Energica Eva – spürbar besser

Fahrbericht aus Italien

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Stephan Maderner

Praktisch kann man mit der Energica Eva EsseEsse9 rund 120 Kilometer mit einer Ladung kommen.
Praktisch kann man mit der Energica Eva EsseEsse9 rund 120 Kilometer mit einer Ladung kommen. (Bild: Energica/Damiano Fiorentini)

Das italienische Startup-Unternehmen Energica Motor Company ergänzt seine Modellpalette mit dem vollelektrischen Einstiegsmodell Eva EsseEsse9 – ein Fortschritt auf ganzer Linie.

Die italienische Staatsstraße 9 – italienisch SS 9 oder EsseEsse 9 – führt über 350 Kilometer Strecke von Rimini an der Adria nach Mailand. Fast schnurgerade durchschneidet die historische Via Emilia die ausgedehnte Ebene des Flusses Po. Ungefähr auf halber Distanz befindet sich die Stadt Modena, unter Gourmets bekannt für den von hier kommenden Balsamico-Essig. Automobil-Fans denken eher an die in unmittelbarer Nachbarschaft beheimatete Marke Ferrari; Lamborghini ist ebenfalls gerade mal 20 Kilometer entfernt. Am Stadtrand von Modena befindet sich aber auch der Firmensitz eines weithin noch unbekannten Start-up-Unternehmens, das sich dem Elektro-Motorrad verschrieben hat: Die Energica Motor Company beginnt das dritte Produktionsjahr mit einem neuen Modell, das den Namen der wichtigsten Straße der Region trägt: Eva EsseEsse9 heißt das Hightech-Bike.

Eva mit easy handling

Der Name „Eva“ in der Modellbezeichnung verrät es: Die EsseEsse9 basiert in vielen Teilen auf dem seit dem vergangenen Jahr erhältlichen Modell Energica Eva. Ein 11,7 kW großer Akku sowie ein 80 kW/107 PS leistender E-Motor sind, zusammen mit dem beträchtlichen Gewicht von 280 Kilogramm, die wichtigsten Eckdaten der vom Design her sehr ungewöhnlichen Eva. Sie sind auch der EsseEsse9 zu eigen, doch nicht nur das Design unterscheidet sich von dem der Eva: Zusammen mit der deutlich modifizierten Ergonomie ändert sich das Fahrverhalten. Die EsseEsse9 ist wesentlich einfacher zu fahren, die der Eva eigene Kopflastigkeit ist nur noch verhalten spürbar, das Einlenken in Kurven erfolgt deshalb fast schon leicht. Identisch ist die hohe Spurtqualität dank des extrem hohen Drehmoments.

Vorsichtig mit der rechten Hand

Für weniger geübte Fahrer stellt sich die Energica Eva – ab diesem Jahr alternativ mit einem 107 kW/145 PS leistenden Antrieb zu haben – als ziemlich dominant heraus. Ganz anders nun die Eva EsseEsse9: Die geringere Sitzhöhe in Verbindung mit dem deutlich höher montierten und etwas anders gekröpften Lenker lässt die 1.550 Euro günstigere EsseEsse9 ein ganzes Trumm handlicher erscheinen. Dazu trägt erheblich bei, dass die Lenkergriffe ein Stück dichter an den Fahrer herangerückt wurden. Beeindruckend, wie viel besser sich die technisch ansonsten unveränderte Eva EsseEsse9 gegenüber dem bisherigen Basismodell fährt. Eine Sozia wird sich auf der EsseEsse9 übrigens auch viel wohler fühlen als auf der Eva, weil der Sitz kaum gestuft ist und deshalb ein viel besserer Kontakt zum Fahrer gegeben ist.

Karbon darf nicht fehlen

Zugänglicher wirkt das jüngste Modell aber auch für viele Betrachter durch das neue Design der Fahrzeugfront, der Seitenverkleidung und der Sitzbank. Eine große Rolle spielt, dass die EsseEsse9 einen LED-Rundscheinwerfer trägt, dessen Korpus wahlweise blau oder schwarz eloxiert wird. Zusammen mit dem von der Seite sehr filigran wirkenden Cockpit-Display wirkt die Front weitaus graziler als bei der Eva. Die verwendeten Materialien sind nach wie vor extrem hochwertig: Sie bestehen nämlich, obwohl dies durch die Lackierung neutralisiert wird, durchweg aus feinstem Karbon. Hintergrund ist, dass die Stückzahlen noch immer so klein sind, dass es für den Hersteller teurer wäre, entsprechende Presswerkzeuge anfertigen zu lassen als in den vorhandenen Einrichtungen Karbonteile herzustellen; Energicas Mutterfirma CRP ist ein im Motorsport bis hin zur Formel 1 sehr erfolgreicher Ausrüster, zu dessen Portfolio nicht zuletzt Karbonteile gehören.

Hochwertige Spezialvariante

Zusätzlich zur Basisversion bietet Energica eine Spezialvariante der EsseEsse9 an: Mit Sonderlackierung verschiedener Teile sowie auffälligen, sehr hochwertig gemachten Accessoires wie dem seitlichen „Neuner-Schild“ wirkt sie noch wertiger, erfordert aber auch eine Zuzahlung von fast 2.000 Euro. Die Möglichkeit, noch mehrere tausend Euro in Öhlins-Fahrwerkselemente sowie in besonders hochwertige Räder zu investieren, ist auch bei der EsseEsse9 gegeben.

Reichweite: „Ja, aber“

Kommen wir zur Gretchenfrage in der Diskussion um Elektrofahrtzeuge: Wie schaut es mit Reichweite und Laden der Akkus aus? Die klare Antwort lautet „Ja – aber“. Vorteil aller Energicas ist die Möglichkeit, CCS-Ladesäulen zu nutzen; in nur 30 Minuten kann der Akku auf 85 Prozent seiner nutzbaren Kapazität aufgeladen werden. Vorausgesetzt, eine solche Säule ist erreichbar und zugänglich. Die Reichweite ist stark vom Fahrmodus abhängig: Wir schafften auf der Testtour von Modena in die Abbruzzen und zurück bei gemischter Fahrweise 120 Kilometer; in den Bereich der möglichen Höchstgeschwindigkeit sind wir dabei nicht vorgedrungen. Nervig ist natürlich, wenn der Akku-Vorrat sich dem Ende zuneigt und kein schnelles Laden möglich ist, denn dann ist Bummelfahrt angesagt, will man nicht mit dem Saft aus einer Haushaltssteckdose vorliebnehmen.

Rangierhilfe an Bord

Nicht verschwiegen sei, dass Energica auch der EsseEsse9 einige in der Praxis sehr nützliche Details mitgegeben hat: Dazu gehören die Rangierhilfe, das hervorragend ablesbare und reichhaltig bestückte TFT-Display im Cockpit, die sehr guten Brembo-Bremsen samt gut regelndem Bosch-ABS und die sehr ausgeklügelten Einstellmöglichkeiten für Fahrprogramm und Rekuperation. Es sieht so aus, als dürfe sich Energica Hoffnungen machen, die Produktion langsam steigern zu können: Bislang sind nämlich erst „unter 100 Fahrzeuge“ (Energica-Chefin Livia Cevolini) auf die Straßen gerollt.

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