Suchen

Die Quadratur des Kreises

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Elena Koch

Vernünftige Motorräder gibt es per se nicht. Aber es gibt ein paar Neuheiten für die Saison 2017, deren besonders hohe Funktionalität sie aus der Masse der Wettbewerber heraushebt.

Firma zum Thema

Die BMW K 1600 GT steht mit 22.050 Euro in der Liste.
Die BMW K 1600 GT steht mit 22.050 Euro in der Liste.
(Bild: BMW)

Anders als in Jakarta, Paris oder italienischen Städten, wo man ohne Zweirad niemals in der vorgegebenen Zeit ans Ziel kommt, ist das Motorrad in Mitteleuropa ganz sicher kein „Fahrzeug der Vernunft“: Zu wechselhaft ist das Wetter, zu gut der Straßenausbau, zu gut in Relation zum Komfortverzicht die Erreichbarkeit der meisten Innenstädte. Dennoch gibt es Motorräder, die einen vernünftigeren Touch haben als andere – was nicht heißt, dass sie deshalb billig, schwach motorisiert, von bescheidenem Chic oder sonstwie dezent sein müssten. Als vernünftig empfinden wir sie dann, wenn ihre Funktionalität besonders hoch ist. Aus der Fülle der Neuheiten zur Saison 2017 wählen wir, höchst subjektiv, fünf objektiv passende Beispiele aus.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 5 Bildern

BMW K 1600 GT – nahe an der technischen Vollkommenheit

BMW K 1600 GT: Wie bitte? Ein sogar noch ohne Koffer 319 Kilogramm wiegendes Motorrad soll in die „Vernunft“-Kategorie fallen? Wir sehen das Kopfschütteln der Leser plastisch vor uns. Doch geht man den Punkt Funktionalität aus der Sichtweise des engagierten Zweirad-Touristen an, der mit maximalem Komfort, höchster Sicherheit und hoher Dynamik weit entfernte Ziele ansteuert, dann rückt zwangsläufig die für 2017 technisch stark überarbeitete BMW K 1600 GT ins Blickfeld. Ihr neues, jetzt semiaktives Fahrwerk, der sämige, unglaublich starke und dabei sparsame Sechszylinder-Reihenmotor, die sensationelle Ausstattung mit Xenonlicht, Kurven-ABS, Zentralverriegelung und perfektem Windschutz dank ausgeklügelter Aerodynamik, kombiniert mit bestem Sitzkomfort und höchster aktiver Fahrsicherheit – das bietet in dieser technischen Vollendung kein anderes Motorrad. Wie immer, haben herausragende Qualitäten ihren Preis: Die GT steht mit 22.050 Euro in der Liste. Geboten wird dafür u.a. ein unglaublich faszinierender 1,6 Liter-Sechszylinder mit 160 PS und 175 Nm Leistung.

Ducati Multistrada 950 – die bezahlbare Allzweckwaffe

Ducati Multistrada 950: Vor allem der mit „nur“ 113 PS um mehr als 45 PS schwächere Zweizylindermotor unterscheidet die neue Multistrada 950 von der bekannten 1200er. Weil die Bologneser Marketingstrategen ein durchaus nennenswertes Interesse an etwas reduzierter Leistung und etwas weniger arrivierter Technologie bei deutlich reduziertem Einstandspreis sehen, erging an die Ducati-Entwicklungsabteilung ein entsprechender Auftrag. Die Multistrada 950 beherrscht im Grunde alle Disziplinen ähnlich souverän wie die größere Schwester, manche gar besser, denn sie fährt sich wesentlich leichter und stressfreier. Objektiv schlechter gestellt sind die Fahrer des kleineren Modells nur im Punkt Ausstattung: Statt der prestigeträchtigen und schön gemachten Einarmschwinge der 1200er trägt die 950er eine ebenfalls ansehnliche Zweiarmschwinge, statt des elektronisch gesteuerten LED-Kurvenlichts und der LED-Hauptscheinwerfer müssen konventionelle Halogenbrenner genügen. Die gesamte Funktionalität der 113 PS leistenden Multistrada 950 – Sitzkomfort, Platzangebot, Fahrkomfort, Gepäcktransportmöglichkeiten etc. – liegt jedoch auf Höhe der 160 PS leistenden Multistrada 1200. Dafür beginnt der Preis bereits bei 12.990 Euro, mit Touring-Pack bei 13.990 Euro, was immerhin eine Ersparnis von gut 3.500 Euro bedeutet.

Kawasaki Z 650 – das Motorrad für alle Tage

Kawasaki Z 650: Sie ist das Nachfolgemodell der überaus erfolgreichen Kawasaki ER-6n. An deren über viele Jahre anhaltende Beliebtheit soll die neue Z 650 nahtlos anschließen. Das könnte sie bei objektiver Betrachtung durchaus: Als wesentliche Vorteile darf sie ihr mit 187 Kilogramm weitaus geringeres Leergewicht und, damit einhergehend, eine erheblich gesteigerte Handlichkeit ins Feld führen. Der Zweizylinder-Reihenmotor mit 649 cm³ Hubraum hat zwar infolge der Euro-4-Umstellung vier PS verloren, dürfte aber mit 68 PS stark genug sein, um in der unteren Mittelklasse gut mithalten zu können. Zudem ist er als ausgesprochen sparsam bekannt, 4,3 Liter Benzin pro 100 Kilometer sollen im Schnitt genügen. Der Floskel vom „Motorrad für alle Tage“ kommt die Kawasaki Z 650 näher als die meisten Motorräder, die der Markt sonst noch bietet.

Suzuki GSX-S 750 - das „Schaf im Wolfspelz“

Suzuki GSX-S 750: Eine Art „Schaf im Wolfspelz“ sieht Suzuki in der 750er, nämlich ein „aggressiv ausschauendes Nakedbike mit einem zugänglichen Charakter“. 114 PS leistet der Vierzylinder-Reihenmotor; angesichts des Leergewichtes von 213 Kilogramm ist weitaus mehr als die fürs bloße Vorwärtskommen nötige Dynamik gewährleistet. Wichtige, in der Praxis sinnvoll erscheinende Ausrüstungsdetails wie Traktionskontrolle, eine radiale Doppelscheibenbremse im Vorderrad oder ein topmodernes ABS sind an Bord, doch viele der von Zweirad-Puristen als Gimmicks empfundenen Elemente blieben außen vor: Kein LED-Licht, kein vielfach einstellbares Fahrwerk, kein vielfarbiges TFT-Display im Cockpit. Dafür gibt es einen im Vergleich günstigen Preis von vermutlich unter 8.500 Euro; das saubere Finish der Suzuki ist inklusive.

Honda X-ADV – gutes Verhältnis aus Nutzen, Kosten und Spaß

Honda X-ADV. Klarerweise ist jeder Normal-Scooter vernünftiger als dieses zweirädrige SUV, aber der X-ADV weist den Vorteil extremer Exklusivität auf. Technisch basiert das ungewöhnliche Mobil auf dem in Deutschland nicht besonders gut verkauften Integra; bei ihm handelt es sich um ein Motorrad-Fahrwerk mit Roller-Karosserie. Sein 750er Zweizylindermotor leistet 55 PS, er ist serienmäßig mit einem vorzüglich funktionierenden Doppelkupplungsgetriebe verbunden. Roller-untypisch ist der Endantrieb mittels einer O-Ring-Kette. Die Federwege betragen rund 15 statt 12 Zentimeter, entsprechend steigen Bodenfreiheit und Sitzhöhe. Statt der Aluguss-Räder kommen Drahtspeichenräder zum Einsatz, hinten mit 15 statt 17 Zoll Felgendurchmesser. Mit 239 Kilogramm ist der X-ADV nur minimal schwerer geworden als der Integra. Die vielen technischen Veränderungen dürften sich merklich auf den Preis auswirken; man muss mit etwa 11.000 Euro statt 9.000 Euro rechnen. Nein, wirklich vernünftig ist diese Investition nicht, aber das Verhältnis aus Nutzen, Kosten und Spaß könnte dennoch vorteilhaft ausfallen.

(ID:44466518)