gestalteten Aluminium-Gussräder, eigentlich ein „no go“ an einem Scrambler, fügen sich harmonisch in das Gesamtkonzept ein.

Wer will, bekommt für 395 Euro die von der GS her bekannten Kreuzspeichenräder, so dass auch auf diesen Rädern schlauchlose Reifen montiert werden können. Apropos Reifen: Der Metzeler Tourance Next harmoniert perfekt mit dem Fahrwerk. Auch auf nasser Straße vermittelt er ein sehr sicheres Gefühl. Wer das Scrambler-Feeling noch weiter steigern will, erhält das Bike auch mit grobstolliger Geländebereifung. Cooler geht’s nicht.

Starkes Innere

Der luft-/ölgekühlte Boxermotor wurde für den Einsatz im Scrambler weiterentwickelt; er entspricht nun den Vorschriften der ab 1. Januar 2017 gültigen EU-4-Abgasnorm und wird in dieser Form demnächst auch in der R nineT installiert. Die nötigen Modifikationen haben keinen Leistungstribut gefordert: Die Maximalleistung des 1.170 Kubikzentimeter großen Boxermotors beträgt weiterhin 81 kW/110 PS, das maximale Drehmoment ist etwas geringer; es erreicht aber noch 116 Newtonmeter statt 120 Nm. Damit kann man bestens leben.

Denn aus Kurven und Kehren heraus zeigt auch der jüngste Boxer, warum er eine solch große Liebhaberzahl hat: Souveräner pusht kaum ein Antrieb Fahrer und Bike vorwärts zur nächsten Biegung. Das Getriebe funktioniert geräuschlos und präzise, Lastwechsel im Antriebsstrang sind kaum spürbar. Der hochgelegte Doppelauspuff, eine Scrambler-Essenz, wird vom slowenischen Auspuffguru Akrapovic gebaut und klingt auch so – Boxersound vom Allerfeinsten.

Agiles Fahrverhalten

Anders als der Motor zeigt sich das Fahrwerk gegenüber der nineT in veränderter Form: Ein flacherer Lenkkopfwinkel, mehr Nachlauf am Vorderrad und neue Feder-/Dämpfungselemente mit etwas weicherer Auslegung sind zu nennen. Dazu kommt ein modifizierter Rahmen, der bereits für individuelle Eingriffe präpariert ist und beispielsweise sehr leicht eine Einpersonen-Auslegung zulässt.

Im Fahrverhalten gibt sich der Scrambler verbindlich – vorausgesetzt, der Fahrer kümmert sich um eine korrekte Einstellung von Federvorspannung und Zugstufendämpfung. Das ist durchaus mühevoll, denn ein komfortables Handrad widerspräche der puristischen Grundrichtung. Die mit Gummi-Faltenbälgen aufwartende konventionelle Telegabel ist sauber abgestimmt, und auch das Federbein vermag weitestgehend zu überzeugen, sofern der Fahrer die genannte Mühe walten lässt.

Wirklich schlechte Straßen sind aber dennoch Sache des Scrambler nicht; vom „fliegenden Teppich“ R 1200 GS trennen ihn Welten. Erstaunlich gut agiert er dagegen auf Schotterpfaden; bei argen Schlaglöchern können Schwergewichte im Sattel den Federweg allerdings komplett aufbrauchen. Vorteilhaft ist eine saubere Feinjustierung der Fahrwerkselemente auch fürs Einlenken in Kurven: Die anfänglich monierte Schwerfälligkeit in der Grundeinstellung wich zugunsten zufriedenstellender Agilität.

Als vorteilhaft empfanden wir die Sitzposition, denn Fahrer zwischen knapp 1,70 bis hin zu zwei Metern fühlten sich gleichermaßen wohl. Bereits mittelgroße Fahrer sollten aber die drei Zentimeter stärker gepolsterte „hohe Sitzbank“ probieren – man dürfte bestimmt kommoder sitzen. Schalter und Hebel sind qualitativ hochwertig ausgeführt, ein Lenkungsdämpfer beugt übergroßer Unruhe der Lenkstange vor.

Sonderzubehör

Der gegenwärtig starke Trend hin zu emotionalen Bikes mit historisch nachvollziehbaren Wurzeln erforderte beim Scrambler von den Entwicklern viel Sorgfalt. Die haben sie walten lassen und hübsche klassische Details integriert wie beispielsweise die BMW-Embleme in der Scheinwerfermitte oder schöne Alu-Schmiedeteile an der oberen Gabelbrücke mit glasperlengestrahlter und anschließend eloxierter Oberfläche.

Anders als bei der R nineT, für die bewusst nur ein minimales Sonderausstattungsprogramm existiert, bietet BMW für den Scrambler eine überschaubare Anzahl an zusätzlichen Goodies an: Auszugsweise genannt seien ein elektronischer Drehzahlmesser mit analoger Anzeige, LED-Blinker oder der Alu-Tank. Customizer haben jedenfalls ein zweites weites Betätigungsfeld bekommen, denn der Scrambler bietet ihnen, obschon bereits ab Werk ein gediegen wirkendes Motorrad, noch eine Menge an Möglichkeiten zur Individualisierung.

Die Zukunft auf Basis der R nineT

Zwar hat es mit dem Scrambler zweieinhalb lange Jahre gedauert, bis er auf Basis der R nineT fertig entwickelt war; mit weiteren Modellen der Heritage-Linie dürfte das schneller gehen, weil sie vermutlich auf dem Scrambler aufbauen werden. Was ist noch vorstellbar? Rühren wir mal im Kaffeesatz, dann erahnen wir dort einen Café Racer mit hübscher Cockpit-Verkleidung, und auch eine puristische GS im Stile der einstigen R 100 GS wäre gut vorstellbar. Sagen wir's auf bayrisch: Schau' mer mal... Der luftgekühlte Boxer jedenfalls lebt.

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