Der neue Grip bei Eis und Schnee

Fachtagung 2016: Eray Savci, Anlas Reifen

| Autor / Redakteur: Jannik Kretschmer / Elena Koch

Anlas-Reifen feierte Fachtagungs-Premiere: Mit Eray Savci (li.) und Enver Is (re.)
Anlas-Reifen feierte Fachtagungs-Premiere: Mit Eray Savci (li.) und Enver Is (re.) (Bild: bike und business/Judith Leiterer)

Immer mehr Biker wollen auch im Winter nicht auf's Motorradfahren verzichten. Erste Unternehmen bieten bereits wintertaugliche Bereifung für das Kraftrad an, die trotz Eis und Schnee sicheren Fahrspaß versprechen. Doch kann man auf zwei Rädern im Winter überhaupt sicher unterwegs sein?

Langsam wird der silbrig glänzende Zündschlüssel in das Schloss geschoben. Eine kurze Drehung, ein leises Knacken und das Auspuffrohr vibriert. Es geht die gefrorenen Straßen und Wälder entlang. Die ersten weißen Kristalle fallen vom Himmel und sammeln sich auf dem Visier des Motorradhelms. Auch die Fahrbahn wird zunehmend vom Schnee bedeckt bis letztlich kein schwarzes Asphaltkorn mehr mit bloßem Auge zu erkennen ist. Die dunklen Lederhandschuhe des Zweiradfahrers umklammern den gebogenen Lenker des Vehikels. Immer wieder dreht er den rechten Griff gegen den Uhrzeigersinn, um seiner Fahrt zusätzlichen Schub zu verleihen. Die schwarzen mit tiefen Rillen versehenen Reifen kämpfen sich durch die weißen Fluten, doch das Motorrad bleibt stabil. Auch die Kurven können den mit der warmen Motorradkluft versehenen Mann nicht aus der Ruhe bringen. Schließlich manövriert er das Gefährt über die weißen unebenen Straßen wieder gefühlvoll nach Hause.

Winterreifen aus der Türkei?

So könnte Eray Savci sich eine Motorradfahrt im Winter vorstellen, auch wenn er die kalte Jahreszeit aus seiner Heimat kaum kennt. Denn der braungebrannte Mann lebt in der Nähe Istanbul in der Türkei. Dort hat er auch seine Firma Anlas. Sein Vater baute vor mehr als 40 Jahren das Familienunternehmen auf. 1989 übernahm es Savci und hält seitdem als Managing Director die Fäden des türkischen Reifentechnologiekonzerns in der Hand. Sein neuestes Produkt ist ein Motorradwinterreifen, so paradox es angesichts der südöstlichen Mittelmeerlage auch klingen mag.

Das Besondere an Winter-Pneus

„Ein Motorradwinterreifen unterscheidet sich grundsätzlich von einem Autowinterreifen“, erklärt Savci auf der »bike und business«-Fachtagung 2016. „Da ein Motorradreifen anders belastet wird, muss dies auch bei der Konstruktion beachtet werden“, so der Chef des Reifenunternehmens. Zudem muss ein stärkeres Profil gewählt werden, so dass Schnee und Wasser aufgenommen und nach außen abgeleitet werden können. Dies gelingt durch besondere Lamellen, welche in das Profil integriert werden. Aufgrund dieser Einschnitte haften die Reifen besser auf dem Belag und verzahnen sich selbst bei Glätte mit der Fahrbahn.

Der Reifenspezialist Anlas

Der schwarz gemusterte Kautschuk ist auch bei Schnee und Eis Savcis Lebenselixier. Reifen haben es ihm schon vor Jahrzehnten angetan. Seitdem ordnet er alles dem Geschäft unter. „Das Unternehmen ist klein im Verhältnis zu den Konkurrenten“, wie es Savci so oft betont. Oftmals kooperiert Anlas daher mit den örtlichen Universitäten in der Türkei, um Produkte zu optimieren und neue Ansätze zu finden. Für ihn ist dies eine Art des Tauschhandels. Die Studierenden erhalten das nötige Material, während Anlas dessen Ideen und Vorschläge verwenden darf.

Auch die größeren Kontrahenten gehen ähnlich vor und arbeiten mit Hochschulen zusammen. Denn die Entwicklung eines Motorradreifens ist äußerst komplex. „Man muss besonders auf die Details in der Herstellung achten, ansonsten kann das Ergebnis stark abweichen“, so der Reifenexperte Thomas Bischof, der den türkischen Reifenhersteller berät. Die Prozess- und Verfahrenstechniken machen bei der Herstellung letztlich den Unterschied aus. Aufgrund von Veränderungen in den chemischen Verfahren, wie beispielsweise der Vulkanisation, also der Fertigstellung des Reifens, lässt sich eine gänzlich andere Reifenstruktur erzeugen.

Thomas Bischof ist seit vielen Jahren in dem Motorradreifengeschäft tätig. Er hat schon alles gesehen und kennt den Reifenmarkt wie seine Westentasche. „Es ist eine Art des High-Involvement-Markts, bei dem mehr als 80 Prozent der Motorradfahrer ihren Reifen kennen“, sagt er. Sie gönnen sich auch gerne mal einen teureren Reifen im Gegensatz zum klassischen Autofahrer, der vor allem auf den Preis schaut. Auch bei der Winterbereifung ist dies nicht anders. Viele Fahrer lassen ihr Motorrad jedoch beim ersten Kälteeinbruch stehen und das nicht nur, weil Streusalz dem Zweirad schadet.

So auch Stefan Laatsch. Seit Jahrzehnten ist er passionierter Motorradfahrer, stellt im Winter das Bike aber lieber in die Garage. „Das ist mir schlichtweg zu gefährlich bei schlechtem Wetter und der Glätte“, sagt der 48-jährige. Früher musste er auch an kalten Tagen mit dem Motorrad fahren, da ein Pkw noch nicht vorhanden war. Doch dies hat sich längst geändert. Sobald die vierte Jahreszeit anbricht ist für ihn Schluss und er steigt auf das Auto als Verkehrsmittel mit passenden Winterreifen um.

Das sagt der Wettbewerb zu Bike-Winterreifen

Für das Zweirad wird es laut Lars von der Lieth, Produktmanager bei Bridgestone, auch in Zukunft bei seinem Konzern im Gegensatz zum Pkw keine Winterbereifung geben. Zum einen ist das Fahrgefühl eines solchen Reifens bei höheren Geschwindigkeiten zu schwammig, zum anderen ist die deutsche Rechtslage kaum zielgerichteter als das Reifenpendant. Die ohnehin erst seit 2011 existierende Straßenverkehrsordnung für Kraftradwinterbereifung sieht auch für Zweiräder auf vereisten und verschneiten Straßen eine Winterreifenpflicht mit grobstolligen Profil vor. Eine ausdrückliche M + S-Kennzeichnung (Matsch und Schnee) ist jedoch nicht erforderlich, solange der Reifen die geforderten Eigenschaften aufweist.

„Ein Motorradwinterreifen suggeriert vor allem Sicherheit. Diese Sicherheit kann jedoch bei einer höheren Geschwindigkeit und glatter oder matschiger Fahrbahn im Winter nicht mehr garantiert werden“, so ein Dienstleister des französischen Konzerns Michelin. Daher produzieren die großen Hersteller im Motorradsegment lieber Sommer- oder direkt Ganzjahresreifen.

Ganzjahresreifen sind ein Marketing-Gag

Für Eray Savci ist all dies kein Hindernis, um einen vollfunktionsfähigen Motorradwinterreifen auf den Markt zu bringen. Er hält an seiner Idee fest und findet ohnehin nur wenig Gefallen an Ganzjahresreifen. Für ihn sind dies lediglich Marketingkniffe, die einen Kunden zum Kauf bewegen sollen, aber auf längere Sicht im Sommer und Winter zugleich nicht die benötigte Sicherheit bieten können. Für den Geschäftsmann hat jedoch Sicherheit beim Motorradfahren immer oberste Priorität. Auch die Konkurrenz sieht das ähnlich. Doch im Gegensatz zu Anlas setzen sie keinen besonderen Fokus auf Reifen, die auf ein sicheres Vorwärtskommen auf Eis und Schnee spezialsiert sind.

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