Bosch: Wenn das Motorrad sehen lernt

Test neuer Zweirad-Assistenzsysteme

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Viktoria Hahn

Für das Motorrad sollen Systeme, die automatisch bremsen und beschleunigen, voraussichtlich in weniger als zwei Jahren in Serie gehen.
Für das Motorrad sollen Systeme, die automatisch bremsen und beschleunigen, voraussichtlich in weniger als zwei Jahren in Serie gehen. (Bild: Bosch)

Mit der Entwicklung radarbasierter Assistenzsysteme für Motorräder will Zulieferer Bosch das Unfallrisiko für Biker verringern, ab 2020 sollen sie in Serie gehen. Wie ungewohnt ist die erste Fahrt damit?

Der Abstands-Tempomat (ACC) ist bei gut ausgestatteten Neuwagen oberhalb der Kompaktklasse fast schon eine Selbstverständlichkeit. Für das Motorrad sollen Systeme, die automatisch bremsen und beschleunigen, voraussichtlich in weniger als zwei Jahren in Serie gehen. Ein erster Fahrtest im Realverkehr beim Entwickler Bosch offenbart, dass noch einige Feinabstimmung bis zur Serienreife nötig ist.

Die Bedienung ist im Grunde einfach: Man betätigt den kleinen Hebel für den Tempomat links am Lenker, dann übernimmt der Automatik-Modus: Ist die Straße vor der mit dem Frontradar ausgestatteten KTM frei, beschleunigt das Motorrad auf die eingestellte Geschwindigkeit (freilich sanfter, als das der Fahrer normalerweise machen würde), läuft es zu dicht auf ein davor langsamer fahrendes Fahrzeug auf, verzögert es.

Bloß nicht geistig abschalten

Das ist durchaus gewöhnungsbedürftig, denn viele Fahrer würden schon etwas früher vom Gas gehen als die Automatik eingreift. Je nach Tempodifferenz und dem gewählten Minimal-Abstand wird stärker oder weniger stark verzögert. Der maximale Bremseingriff ist laut Bosch auf eine Verzögerung von 0,5 g begrenzt, umgerechnet immerhin rund 4,9 m/s². Viele Motorradfahrer erreichen einen solchen Wert niemals, bleiben in der Praxis stets deutlich darunter, obwohl gute Motorradbremsen bis zu 10 m/s² schaffen können.

Fährt man auf einer dicht befahrenen dreispurigen Autobahn wie der A8 in der Umgebung Stuttgarts, kann man als Motorradfahrer mit aktiviertem Abstandstempomat keineswegs geistig abschalten: Mal schert ein Fahrzeug vor einem ein und verzögert unerwartet, was dann recht kräftiges automatisches Bremsen zur Folge hat. Oder es öffnet sich eine große Lücke, die höheres Tempo zulässt. Da Motorräder in der Regel nicht über ein automatisiertes Getriebe verfügen, muss geschaltet werden, und zwar recht schnell: Länger als eine Sekunde darf der Schaltvorgang nicht dauern, sonst deaktiviert sich das ACC. Natürlich muss man auch für langsamere Fahrt zurückschalten. Passen Gang und Tempo, lassen sich sogar Kreisverkehre automatisch befahren, solange mehr als 30 km/h möglich sind. Dank eines breiten Abstrahlwinkels des Radars verliert die KTM den Kontakt nach vorn nicht so leicht.

Kollisions- und Totwinkelwarner

Es sind noch allerlei Feinabstimmungen nötig, bis ACC auf zwei Rädern möglich wird: Ducati hat als Starttermin bereits 2020 genannt, KTM wird wohl annähernd zeitgleich damit beginnen. Eine bei Bosch ausgestellte BMW mit „Radarnase“ verriet, dass auch die Bayern „dran“ sind. Dank des Frontradars wird auch der – im Neuwagen längst selbstverständliche – Kollisionswarner umsetzbar. Fährt das Motorrad ohne ACC zu dicht auf ein vorausfahrendes Fahrzeug auf, macht das System den Fahrer durch ein Warnsignal auf die drohende Kollision aufmerksam. Möglich sind akustische, optische oder haptische Warnungen. Weniger spektakulär, aber durchaus hilfreich ist der bereits in der Endphase seiner Entwicklung angekommene, von einem Heckradar gesteuerte Totwinkel-Warner: Er kontrolliert den Raum seitlich hinter dem Motorrad und warnt mit Signalen im Cockpit oder in den Spiegeln vor gefährlichen Spurwechseln.

Technische Zukunftsmusik

Reine Zukunftsmusik ist dagegen der Rutschverhinderer, den Bosch-Forscher vorentwickelt haben. Bricht bei hoher Schräglage abrupt der Grip eines Reifens ab, weil das Motorrad beispielsweise über einen Ölfleck oder nasses Laub fährt, ist ein Sturz normalerweise kaum mehr vermeidbar. Die Bosch-Forschung hatte die Idee, eine externe Seitenkraft zu entwickeln, die in einem solchen Fall das bereits im Rutschen befindliche Fahrzeug wieder aufstellt. Erkennt das System mittels Sensoren und Algorithmen, wie sie in der Motorrad-Stabilitätskontrolle bereits verwendet werden, dass das Motorrad wegzurutschen droht, wird innerhalb weniger Millisekunden gegengesteuert: Gasdruckspeicher, wie sie in herkömmlichen Auto-Airbags verwendet werden, entleeren sich und entweichen über eine Düse. Das hat eine Rückstoßkraft zur Folge, das Motorrad stabilisiert sich wieder. Die Praxistauglichkeit demonstrierte der Zulieferer mit einem speziell aufgebauten Experimentalmotorrad: Das im Moment des Wegrutschens mit lautem Knall entweichende Gas wirkt als externe Stütze, quasi als „magische Hand“. Derzeit ist allerdings weder klar, ob überhaupt eine Weiterentwicklung erfolgt, noch ist kein möglicher Zeitrahmen abschätzbar.

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