Die Zukunft des Bikes

200 Jahre Fahrrad

| Autor / Redakteur: Mario Hommen / Judith Leiterer

Das Fahrrad der Zukunft bietet noch viele Entwicklungspotenziale. Eine angeblich schon seriennahe Vision ist das hier abgebildete Cyclotron
Das Fahrrad der Zukunft bietet noch viele Entwicklungspotenziale. Eine angeblich schon seriennahe Vision ist das hier abgebildete Cyclotron (Bild: Cyclotron)

Im Jahr seines zweihundertsten Jubiläums ist das Fahrrad beliebter denn je und könnte dazu beitragen, einige unserer Mobilitätsprobleme zu lösen. Infrastruktur-Planer reagieren allerdings recht träge auf den Zweirad-Boom.

In seiner 200-jährigen Geschichte hat das Fahrrad viele Höhen und Tiefen durchlebt. Ob technische Meilensteine, Massenmobilisierung, Ignoranz oder Verachtung – im Zuge gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umbrüche veränderte sich immer wieder auch die Haltung der Menschen zum Fahrrad. Seit einigen Jahren erfreut es sich vor allem eines: wachsender Beliebtheit. In manchen Ländern ist sogar ein regelrechter Hype ausgebrochen. Wie etwa in Deutschland, wo sich das Fahrrad vom einstigen Image als billige Mobilitätsalternative oder Tretmühle für Ökospinner längst emanzipiert hat. Vielmehr dürfte ihm als Fitness-Gerät, Hightech-Lustobjekt und Weltverbesserer eine große Zukunft bevorstehen.

Unter anderem technisch hat sich das Fahrrad in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Aspekten gewandelt. Es wurde vielseitiger, hochwertiger, spezialisierter und digitaler. Ob Rahmenbau, Getriebe-, Bremsen- oder Lichttechnik – die Innovationskraft im Fahrradsektor ist enorm. Und das dürfte auch noch eine Weile so bleiben. Dabei wird das Fahrrad als Hightech-Gefährt zunehmend smartere Lösungen bieten. Ein wichtiger Zukunftsbereich ist die Vernetzung. Hier sind bereits einige Produkte am Markt, die es mit soliden Halterungen, Stromversorgung und intelligenten Apps erlauben, Smartphones als Bordcomputer, Navigerät und Infotainment-Plattform einzubinden. Auch gibt es mittlerweile intelligente Schlösser, die sich über das Internet steuern lassen, oder auch Sicherheitstechnik, die eine Lokalisierung via GPS erlaubt. Diese Innovationen könnten das Nutzungsspektrum auch in Hinblick auf das Bike-Sharing im Privatsektor erweitern. Nach dem Vorbild von Airbnb gibt es bereits Bike-Sharing-Communities wie Listnride.

Ein weiteres Trendthema ist die Individualisierung. Die Zahl spezialisierter Fahrradtypen wächst beharrlich. Ein gutes Beispiel für die fortschreitende Ausdifferenzierung sind sogenannte Gravel-Bikes. Hierbei handelt es sich um Rennmaschinen, mit denen man auch abseits befestigter Straßen fahren kann. Darüber hinaus finden sich im Zubehör zunehmend mehr Angebote, die es erlauben, dem Fahrrad einen besonderen und ganz persönlichen Touch zu verleihen.

Die zunehmende Individualisierung als auch die immer anspruchsvollere Technik wirken sich auf die Preise aus. Entsprechend teuer sind Fahrräder in den letzten Jahren geworden – Tendenz steigend. Vor allem das Angebot an Rädern in höherpreisigen Segmenten hat enorm zugenommen. Beim Zweirad-Industrie-Verband ZIV registriert man seit Jahren eine wachsende Bereitschaft der Verbraucher, mehr Geld für mehr Qualität auszugeben. Parallel sorgt aber auch der E-Bike-Boom für einen Anstieg der Durchschnittspreise, da Pedelecs deutlich mehr als konventionelle Fahrräder kosten. Aktuell liegt der Marktanteil von E-Bikes bei 15 Prozent. Laut ZIV-Sprecher David Eisenberger könnte sich dieser Anteil bis 2030 sogar verdoppeln.

Vor allem mit den Pedelecs geht es derzeit steil bergauf. Die Unterstützung durch E-Motoren macht in zunehmendem Maße ältere Menschen mobil, aber auch in Regionen, in denen die Fahrrad-Akzeptanz aufgrund bergiger Profile traditionell gering ist, profitieren. Mit der wachsenden Zahl elektrisch getriebener Räder steigen allerdings auch die Gefahren im Straßenverkehr. So hat das Bundesamt für Statistik 2016 eine im Vergleich zum Vorjahr deutliche Zunahme um 70 Prozent bei der Zahl der getöteten Pedelec-Fahrer registriert.

Pedelecs, die die Scheu vor anstrengenden Steigungen und schweren Lasten nehmen, bieten andererseits ein großes Potenzial unter anderem für den gewerblichen Einsatz. Künftig könnten Lastenräder eine deutlich größere Rolle beim Lieferverkehr übernehmen, was unter anderem beim Kampf gegen zu hohe Schadstoffbelastungen der Luft in Großstädten helfen würde. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat im Rahmen einer 2016 durchgeführten Studie die Empfehlung an Kommunen und Unternehmen ausgesprochen, diesen Fahrrad-Wirtschaftsverkehr stärker in ihre Pläne und Programme einzubetten. „Bislang spielt der Fahrrad-Wirtschaftsverkehr als Teil der Radverkehrsförderung oder als Element der nachhaltigeren Gestaltung des städtischen Güterverkehrs nur eine marginale Rolle. Mit vertretbarem Aufwand ließen sich bereits substanzielle Verlagerungspotenziale erschließen", fasst Johannes Gruber, Projektleiter der Studie beim DLR-Institut für Verkehrsforschung zusammen. Das Logistikunternehmen DHL hat reagiert und Anfang 2017 die Praxiserprobung eines neuen Auslieferungsprinzips mit Container-Rädern gestartet.

Soll die Nutzungsquote beim Fahrrad allerdings deutlich steigen, müssen Bund und Kommunen deutlich mehr als bisher in die Infrastruktur investieren. Beim deutschen FahrradclubAdfc werden traditionell die Bemühungen der Politik als viel zu autofreundlich kritisiert. Aktuelle Zahlen verdeutlichen das Missverhältnis. Demnach gibt es 73 Millionen Räder in Deutschland und damit fast doppelt so viel wie Autos, doch das Budget für die Instandhaltung der Fahrradwege liegt laut Adfc bei 100 Millionen Euro, während für den Straßenbau-Etat 6 Milliarden Euro bereitstehen. Sowohl Lobbyverbände wie der Adfc als auch Verkehrspolitiker sind sich einig: Wird mehr in die Fahrradinfrastruktur investiert, werden zunehmend mehr Menschen vom Auto aufs Rad umsteigen, was viele Vorteile bietet. Umwelt und Verkehr würden entlastet, die Fitness der Bevölkerung und der Arbeitnehmer steigen.

Wie eine besonders fahrradfreundliche Zukunft in Deutschland aussehen könnte, darüber hat sich unter anderem Franz Linder vom Kölner Planerbüro Südstadt Gedanken gemacht. Er plädiert für einen radikalen Umbau der Verkehrsinfrastruktur. Seine Vision ist die einer maximal fahrradfreundlichen Stadt, die sich radikal vom bisherigen verkehrsplanerischem Kleinklein verabschiedet. Eine „bewegungsaktivierende Infrastruktur“ und eine „Transformation der Straße, die zu sehr auf das Auto ausgelegt ist“, fordert der Linder. Als richtungsweisend nennt er Städte wie Eindhoven oder Kopenhagen, die in konsequent die Infrastruktur für Fahrräder neu gedacht und neu dimensioniert haben. Ein vergleichbar radikales Umdenken wäre, so Linder, auch für Deutschland wünschenswert.

Unter anderem sieht Linder im Ausbau kommunaler und regionaler Radschnellwege großes Potenzial, die Fahrradnutzung attraktiver und sicherer zu machen. Solche Radschnellwege, 6 Meter breit und gut ausgebaut, würden die Fahrradnutzung erhöhen. Besonders Pendler und der Lastenverkehr könnten hiervon profitieren. Der derzeit im Bau befindliche Ruhrradschnellweg RS1 ist ein erster Schritt in diese Richtung. Und jüngst hat das Bundesverkehrsministerium angekündigt, den Bau von Radschnellwegen mit 25 bis 30 Millionen Euro zusätzlich unterstützen zu wollen.

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