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Corona und die Diktatur der Vernunft

Aus dem Tagebuch des »bike und business«-Chefredakteurs (KW 14/II), Episode 768: Das war schon eine Hammermeldung, die da am späten Dienstag Nachmittag in meinem E-Mail-Eingangskörbchen landete: BMW Motorrad teilte mit, wegen Corona den beiden 2020er-Leitmessen, der...

Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin.
Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin.
(Bild: Vogel Communications Group)

....Intermot im Oktober in Köln und Eicma im November in Mailand fernbleiben zu wollen. Grund der Absage: Corona. Man wolle damit die Planungsunsicherheit für alle der an Messeauftritten von BMW Motorrad beteiligten Partnern beenden. Dass BMW so früh die Corona-Reißleine zieht,dürfte in der ganzen Branche Signalwirkung haben. Statt Face-to-Face-Präsenz auf der Messe gibt es nun alle Weltpremieren und Produkthighlights auf alternativen Plattformen. Dabei wolle man verstärkt auf eigene Formate und Kommunikationswege setzen. Lesen Sie die ganze Story im Newsletter. Inzwischen hat der österreichische Hersteller KTM nachgelegt und seinen Verzicht für beide Messen erklärt, mehr dazu im nächsten Newsletter.

On top gibt es im »bike und business«-Nachrichtenstrom vom Freitag auch einen ausführlichen Bericht von meinem Telefoninterview mit Henning Putze, Chef von BMW Motorrad Deutschland und IVM-Päsident über die Herausforderungen der Zweiradszene in Zeiten von Corona. So eine Art inoffizielle Ansprache zur Lage der Branchennation. Für mich wieder mal eine echte Freude, ein solch' spannendes und inhaltsvolles Gespräch mit einem Experten publizistisch zu verarbeiten. Eine echte Chance, meine journalistisch-sprachliche Kompetenz unter Beweis zu stellen. So macht das Redakteurshandwerk richtig Spaß.

Und weil Wochenende ist und sich ohnehin viele zuhause im Homeoffice oder Quarantäne befinden und nach Lesestoff dürsten, gibt es an dieser Stelle noch einen seht guten Text obendrauf. Er stammt aus der Feder meines Kollegen und Stellvertreters Jan Rosenow. Gefunden habe ich auf seinem Blog ras-mussen. Für die »bike und business«-Community hat er diesen Text extra nochmal einem Feinschliff unterzogen. Viel Spaß beim Lesen, bin jetzt schon auf Ihre Reaktionen gespannt!

Corona und die Diktatur der Vernunft

So nun also O-Ton Jan Rosenow: „Die Corona-Epidemie hat Deutschland fest im Griff. Und angesichts dessen, was in Italien und Spanien derzeit passiert, können wir nur hoffen, dass die derzeit getroffenen Maßnahmen die Ausbreitung des Virus tatsächlich wirksam bremsen. Allerdings erscheinen mir manche der neuen Regeln - vor allem in Bayern, wo sich Ministerpräsident Söder als besonders tatkräftiger Macher inszeniert – doch über das Ziel hinauszuschießen. Wir erinnern uns: Das Ziel heißt: Kontakteinschränkung.

Beispiel: Private Spritztouren mit dem Motorrad (übrigens auch mit dem Auto) sind in Bayern verboten. Bei allem Verständnis für die nötigen Maßnahmen: Worin genau besteht die Infektionsgefahr beim Motorradfahren? Warum behandelt man es nicht so wie auch andere Arten der Bewegung und Freizeitbeschäftigung, die ja weiterhin erlaubt sind – vorausgesetzt, sie finden ausschließlich allein oder innerhalb der Familie statt? Folgende Regelung wäre doch denkbar: Fahren: ja – sich treffen, in Gruppen Kaffeetrinken: nein.

OK: Manche Menschen – darunter auch Motorradfahrer – argumentieren so: Wer jetzt einen Unfall erleidet und ärztliche Hilfe braucht, der stresst das ohnehin stark belastete Gesundheitssystem noch weiter und nimmt eventuell einem Covid-Kranken das Intensivbett weg. Dieses Argument ist so richtig wie trivial - und gefährlich. Denn es lässt sich auch unabhängig von der Corona-Krise gegen das Motorradfahren ins Feld führen. Es ist nichts anderes als der altbekannte Vorwurf: „Ihr seid doch alle Organspender!“ Mein oberstes Ziel als Motorradfahrer ist es doch, so unterwegs zu sein, dass die Fahrt nicht in der Notaufnahme endet - und das unabhängig von der Frage, ob gerade Corona-Krise ist oder nicht. Wer lebensverneinend fährt, dem muss man mit anderen Mittel beikommen, als einfach allen das Fahren zu verbieten.

Und noch etwas macht mir Angst (ich übertreibe jetzt, aber nur ein bisschen): Wenn das Motorradfahren jetzt aus Gründen des Gesundheitsschutzes verboten wird, dann muss man sich durchaus fragen, ob die Gesellschaft und die Politik diese Gesundheitsgefahren zu einem späteren Zeitpunkt wieder akzeptieren werden. Ab wann soll es denn wieder OK sein, sich in die Notaufnahme zu rasen? Denken wir nur einmal an die Unfallstatistik: Im Jahr 2019 sind über 500 Motorradfahrer im Verkehr ums Leben gekommen. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass diese Zahl 2020 deutlich sinken wird. Das heißt aber auch, dass es 2021 eine starken Anstieg der Zahl der Verkehrstoten geben würde, wenn das Fahren wieder erlaubt wird. Welcher Politiker möchte dafür gern verantwortlich sein?

Da fällt es doch viel leichter, zu sagen: Reine Spaßfahrten bleiben ab jetzt für immer verboten. Schließlich erhöhen sie die Unfallgefahr (und die Umweltverschmutzung), ohne einem unmittelbaren Zweck zu dienen. Und das kann eine vernunftbetonte, sicherheits- und umweltbewusste Gesellschaft einfach nicht mehr hinnehmen. Hoffen wir, dass es nicht so kommt.“

Danke Jan, für diesen tiefschürfenden und uns zum Nachdenken anregenden Text! Was geht Ihnen jetzt so durch den Kopf? Das »bike und business«-Team freut sich über eine lebhafte Forumsdiskussion.

(ID:46491030)

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