Fahrbericht Harley-Davidson: „48“ die zweite

Die Fourty-Eight im Test

| Autor / Redakteur: SP-X/Ulf Böhringer / Lena Hofbauer

Auch die moderate Hinterreifenbreite von lediglich 150 Millimetern ist nicht unschuldig am angenehm agilen, dabei aber unaufgeregten Fahrverhalten.
Auch die moderate Hinterreifenbreite von lediglich 150 Millimetern ist nicht unschuldig am angenehm agilen, dabei aber unaufgeregten Fahrverhalten. (Foto: SP-X/fbn)

Harley-Davidson lässt seinem Erfolgsmodell eine gediegene Modellpflege zukommen und macht damit sein Zugpferd fit für die Zukunft.

In nur vier Jahren hat Harley-Davidson 6.047 Einheiten von seinem Modell „Fourty-Eight“ in Deutschland absetzen können – nie zuvor hat ein Motorrad aus Milwaukee hierzulande in so kurzer Zeit ähnliche Stückzahlen erreicht. Die zur Sportster-Modellreihe zählende Fourty-Eight liefert einerseits das für die Marke typische Cruiser-Feeling und ist doch andererseits nicht so schwer und auch teuer, dass sie nur noch betuchte Heavy-Metal-Fans ansprechen würde. Für die kommenden Jahre hat die 113 Jahre alte Motor-Company seinem Stückzahl-Bringer eine gediegene Modellpflege spendiert. Die wichtigsten technischen Änderungen betreffen die Fahrwerkskomponenten, doch für die Optik hat Harley-Davidson ebenfalls eine ganze Menge getan, auch wenn so manches Detail erst auf den zweiten Blick seine Wirkung entfaltet.

Es ist nicht zuletzt der 130 Millimeter breite Vorderreifen, der die Fourty-Eight prägt und ihr in den Augen mancher Betrachter den Charakter einer Dampfwalze verleiht. Er ist geblieben, aber die Radführungen sind deutlich verändert worden: Ab sofort kommt eine Telegabel mit 49 Millimeter Standrohren (bisher 39 mm) zum Einsatz, deren Gabelrohre von gleich drei massiven Gabelbrücken verbunden und damit stabilisiert werden. Weil auch das Innenleben der Gabeln durch höherwertige Einsätze verfeinert worden ist, darf man der XL 1200X – so lautet die alphanumerische Modellbezeichnung der Fourty-Eight – eine gelungene Fahrwerksabstimmung bescheinigen: Auch in Kurven, die an der Schräglagengrenze absolviert werden, rollt sie stabil, und selbst im Falle von gelegentlichen Aufsetzern bei unerwarteten Wellen im Kurvenverlauf kommt des Fahrers Kreislauf nie in Wallung. Der Federungskomfort erreicht zwar auch jetzt nicht Sänften-Niveau, aber angesichts von nur 54 Millimetern Federweg der beiden hinteren, ebenfalls neuen Federbeine mit separierten Öl- und Gasreservoirs darf man absolut zufrieden sein.

Gut ist, dass auch die Fourty-Eight nun zum Kreis derjenigen Harley-Modelle zählt, die serienmäßig mit einem Zweikreis-ABS ausgerüstet werden. Die Regelungsgüte ist ausreichend schnell und präzise, um auch bei wechselnden Fahrbahnzuständen hohe Verzögerungen erreichen zu können. Begrenzt wird diese Möglichkeit alleine dadurch, dass Harley seine Sportster-Modelle noch immer grundsätzlich lediglich mit einer Bremsscheibe am Vorderrad ausrüstet; angesichts des auch bei den „leichten“ Sportster-Modellen doch beträchtlichen Leergewichts von 252 Kilogramm wäre eine Doppelscheiben-Anlage aus technischen Überlegungen heraus kein Luxus. Zum Glück bremst die hintere Einscheibenbremse überdurchschnittlich gut mit, was nicht zuletzt an der leicht hecklastigen Gewichtsverteilung von 45:55 Prozent liegt. Die Bremse verlangt insgesamt relativ hohe Kräfte, um ihre volle Wirkung zu entfalten.

Ebenfalls zum neuen Fahrwerk zählen die neu gestalteten Aluminium-Gussräder. Sie sind laut Hersteller „besonders leichtgewichtig“ und weisen nun prägnante Doppelspeichen auf. Ihr Finish ist schwarz mit gefrästen Akzenten – eine attraktive Sache. Auch die moderate Hinterreifenbreite von lediglich 150 Millimetern ist nicht unschuldig am angenehm agilen, dabei aber unaufgeregten Fahrverhalten der XL 1200X.

Am Triebwerk hat sich nichts getan, was kein Fehler ist; schließlich läuft der 49 kW/ 67 PS leistende, luftgekühlte Midsize-V2 mit seinen 1.202 Kubikzentimetern ausgesprochen geschmeidig. So ist es auch nicht der Drehmoment-Bestwert von 96 Newtonmetern bei 3.500 Umdrehungen, der beeindruckt, sondern die angenehm füllige Drehmomentkurve; zumeist werden die Gänge bereits ein ganzes Stück unterhalb des Punktes gewechselt, an dem das Drehmoment seinen Höchstwert erreicht. Lohn dieser Auslegung ist neben dem angenehmen Laufverhalten des Triebwerks der geringe Benzinkonsum; man kann die 48 durchaus mit nur wenig über vier Litern 100 Kilometer weit betreiben. Andererseits: Das muss auch so sein, denn es gibt nur wenige kleinere Serientanks als den der Fourty-Eight: 7,9 Liter Tankvolumen (davon 2,5 Liter Reserve) reichen so gerade für einen hübschen kleinen Ausflug. Nach etwa 135 Kilometern leuchtet gerne mal die gelbe Tankwarnleuchte.

Veränderungen sind an der Optik zu notieren: Außer den bereits erwähnten neuen Rädern erhielt der Tank horizontale Streifen, die sich an mehreren Stellen wiederfinden: auf den Sitz gestickt, an den Schlitzen der Auspuff-Hitzeschilde sowie an der Zahnriemenabdeckung und der Riemenscheibe. Da Brems- und Rücklichtfunktion in die Heckblinker integriert sind, entfällt ein herkömmliches zentrales Rücklicht.

Zur insgesamt guten Ausstattung der Fourty-Eight gehören ein Security System aus Wegfahrsperre und Alarmanlage mit einem schlüssellosen Startsystem, gut funktionierende selbstrückstellende Blinker sowie eine Warnblinkanlage. Dass die Ganganzeige in Verbindung mit einer digitalen Anzeige der Motordrehzahl arg klein und damit fast unleserlich ausgefallen ist, wollen wir der Fourty-Eight verzeihen; die beliebteste aller Harleys der letzten Jahre will ohnehin mit Gefühl und nicht mit Berechnung gefahren werden.

Gleich sechs Farben mit fantastisch klingenden Bezeichnungen (Beispiel: „Hard Candy Cancun Blue Flake“) hält Harley-Davidson zur Auswahl bereit. Dazu kommen viele Seiten mit teils sehr wertigen Zusatzausrüstungen im Harley-Katalog, mit deren Hilfe sich auch die Forty-Eight individualisieren und verteuern lässt. Mit dem Grundpreis von 12.345 Euro ist’s – jedenfalls für die Mehrzahl der Kunden – nicht getan. Glücklicherweise unterliegt der eher niedrige Preis erfahrungsgemäß einem überdurchschnittlich geringen Wertverlust. Kommt also zum Vergnügen sogar noch Vernunft. Vielleicht ist es sogar diese Kombination, die der Forty-Eight schon so viele Fans eingebracht hat.

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