Das Motorrad machte den Weg frei für die Autorepublik Deutschland

Redakteur: Janine Schmidl

Bis 1960 gab es in der Bundesrepublik Deutschland mehr Motorräder als Autos. In der DDR sogar bis 1989. Nachzulesen in dem Buch: „Das Motorrad. Ein deutscher Sonderweg in die automobile Gesellschaft“.

Als das Motorrad laufen lernte...
Als das Motorrad laufen lernte...
(Foto: Deutsches Museum München)

Es war das Motorrad, nicht das Auto, das die Deutschen motorisierte. Auf dem Weg in eine automobile Gesellschaft spielte das Motorrad die herausragende Rolle. Das Zweirad konnten sich viele leisten und die verkehrs- und steuerrechtlichen Bestimmungen in der Weimarer Republik begünstigten den Aufstieg das Motorrads zum Volksfahrzeug.

1926 gab es mehr Motorräder in Deutschland als Autos. Dieser Befund hatte in der Bundesrepublik Deutschland bis 1960 Bestand, in der DDR sogar bis zur Wende 1989. Und etwa 1,5 Millionen Motorräder, die Hälfte aller weltweit zugelassenen, wurden 1938 auf Deutschlands Straßen gezählt, während in den USA, Frankreich und England bereits seit den 1920er-Jahren das Auto den Individualverkehr dominierte. Außerdem war Deutschland 1938 führend bei der Produktion von Motorrädern. 330 000, also zwei Drittel aller Motorräder weltweit, kamen aus deutschen Fabriken.

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Die Zahlen finden sich in der Dissertation „Das Motorrad“ von Frank Steinbeck. Darin untersucht der Historiker die Bedeutung des Motorrads bei der Massenmotorisierung in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen. Frank Steinbeck gelangt zu dem erstmals in der Wissenschaft geäußerten Schluss, dass mit dieser herausgehobenen Stellung des Motorrads bei der Motorisierung des Straßenverkehrs Deutschland im internationalen Ver-gleich einen Sonderweg beschritt. Er promovierte am Fachgebiet Wissen-schafts- und Technikgeschichte bei Prof. Dr. Wolfgang König.

Das Motorrad als erschwingliche Alternative

„Die massenhafte Verbreitung von Motorfahrrädern und Kleinkrafträdern war eigentlich ein Armutszeugnis der Deutschen“, sagt Frank Steinbeck. „Denn, obwohl Deutschland ein hochentwickeltes Industrieland war, konnte sich die Mehrheit der Deutschen in der Zwischenkriegszeit ein Auto nicht leisten. Da zeigen sich gravierende Entwicklungsrückstände bei der Massenkaufkraft im Vergleich zu den USA, Frankreich und England. Und beim Auto waren es vor allem die laufenden Kosten wie der Spritpreis, die Kfz-Steuern und die Garagenmieten, die einen Pkw für viele unerschwinglich machten.“

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