„Die Leute wollen einen kernigen Sound“

Fachtagung 2016: Hermann Schenk (GTÜ)

| Autor / Redakteur: Sven Prawitz / Elena Koch

Wie laut ist zu laut? So lautete der Vortrag von Hermann Schenk (GTÜ) auf der Fachtagung 2016.
Wie laut ist zu laut? So lautete der Vortrag von Hermann Schenk (GTÜ) auf der Fachtagung 2016. (Bild: bike und business/Marcel Gollin)

Muss ein Motorrad laut sein, um richtigen Fahrspaß zu vermitteln? Einige Fahrer beantworten diese Frage mit „Ja“ und greifen zum Umrüstsatz: Der Zubehörmarkt für Schalldämpfer ist groß. Aber wie laut ist zu laut?

Das Wetter könnte kaum besser sein an diesem späten November-Tag. Es ist nahezu windstill und der Himmel präsentiert sich im schönsten Blau. Die Sonne strahlt und erwärmt die kalte Herbstluft nochmal auf knapp elf Grad Celsius. Auf dem trockenen Asphalt liegt kein Laub während der passionierte Motorradfahrer Hermann Schenk den Gasgriff „der Susi“, wie er das Motorrad von Suzuki Modell Gladius liebevoll nennt, aufdreht. Der Motor erhebt sanft seine Stimme, Kolben und Pleuelstangen tanzen auf und ab. Der Auspuff bläst kräftig weiße Wolken aus, doch bevor er sein temperamentvolles Röhren voll entfalten kann, nimmt Schenk das Gas weg. Er schüttelt kurz den Kopf und dreht wieder am Griff. Diesmal ist er zufrieden: 4.200 Umdrehungen pro Minute. Diese Drehzahl hält er für gut eine Sekunde, dann nimmt er das Gas wieder weg.

Die Standgeräuschmessung

Hermann Schenk ist Diplom-Ingenieur und arbeitet seit über 15 Jahren bei der Gesellschaft für technische Überwachung (GTÜ). Unter anderem befasst er sich dort mit der Geräuschmessung am Kraftrad. Auf der Fachtagung »bike und business« spricht er über seine Erfahrungen bei der Umsetzung der hierfür geltenden Regeln. Vor dem Vogel Convention Center in Würzburg demonstriert er dem interessierten Publikum eine Standgeräuschmessung. Diese ist seit dem 1. Januar 2016 eine wichtige Vergleichsmessung für Polizei und technische Prüfgesellschaften, wie GTÜ oder TÜV.

In der europäischen Union (EU) gibt es eine Regelung, die Grenzwerte für Geräuschemissionen eines Motorrads, insbesondere der Auspuffanlage, vorgibt: die ECE-R41-04. Nach diesem Dokument der Wirtschaftskommission für Europa der vereinten Nationen (engl. united nations economic commission for europe, kurz UNECE oder ECE) werden sämtliche Schalldämpfer der Auspuffanlagen getestet und bei Erfolg zugelassen.

Wie laut ist laut?

Knapp 45 Minuten vor der Live-Demonstration: Hermann Schenk steht in einem Vortragsraum und leitet seine Präsentation mit einigen Grundlagen der Schallausbreitung ein. Die Materie ist trocken, dennoch ist kaum ausreichend Platz für die interessierten Gäste. Die Sitzplätze waren schnell besetzt, der Rest folgt stehend Schenks Ausführungen. Das Thema hat eine gewisse Brisanz – zum 1. Januar 2017 wird der Grenzwert für das Fahrgeräusch von 78 dB(A) um ein Dezibel auf 77 dB(A) abgesenkt. Davon betroffen sind sogenannte schwere Krafträder. Das sind Motorräder mit mehr als 50 cm³ Hubraum und einem Leistungs-Masse-Verhältnis größer 50: Anders, als beim Inkrafttreten der Revision 04 sind diesmal keine Ausnahmeregelungen erlaubt. „Lassen sie dieses Jahr noch alle ihre Motorräder zu!“, rät Schenk den anwesenden Händlern.

Nur homologierte Schalldämpfer sind gesetzeskonform

Aber warum ist das wichtig? Schenk erklärt: „Schalldämpferanlagen werden gerne ausgetauscht, weil man die Optik des Motorrads damit individueller gestalten kann.“ Er fügt hinzu: „Außerdem wollen die meisten Leute einen kernigen Sound haben.“ Entsprechend groß ist das Angebot an Austauschschalldämpfern. Ein gutes Geschäft – auch für die GTÜ. Denn die Zubehör-Hersteller müssen ihre Schalldämpfer homologieren. Das bedeutet für jeden Auspufftyp muss mit sämtlichen Motorrädern, für die er später mal angeboten werden soll, getestet werden. Erst wenn alles ECE-konform ist, darf die Genehmigung unterschrieben werden. Für den Fahrzeughalter hat dieses Verfahren den Vorteil, dass die Umbauten nicht eingetragen werden müssen. Die Fahrer müssen auch keine Dokumente mit sich führen, jeder Auspuff hat eine Gravur mit der entsprechenden Genehmigungsnummer. Ein Problem waren bisher Schalldämpfer mit demontierbaren dB-Killern. Dieses Teil ist in den Schalldämpfer eingesetzt und soll den Lärm reduzieren. Bei einigen Modellen ist der dB-Killer nur mit Klickverschlüsse befestigt und kann ohne Werkzeug entfernt werden. „Ein Hauptgrund für die neue Richtlinie sind die dB-Killer“, erzählt Hermann Schenk. Laut neuer Regelung müssen die Geräuschminderer nun manipulationssicher angebracht sein.

Das neue Prüfverfahren

Ausführlich schildert der Sachverständige Schenk das neue Prüfverfahren, das verdammt kompliziert ist. Die Testbedingungen sind bis ins kleinste Detail vorgegeben. Von den Temperaturen über Windgeschwindigkeit bis zur Geschwindigkeit müssen alle Vorgaben eingehalten werden. Schenk zeigt Bilder von der Teststrecke im Allgäu. Eine flache Asphaltstrecke, die auf mindestens 40 Metern eine bestimmte Porengröße haben muss. Im Umkreis von 50 Meter darf keine Erhebung sein, da der dort reflektierte Schall die Messergebnisse beeinflussen würde. Die Prüfingenieure müssen dort für drei Situationen die Lärmemission messen: bei Volllast, bei alltäglichen Fahrsituationen und im Stand. Die ersten beiden Messreihen sollen realistische Werte für das Motorrad liefern. Die Messung im Stand legt den Grenzwert für zukünftige Vergleichsmessungen fest. Denn, die gesetzliche Messung des Fahrgeräusches ist viel zu komplex, um sie im Feld durchführen zu können. „Alleine, um die richtigen Gänge zu berechnen, bin ich schon eine Stunde beschäftigt“, erzählt Schenk. Die ermittelten Ergebnisse werden dann im Fahrzeugschein unter U.1, U.2 und U.3 eingetragen.

Subjektives Soundempfinden

In der Praxis beurteilen Polizisten und Prüfingenieure die Lautstärke subjektiv. Ist nach deren Meinung ein Motorrad zu laut, wird eine Standgeräusch-Messung angeordnet. Die gemessenen Werte werden mit denen aus dem Fahrzeugschein verglichen – die erlaubte Abweichung liegt bei fünf dB(A). Schenk ist davon überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt, denn immer mehr Strecken werden für Motorräder gesperrt, weil die Lärmbelästigung für Anwohner zu hoch ist. „Da spiele ich auch gerne mal den Spielverderber und verweigere im Einzelfall die Freigabe“, sagt Schenk zum Schluss. Da liegt ihm der Fahrspaß der Mehrzahl an Motorradfahrern am Herzen. Den sehe er durch zunehmende Streckensperrungen bedroht.

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