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Christian Schütte: Der Strukturierte

| Autor / Redakteur: Helena Gennutt / Dipl. sc. Pol. Univ. Stephan Maderner

Christian Schüttes große Leidenschaft ist nicht das Motoradfahren, sondern die Unternehmens-führung. Viele Jahre war er „Unternehmer im Training“ bis er 2012 die Leitung des Klappenauspuff-anlagen-Herstellers Kesstech übernahm. Struktur und seine Mitarbeiter stehen für ihn ganz vorne.

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Christian Schütte, CEO Kesstech.
Christian Schütte, CEO Kesstech.
(Bild: Kesstech)

Es war sein dritter Versuch. Christian Schütte hatte 2012 gerade seinen alten Job gekündigt. Ohne konkrete Jobaussicht, ohne konkreten Plan. Zweimal hatte er bereits versucht, ein passendes Unternehmen für eine Übernahme zu identifizieren. Zweimal ist er, kurz bevor es soweit war, gescheitert. „Das ist aber relativ normal“, erzählt der 46-jährige gelassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Schütte bereits zwei Töchter und lebte in Frankfurt, mit einem Zweitwohnsitz in München. Zwei Jahre hat er sich gegeben, um das richtige Unternehmen zu finden. Sein Erfolgsrezept lautet, klar zu überlegen, was eine Veränderung antreibt. Egal ob geschäftlich oder privat, es seien nie mehr als drei bis fünf Punkte, die tatsächlich etwas verändern – und die gilt es zu fokussieren, so Schütte. Dass er gehaltsmäßig nicht da einsteigen würde, wo er aufgehört hat, war für ihn nebensächlich. „Vor allem ist es wichtig, Spaß an einem Unternehmen zu haben. Dann kann man etwas bewegen. Das Geldverdienen kommt dann fast von allein“, sagt er.

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Damals suchte der betagte Herr Kess nach einer Unternehmensnachfolge und wandte sich an einen Verkaufsberater. Dieser kannte Schütte, der ein großes Netzwerk in die verschiedensten Industrien hat, und vermittelte den Kontakt. Schüttes Leidenschaft war sofort da. „Ich sehe bei Unternehmen, ob es Potenzial gibt“, sagt er. Als er den Familienbetrieb im September 2012 übernahm, war Kesstech in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz aktiv. Das Unternehmen hatte etwa 20 Mitarbeiter, das Geschäft lief gut und die Aufträge kamen fast von allein.

Doch das war Schütte nicht genug. Der erfahrene Unternehmer erkannte, dass sich aus dem kleinen Betrieb noch einiges herausholen lässt. Schütte arbeitete knapp zehn Jahre als „Unternehmer im Training“, wie er seinen Werdegang beschreibt. Braune Haare, braune Augen, brauner Strickpullover über einem schwarzen Hemd: Der eher unauffällige Schütte war zunächst bei einer amerikanischen, dann bei einer schwedischen Beteiligungsgesellschaft angestellt. Geboren in Hamburg, lebte er viele Jahre in London und Frankfurt. Er war in Beiräten und Aufsichtsräten diverser mittelständischer Unternehmen aktiv und beschäftigte sich dort mit Unternehmensnachfolge und Wachstumskapital. Diese Arbeit hat ihm viel Spaß gemacht, „weil man viele Leute an Bord hat, die großes Interesse daran haben, ihren Job gut zu machen“, wie er sagt.

Doch irgendwann wurde ihm das zu eintönig. Immer wieder 3- oder 5- Jahrespläne aufstellen und diese durchlaufen. Stillstand hält er nicht lange aus. Auch Kesstech wollte er nach vorne bringen. Er fragte sich, was dem Unternehmen fehle, um weiter zu wachsen. So entstand ein professioneller Außendienst. Inzwischen bedient Kesstech neben Händlern von Harley-Davidson die Marken BMW und Indian. Das minimiert auch das Betriebsrisiko. Denn Kesstech macht nur eine Sache: „Wir steigern das Fahrerlebnis eines Motorradfahrers und zwar durch den Auspuff: durch Vibration, Sound und Performance“, erklärt Schütte. Alles auf legalem Weg. Dahinter stecken 8.000 Zeilen Softwarecode und 134 Parameter. Entwicklung, Design, Montage, Qualitätskontrolle und Versand finden bei Kesstech in Obertheres statt.

Schütte hat das Unternehmen durchprofessionalisiert. Vertrieb, Verwaltung, Lieferanten – alles verläuft heute auf einem höheren Level. Wenngleich viele das bei dieser Unternehmensgröße für übertrieben halten mögen, setzt er auch bei Kesstech auf einen Beirat. „Als Unternehmer kann man Entscheidungen natürlich aus dem Bauch heraus treffen, aber ich treffe sie lieber auf einer fundierten Basis“, sagt Schütte. Das macht sich bezahlt: Selbst den Corona-Lockdown hat Kesstech gut überstanden. Innerhalb von 36 Stunden und in Rücksprache mit dem Beirat passte Schütte die Vertriebsstrategie den neuen Gegebenheiten an. „Wenn es brenzlig wird und Herausforderungen da sind, dann blüht er erst richtig auf“, sagt Franziska Wicht, die seit vier Jahren im Marketingteam eng mit Schütte zusammenarbeitet.

Heute vertreibt Kesstech seine Produkte europaweit sowie in Japan und China. Dort ist Schütte auch gerne auf Geschäftsreise, andere Kulturkreise reizen ihn. „Am liebsten sitze ich mit einem Kollegen aus dem Vertrieb am Ende eines Tages in einer kleinen Spelunke in Japan oder China und lerne wildfremde Menschen kennen“, so Schütte. Das sei richtig ins Leben eintauchen. Unterwegs war er schon immer viel. Schütte studierte Jura in Passau, Lausanne und Berlin. „Was man im Jurastudium lernt, ist vor allem strukturiertes Denken“, begründet er seine Wahl – das könne man überall anbringen. Neben dem Studium absolvierte er knapp zehn Praktika in allen Ecken der Welt, unter anderem bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in New York und einem Wertpapierhändler in Melbourne. Da ihn Wirtschaftsrecht interessierte, arbeitete er nach dem 1. Staatsexamen vier Jahre lang als Berater bei der Bank JP Morgan. Wie ein Staubsauger habe er damals alles Wissen aufgesogen, sagt Schütte – sowohl professionell als auch menschlich. Davon profitieren seine Mitarbeiter bis heute: Schütte habe immer ein offenes Ohr, beschreibt ihn Kollegin Wicht.

Aus dem kleinen Familienunternehmen Kesstech ist eine unter Motoradfahrern bekannte Marke geworden. Nicht nur seine eigene Familie hat mit seiner einjährigen Tochter Zuwachs bekommen. Die „Kesstech-Familie“, wie Wicht sie schmunzelnd nennt, hat sich mit knapp 60 Mitarbeitern seit der Übernahme verdreifacht. Nicht alle davon sind Harley-Fahrer. „Heute schaffen es die Leute bei Kesstech, für die Story des Unternehmens zu begeistern“, sagt Schütte. Für die Zukunft von Kesstech hat er viele Pläne.

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