Suchen

Der Kim Jong-Unnormale Wahnsinn 4.0

| Autor / Redakteur: Aaron Niemeyer / Elena Koch

Industrie 4.0 ist einer dieser Begriffe, um die man in den vergangenen Jahren einfach nicht herumgekommen ist. Auch auf der Fachtagung »bike und business« ist dieser Begriff mehrfach gefallen. Während in der Forschung noch eine hitzige Debatte über die Sinnhaftigkeit des Begriffs herrscht, scheint sich in der Praxis schon längst die normative Kraft des Faktischen durchgesetzt zu haben.

Firmen zum Thema

Pavlos Tsulfaidis versucht, den Motorradhändler die Vorzüge von eigenen Online-Webshops näherzubringen.
Pavlos Tsulfaidis versucht, den Motorradhändler die Vorzüge von eigenen Online-Webshops näherzubringen.
(Bild: bike und business/Marcel Gollin)

Die Stimmung ist gut an diesem Nachmittag im Vortragssaal des Vogel Convention Centers in Würzburg. Zwei Männer mittleren Alters fachsimpeln bei einer Tasse Kaffee nicht nur über Branchenthemen sondern unterhalten sich auch lachend über eine Familienfeier. Eine andere Besucherin sitzt mit ausgestreckten Beinen auf ihrem Stuhl und spricht gut gelaunt in ihr Smartphone. Am Rande des Geschehens stehen Techniker und amüsieren sich über eine kleine Panne am Mischpult. Die Atmosphäre ist gelöst, die Geräuschkulisse entsprechend laut. Der einzige, der in dieses lockere Ambiente platzt, ist der Referent auf der Bühne: Pavlos Tsulfaidis von der Smartstore AG. Der IT-Profi gibt einen Beitrag über Industrie 4.0 im Online-Motorradhandel zum Besten.

Bildergalerie

Bildergalerie mit 6 Bildern

Die vierte industrielle Revolution

Um Networking, fachliche Diskussionen und technische Innovationen sollte es gehen auf der Fachtagung »bike und business« 2016 in Würzburg. Dazu wurden in Vorträgen und Diskussionsrunden verschiedene relevante Themen der Motorradbranche besprochen. Geht es um technische Innovationen, kommt man um einen Begriff nicht herum: Die sogenannte Industrie 4.0. Dies ist eines der ganz großen Buzzwords der vergangenen Jahre. Nicht jeder kann jedoch mit diesem Begriff etwas anfangen – sei es in Theorie oder Praxis.

Wir klären auf: Zum Ausdruck gebracht wird mit diesem Begriff die Einleitung einer vierten industriellen Revolution. Während die erste industrielle Revolution noch aus einer Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft bestand, brachte die zweite schon industrielle Massenfertigung mit Hilfe von Fließbändern und elektrischer Energie mit sich. In der dritten industriellen Revolution, die auch digitale Revolution genannt wird, wurde diese Massenfertigung mit Einsatz von Elektronik und IT automatisiert und in ihrer Effizienz deutlich gesteigert.

Die nun proklamierte vierte industrielle Revolution soll diese Automatisierung nun um moderne Informations- und Kommunikationstechnik erweitern. Die technische Grundlage hierfür sind intelligente und digital vernetzte Systeme. Dadurch soll eine weitgehend selbständige und selbstorganisierte Produktion ermöglicht werden. In dieser Industrie 4.0 sollen Menschen, Maschinen und Produkte miteinander kommunizieren und kooperieren.

Nicht alle sind einverstanden mit diesem selbst reklamierten Anspruch einer vierten industriellen Revolution: Als „vermessen und unseriös“ bezeichnet Wolfgang Halang, Professor für Informationstechnik an der Fernuni Hagen diese Bezeichnung in seinem Buch „Industrie 4.0 und Echtzeit“. Beziehen tut er sich dabei auf eine Aussage von Dr. Rainer Drath vom ABB Forschungszentrum. Auch dieser sieht die selbstgewählte Bezeichnung kritisch: „Bemerkenswert ist die Tatsache, dass erstmals eine industrielle Revolution ausgerufen wird, noch bevor sie stattgefunden hat." Eine bessere Bezeichnung sei „zweiten Phase der Digitalisierung“, bestätigt auch Soziologieprofessor Hartmut Hirsch-Kreinsen in seinem Buch „Digitalisierung industrieller Arbeit“.

Warum sich Verkäufer gegen Online-Shops wehren

Die Kritik ist nachvollziehbar: Während die vorangegangen industriellen Entwicklungen stets erst im Nachhinein klassifiziert wurden, geschieht dies bei den aktuellen technischen Entwicklungen bereits im Voraus. Damit wird ein Anspruch erhoben, der in der Realität schwer zu erfüllen ist.

Auch hier in Würzburg herrscht alles andere als revolutionäre Aufbruchstimmung. Möglicherweise ist dies auch dem Inhalt des gebotenen Vortrags geschuldet: Industrie 4.0 wird hier kurzerhand umgedeutet zum digitalen Onlineshop. Das Revolutionäre daran: automatisierter Datenaustausch zwischen Produkthersteller und Verkäufer. Während sich die Begeisterung des Publikums in Grenzen hält, muss auch der Vortragende einräumen, dass sogar eine solche marginale Neuerung häufig an den Verkäufern scheitert. Diese würden sich zum Beispiel gegen den Online-Bezahldienst PayPal oder andere digitale Warenkörbe wehren und es bevorzugen, wenn ihre Kunden mit einer ausgedruckten Liste in eine Niederlassung kämen.

Der Faktor Mensch im Zeitalter der Disruption

Als „am Menschen vorbei entwickelt“ bezeichnet Andreas Syska, BWL-Professor an der Hochschule Niederrhein die Industrie 4.0. Nicht einmal Vertriebler von IT-Firmen wüssten, was es damit auf sich hat. Die Konzeption des Ganzen sei auf Effizienz- und Produktionssteigerung ausgelegt, während der Faktor Mensch komplett vernachlässigt würde. Risiken wie der Verlust der Entscheidungsfreiheit gegenüber der Maschine würden entsprechend komplett von der Diskussion ausgeschlossen. Profitieren würden davon lediglich hochspezialisierte Fachleute und Anbieter der Fabrikautomation. Anwender und Endkunden seien hingegen skeptisch. Die versprochene Produktionssteigerung ließe sich nämlich auch mit anderen, risikofreien Methoden erreichen. Der typische mittelständische Unternehmer würde also zurecht keinen Grund dafür sehen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen.

Deshalb haben auch die Verantwortlichen der Bike-Fachtagung 2016 in Würzburg das Thema auf die Agenda gesetzt. Freilich bleibt es angesichts nur 15 Minuten reiner Redezeit dabei, dass der Referent nur Impulse geben kann bei diesem zugegebenermaßen recht sperrigen Thema. Vertiefende Fragen, so sieht es das Konzept der Veranstaltung vor, sollen dann am Ausstellungsstand geführt werden. Und so steht am Ende eine von Pavlos Tsulfaidis unbeantwortete rhetorische Frage, ob die Verhältnisse von Industrie 4.0 und Onlinehandel „noch normal oder schon Wahnsinn“ seien? Der Vorhang fällt und viele Fragen offen. Die letzte Folie der Präsentation, auf der das Konterfei des nordkoreanischen Diktators mit leerem Blick danach fragt, ob es noch kritische Fragen gäbe, wird vom Publikum geflissentlich übersehen.

Angeregte Gespräche am Stand

Wie es nun also weitergehen wird mit dieser Industrie 4.0, der zumindest hier in Würzburg nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, wird sich heute nicht mehr klären lassen. Der Referent sieht‘s gelassen: „Es ist natürlich doof, wenn man da steht und genau weiß, dass nicht einmal ein Bruchteil der Leute technisch versteht, was man da so zu sagen hat. Aber wenn man so einen Vortrag hält, muss man das halt einfach durchziehen. Angeregte Gespräche gab es dann am Stand.“

(ID:44427519)