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Böse Bewerbungsfalle

| Autor / Redakteur: Stefan Zipperer / Valeria Schulte-Niermann

Ganz aktuell im Angebot der deutschen Antidiskriminierungsstrategie: Anonyme Bewerbungen! Kein Name, kein Alter, kein Geschlecht, kein Foto, die Liste ließe sich noch beliebig weit fortsetzen.

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(Bild: ©evan_ers/Fotolia.com [M] – Haselmann)

Der Chef im kleinen Betrieb oder der Leiter der Personalabteilung im Kaufhaus öffnet morgens den ersten Brief: „Ich möchte mich hiermit um die Stelle zum ….. bewerben.“ Mehr wird da wohl kaum drin stehen, oder? Nun ja, wahrscheinlich noch die Nummer eines Postfachs und, schön neutral bei allen Bewerbungen deutschlandweit gleich, die Anschrift des Postfachs: Antidiskriminierungsstelle in Berlin, damit auch niemand durch die richtige Adresse einen Rückschluss auf die Person ziehen könnte…

Nun, ich gehe davon aus, dass sich kaum ein katholischer Priester als Imam in der örtlichen Moschee bewerben wird, genauso wenig wie der Querschnittgelähmte sich für einen Job als Postbote interessiert oder die Vollverschleierte gerne im Untertagebau bei 45 Grad Celsius und 120 Prozent Luftfeuchtigkeit arbeiten möchte.

Geht man also von den „normalen“ Bewerbern aus, die schon durchaus in den Job passen würden, und ihn auch gerne haben möchten, dann sieht das alles schon besser aus, oder? Also werden einfach alle Bewerber zu einem Gespräch eingeladen, weil man ja schlecht bei 100 absolut identischen Bewerbungen (am besten auf einem Formblatt elektronisch erstellt) schon etwas aussieben kann, aber das wäre ja sowieso schon sehr inkorrekt, oder?

So wird also der Aufwand bei der Suche nach einem Bewerber deutlich zeitaufwändiger für den Arbeitgeber, muss er doch alle Bewerbungen einbestellen (denn natürlich werden die Bewerbungen alle als Einschrieben/Rückschein geschickt, damit sich hinterher keiner rausreden kann , er hätte die Bewerbung nicht bekommen. Tja, und dann? Darf der Personalchef dann nur mittels Sprachcomputer hinter einer Milchglaswand mit dem Bewerber kommunizieren oder ihm doch wahrhaftig ins Auge schauend, persönlich Fragen stellen dürfen? Und ja, was darf er dann überhaupt noch fragen?

Mich als einstellende Person würde schon interessieren, ob der/die mir gegenüber Sitzende der deutschen Sprache einwandfrei mächtig ist, das sogar in Wort und Schrift, ich kann ja schlecht eine nur drei Worte Deutsch sprechende Person (politisch korrekt ausgedrückt habe ich mal das Geschlecht und die Herkunft weg gelassen, weiß ich ja eh nicht…) an die Kasse setzen oder?

Genauso bringt es mir doch reichlich wenig, wenn die Person zwar deutsch spricht und schreibt, aber wegen religiösen Gründen Frauen nicht die Hand geben möchte, da kann er kaum Verkäufer werden, denn auch Frauen kaufen Autos oder Motorräder, gelle? Darf ich ihn/sie dann fragen, wie er es mit Religion oder mit Frauen hält oder ist das auch schon verboten?

Es wird ja noch besser. So weit ich weiß, sind Nachfragen nach der Gesundheit sowieso tabu und dürfen (!!!) auch falsch beantwortet werden, ohne dass Konsequenzen folgen, weil es ja eh verboten ist. So frage ich die vor mir sitzende Person, wie es denn mit der Gesundheit aussieht: Alles okay. Der noch nicht ausgeheilte Bandscheibenvorfall wird somit ganz legal nicht erwähnt, geht mich ja auch nichts an, oder? So würde die Person dann eingestellt und beim ersten Motor, der ausgebaut werden muss, knackst es wieder gewaltig im Kreuz und die Person ist 6 Monate krank, passend zur Saison, richtig toll … Ich als Chef darf also dann dafür zahlen, dass der neue Mitarbeiter erstmal im Krankenhaus liegt, anstelle in der Werkstatt produktiv zum Broterwerb der Firma beitragen zu können…

Klar, das kann mir auch mit einem kerngesunden, neuen Mitarbeiter passieren, aber ich würde gerne, alleine schon wegen der finanziellen Risiken für das Geschäft (und damit auch MEINER Existenz !) gerne schon im Vorfeld wissen, ob ich ein Desaster erleide oder nicht, wenn das denn möglich ist, oder?

Dann gibt es noch das Heer von allein erziehenden Eltern, die ja gerne nur Teilzeit arbeiten möchten, man aber jemanden für den ganzen Tag brauchst. Wie soll man denn damit umgehen? Soll ich zwei Personen einstellen, damit die Stelle voll besetzt ist? Dann geht’s gleich wieder los mit größeren Pausenräumen, mehr sanitären Anlagen, vielleicht auch bei größeren Firmen um die Einrichtung des Betriebsrats oder des Sicherheitsbeauftragten, wenn eine gewisse Arbeitnehmeranzahl überschritten wird … ein Rattenschwanz ohne Ende …

Da stellt man beispielsweise die allein erziehende Mutter von zwei Kindern ein, die dann schon am zweiten Arbeitstag um einen freien Nachmittag anfragt, weil einer der kleinen kotzend aus der Nachmittagsbetreuung abgeholt werden muss. Toll! Klar, schlagt mich jetzt und bezeichnet mich als Kinderfeind, aber das bin ich nicht. Ich MUSS auch an MICH und die anderen Mitarbeiter denken, die müssen alle Geld verdienen und sich an gewisse Regeln halten, damit der Betrieb läuft. Wenn die Dame nicht da ist, werden die Rechnungen nicht geschrieben und der Chef muss die Werkstatt verlassen, um das wieder wie vorher selber zu machen … Dann hätte er doch lieber die Dame eingestellt, die zwar Kinder, aber auch einen Mann hat, wo man sich bei Problemlösungen absprechen kann. Aber das weiß ich ja nicht, denn Fragen über das familiäre Umfeld darf ich ja nicht stellen…

Zugegeben, viele Personen haben es heute recht schwer, auch nur einen einfachen Job zu finden, geschweige denn ihren Traumberuf. Aber ist das denn durchgehend Schuld der Arbeitgeber, dieser bösen, blutsaugenden Kapitalisten? Spricht jemand nicht oder nur unzureichend die hiesige Landessprache, dann KANN ich nichts mit ihm anfangen, selbst für niedere Arbeiten nicht, wenn er nicht mal lesen kann, was auf den Flaschen für Reinigungsmittel für eine Putzfirma steht, oder? Und dieses Problem liegt NICHT an der Gesellschaft, die gibt wirklich allen Willigen die Möglichkeit, Sprache in Wort und Schrift sogar kostenfrei zu erlernen, lediglich ein wenig Willen und Fleiß gehören dazu, Zeit ist ja ausreichend vorhanden, oder?

Wenn aber Ali in der dritten Generation in Deutschland nur ein Kauderwelsch spricht und eine Bewerbung mit den 735 schlimmsten Rechtschreibfehlern abgibt, dass es einem selbst als professioneller Gutmensch die Zehennägel hoch rollt, dann kann doch was nicht stimmen, oder? Der Vietnamese oder Pole dagegen ist seit drei Jahren hier und spricht einwandfrei Deutsch, da kann man sich ja ausmalen, wen ich lieber einstellen würde, oder?

Aber die Bewerbungen sind ja alle identisch…

Was ist mit der voll tätowierten 20jährigen Dame, die sich schon dank Dummheit und Naivität mit 15 das erste ihrer drei Kinder hat andrehen lassen (und zu jedem der Plagen drei potentielle Väter nennen könnte), wegen hochprofessioneller Kindererziehung vor MTV und Playstation leider nicht mal zu einem Hauptschulabschluss gekommen, muss ich da jetzt die finanziellen Konsequenzen tragen, wenn die, erst einmal eingestellt und mühevoll eingearbeitet, wegen der vierten Schwangerschaft prompt nach drei Monaten ausfällt und ich ihr sogar noch den Arbeitsplatz jahrelang frei halten muss? Da würde ich doch lieber eine Dame einstellen, die NICHT schwanger ist und auch noch etwas mehr Grundkenntnisse in der Textverarbeitung als in illegalen Downloads von Musik über den Firmenrechner mitbringt, gelle?

Ich als Arbeitgeber WILL wissen, ob der Kandidat vor mir nicht nur die humanbiologischen Mindestvoraussetzungen für eine regelmäßige Arbeit mit bringt, sondern auch einigermaßen geeignet dafür ist und sich vielleicht sogar schon mal mit der Materie befasst hat. Ich WILL wissen, ob ich damit rechnen muss, ob er/sie J schon nach geringer Laufleistung im Betrieb gnadenlos ausfällt und mehr Kosten als Nutzen verursacht, um nicht nur meine Existenz, sondern vielleicht auch die der anderen Mitarbeiter nicht in Gefahr zu bringen…

Ja, da MUSS Ich egoistisch und profitorientiert denken, denn ich habe keine Lust, mir da ohne Ende faule Eier in mein mühsam sauber gehaltenes Nest legen zu lassen. Denken wir doch mal anders herum: Würde das nicht jeder so machen, der auch nur über einen Funken Intelligenz verfügt und auch etwas an sein eigenes Wohl denkt?

Logisch, da gibt es auch ein Heer von Arbeitssuchenden, die fleißig sind, nicht krank werden, über ausreichende Qualifikation für die angeboten Stelle auch am anderen Ende der Republik mittels Umzug gerne zur Verfügung stehen, aber wie soll ich zum Teufel als Chef an diese Leute kommen, wenn man hundert Bewerbungen bekommt, die NICHTS aussagen, GARNICHTS???

Wenn dieser Mist, und davon gehe ich aus, mal die bürokratischen Hürden nimmt und aus dem Versuchsstadium herauskommt, also bundesweit verpflichtend wird, dann sage ich euch, wie es laufen wird: Bewerber werden nur noch dann eingeladen, wenn sie einen persönlichen Fürsprecher haben. Die Werkstatt sucht einen Mechaniker? Der Mechaniker an Bühne 3 kennt einen, der ist gut, fleißig und gesund, spricht deutsch, hat eine nette Frau und zwei Kinder, und passende Kenntnisse. Den lade ich dann mal gerne ein, denn ich habe Vorkenntnisse über ihn…

Das Büro sucht eine Dame für die Faktura? Die Frau des netten Mitarbeiters in der Blumenabteilung kennt da eine, die kennt sich mit EDV aus, spricht deutsch und hat zwar zwei kleine Kinder ohne passenden Mann, aber die sind pflegeleicht und tagsüber bei der Oma um die Ecke. Gut zu wissen, da ist das Risiko überschaubar. Oder wie wär’s mit dem begehrten Ausbildungsplatz in der Werkstatt? Der gute Kunde XYZ kennt da einen netten Jungen , der hat einen hervorragenden Schulabschluss gemacht (sollte also Deutsch zumindest sprechen können … ), hat bereits mehrere Praktika absolviert und sucht jetzt eine Stelle. Nein, er hat keine 26 Punkte in Flensburg, aber einen Führerschein, und er programmiert in seiner Freizeit Homepages. Hmm, der kommt eher in Betracht als der Kerl mit der Kippe im Mundwinkel und der schrägen Baseballkappe, der letzte Woche in gebrochenem Deutsch gefragt hat, ob ich ihn ausbilden wollte, aber nur, wenn es mindestens 500 Euro/Monat gäbe.

Die anonymen, politisch korrekten Bewerbungen aber, die werde ich allesamt mit einem ebenfalls serienmäßig erstelltem Antwortschreiben zurücksenden, am Besten auch noch unfrankiert, und freundlich erklären, dass die offene Stelle bereits besetzt ist oder zur Zeit gar nicht zur Verfügung steht. So wird’s laufen!

Die anonyme Bewerbung wird also, und da könnt ihr sicher sein, die Suche nach einem Arbeits/Ausbildungsplatz eher erschweren als erleichtern. Kaum ein Chef, dem seine Zeit kostbar ist, wird sich blind etliche Nieten bestellen, um sich auf seine Kosten aus einem Heuhaufen unbekannter Kandidaten einen VIELLEICHT passenden Bewerber raus zu suchen, der hinterher wahrscheinlich auch wieder ein Reinfall wird. Dem Klüngel, den wir ja eigentlich alle abschaffen wollen, wird damit Tür und Tor geöffnet und das Postengeschachere wird noch viel, viel schlimmer…

So kann ich nur jedem empfehlen, der ehrlich eine Arbeit sucht oder sich ausbilden lassen will, persönlich mit allem Pipapo bei dem potentiellen Arbeitsgeber vorstellig zu werden, und freiwillig auf seine Anonymität zu verzichten. Der Chef wird’s danken! Und ganz am Rande sei erwähnt: Grundvoraussetzungen für einen einfachen Einstieg in die Arbeitswelt sind bekannt und erlernbar, auch wenn man dadurch in seine Jugend weniger Zeit am Baggersee, sondern vor Büchern verbringt: Schulabschluss; je besser und höher, umso sinnvoller. Deutsch: Einwandfrei in Sprache und Schrift. Leben wie die Masse: Keine Vollkörpertattoos, keine wilden Piercings, Vollverschleierungen oder Hosen mit Schritt in den Kniekehlen oder Ähnliches; keine drei Kinder mit zwanzig, und erst recht nicht falscher Stolz auf Komafotoserien im Internet. Ich denke, das sollten fast alle hin bekommen, oder?

Der Beitrag stammt von Stefan Zipperer, Werkstattmeister

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