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Corona: Ultimativer Stresstest für unser freiheitliches Wirtschaftssystem

| Autor / Redakteur: Robin Bradley / Dipl. sc. Pol. Univ. Stephan Maderner

Der britische Medienunternehmer Robin Bradley, Herausgeber der „International Dealer News“ und exzellenter Kenner der internationalen Motorradszene, über die Herausforderungen der Corona-Krise für die ganze Branche.

Robin Bradley, Herausgeber der „International Dealer News", auf einer ACEM-Konferenz in Brüssel.
Robin Bradley, Herausgeber der „International Dealer News", auf einer ACEM-Konferenz in Brüssel.
(Bild: Acem/Benjamin Brolet)

Dieser Beitrag, über dem ich hier gerade sitze, gehört zu den schwierigsten Artikeln, die ich je in meiner journalistischen Laufbahn zu schreiben hatte. Eine Aufgabe allenfalls vergleichbar mit der „Lehman-Apokalypse“ (2008), die dem Schrecken des globalen wirtschaftlichen Zusammenbruchs vorausging, dem wir alle ausgesetzt waren, oder dem Einstürzen der Zwillingstürme des World Trade Centers in New York am 9. November 2001.

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In Zeiten wie diesen fühlt es sich irgendwie unehrlich, ja schmutzig an, sich über unsere geliebte internationale Motorradindustrie Sorgen zu machen, wenn zeitgleich hunderttausende von Menschen um ihr Leben kämpfen. Aber wir müssen uns Sorgen machen. Denn ein Teil der Bewältigung der gesundheitlichen Notlage – wann immer und wie auch immer sie sich für den einzelnen materialisiert – wird es sein, unser Leben, unsere Gemeinden, unsere Arbeitsplätze und unsere Volkswirtschaften wieder auf die Beine zu bringen.

In erster Linie müssen wir uns alle zunächst um unsere Gesundheit kümmern. Jetzt steht der Schutz vor einer Ansteckung bei unseren Familien, Freunden und Mitarbeitern im Vordergrund. Dann aber ist es genauso wichtig, sich Gedanken zu machen, wann unsere Industrie wieder in der Lage sein wird, die Bänder und Maschinen zu starten um die Branche wieder zum Leuchten zu bringen. Wann der richtige Zeitpunkt für den Exit aus dem Lockdown gekommen ist, wissen wir leider nicht. Und dieses Wissen über unser Nichtwissen ist es, dass uns in dieser Notfallsituation so Angst macht.

Eine weitere Sache, die wir alle inzwischen wissen und erkennen müssen, ist, dass die Gesellschaft als Ganzes, unsere Industrie und der Kapitalismus, von dem wir leben, nach der Corona-Krise nie mehr dieselbe sein wird wie vorher.

Die meisten Menschen verknüpfen die beiden Themen Gesundheit und finanzielle Notlage. Sie betrachten sie als ein und dasselbe, als auf dieselbe Weise und zur selben Zeit lösbar.

Es besteht daher die völlig falsche Annahme, dass, sobald die steigende Zahl der Todesfälle unter Kontrolle ist, die Menschen wieder anfangen, Geld auszugeben, und die Welt wieder in Ordnung sein wird. Wie naiv. Wie falsch.

Natürlich sind die zwei Probleme direkt miteinander verbunden, da die Gesundheitskrise die Wirtschaftskrise verursacht hat. So viel steht jetzt schon fest: Es wird viel Zeit brauchen, bis die Gesundheitsprobleme ausreichend abgebaut sind, damit wir uns wieder auf die Wirtschaftsfragen konzentrieren können. Das ist wie beim Einlegen des ersten Ganges beim Motorradfahren: man setzt ein schweres, lebloses Objekt kraftvoll in Gang, aber es braucht seine Zeit, bis die Maschine Fahrt aufnimmt und an Tempo gewinnt. Die durch die Gesundheitskrise verursachte Wirtschaftskrise hat die Nabelschnur durchtrennt. Das Virus ist jetzt allein in der freien Wildbahn, breitet sich aus und führt sein eigenes Leben. Diese wachsende Wirtschaftskrise wird einen langen, dunklen Schatten über unser Leben werfen – auch wenn wir das Glück haben sollten, persönlich unversehrt aus der Gesundheitskrise herauszukommen.

Viele Menschen verweisen auf Faktoren wie Globalisierung und internationale Abhängigkeiten, und dass sie uns einem größeren Risiko aussetzen, uns anfälliger für virale und fiskalische Erschütterungen wie diese machen. Tatsächlich könnte diese Ansicht nicht falscher sein. Diejenigen, die auf unsere Abhängigkeit von einer internationalen Just-in-Time-Lieferkette hinweisen, und das als Beweis dafür ansehen, dass wieder Barrieren errichtet werden müssen, dass die Produktion nach Hause gebracht werden muss, sehen nicht, dass die nach innen gerichteten Perspektiven lediglich die Probleme, die 70 Jahre nach dem Krieg verschwunden sind, verfestigen. Denn internationale Fortschritte und die wirtschaftliche Zusammenarbeit haben viel dazu beigetragen, dass die schreckliche Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg im Rückspiegel der Welt verschwunden ist.

Das internationale Handelssystem, dass China (auf Forderung des Westens) in den Mittelpunkt einer neu definierten globalen Lieferkette gestellt hat, erweist sich als bemerkenswert robust. Doch die globale Freihandelsordnung, die uns seit den 1980er Jahren Wachstum und Wohlstand beschert, ist immer noch ein recht junges, zerbrechliches Projekt.

Sicher, es bedarf jetzt eindeutig einer Feinabstimmung. Aber die Stabilität und Zuverlässigkeit, die ein globales Handelssystem benötigt braucht mehr Zusammenarbeit, nicht weniger. Mehr Freiheiten und Möglichkeiten, nicht weniger. Mehr Akzeptanz und Aufrechterhaltung der etablierten Prinzipien von geistigem Eigentum,regulatorischer Äquivalenz und gleichen Geschäftsmöglichkeiten, nicht weniger. Was uns diese Doppel-Notsituation zeigt, ist nicht die Schwäche einer Welt von Abhängigkeit, gemeinsamen Werten und Zielen, sondern ihre Stärken. Wenn Länder eine „Mein Land zuerst“-Strategie verfolgen, werden wir alle die letzten sein. Weit entfernt von dem Wunsch von mehr nationalem Isolationismus hilft uns die Feststellung, dass wir alle zusammen in diese Lage gekommen sind und dass wir auch nur wieder gemeinsam herauskommen.

Nur mit mehr koordinierten und konzertierten Anstrengungen, „die Band wieder zusammenzubringen", kann unsere wirtschaftliche Ordnung, mit der wir so lange gut gefahren sind, wieder hergestellt werden. Wir müssen alle enger zusammenarbeiten – politisch, wirtschaftlich und sozial – nicht weniger.

Weltweit gibt es Anzeichen dafür, dass der zunehmende Isolationismus der Länder den Schaden, den das Virus angerichtet hat, viel größer als nötig gemacht hat; unter anderem durch die Entscheidung, ganze Länder von internationaler Hilfe und den gemeinsamen Gesundheitsnetzwerken zu isolieren. Dadurch hätten mehr Atemschutzgeräte sowie Tests und Diagnoseverfahren eher und schneller hergestellt werden können. Hinzu kommt eine fehlgeleitete, überholte sozialistische Kontrolle aus der Sowjetära mit staatlich kontrolliertem Nachrichtenmanagement und Regierungen, die Totalitarismus für eine gute Idee halten.

Ja, China – ich schaue auf euch, und auf die Zeit, die Leben und das Geld, welches eure Lügen uns gekostet haben, euren Kunden, auf der ganzen Welt. Zeit für einen Neustart? Ja! Wuhan wird wahrscheinlich in die Geschichte eingehen als das Tschernobyl des chinesischen Kommunismus. Ich hoffe, dass es das tut. Es verdient es.

Wenn es der Europäischen Zentralbank (EZB) unterdessen nicht erlaubt ist, als wunderbarer Schmetterling aus ihrer Puppe hervorzutreten, wird die Unentschlossenheit und die Selbstbezogenheit, die die EU-Finanzpolitiker auf der Kriechspur halten, die Eurozone 19 wahrscheinlich in einen finanziellen Abgrund stürzen, der die verlorenen Jahrzehnte Japans wie eine Generalprobe aussehen lassen wird. Berlin, wach' auf und zeige Führung!

Was mit unserer Welt, mit unseren Volkswirtschaften gerade geschieht, ist der ultimative Stresstest für all das was wir erreicht und aufgebaut haben. Wir können diesen Test nur bestehen, wenn wir den Einfluss von Amateuren (alias Politiker) reduzieren, und die beiden Säulen einer guten Regierung annehmen – Transparenz und Ehrlichkeit – und diese als unsere Prüfsteine ansehen.

Dieser Text erschien am 16. April in der „International Dealer News“. Sonja Wallace und Stephan Maderner haben ihn übersetzt.

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