Frau und Motorrad: Schräge Lage

Fachtagung 2016: Frauke Tietz (Fembike.de)

| Autor / Redakteur: Jonas Keck / Elena Koch

Alle Siegerinnen auf einen Blick im silbernen Konfettiregen.
Alle Siegerinnen auf einen Blick im silbernen Konfettiregen. (Bild: bike und business/Marcel Gollin)

Die wenigsten Motorradhändler haben es bisher erkannt: Frauen sind eine attraktive Zielgruppe. Händler und Kundinnen würden davon profitieren, wenn Frauen häufiger von Frauen beraten werden. Doch noch immer herrscht in der Motorradwirtschaft ein Missverhältnis.

Mit einem scharfen Knall ertönt die Konfettikanone. Für einen Augenblick erstarren neun Damen zu jenem Gruppenbild, zu dem sie sich aufgereiht haben. Sie scheinen nicht mehr gemeinsam zu haben, als die roten Blumensträuße und gerahmten Urkunden, die sie in Händen halten. Sie sind zwischen Mitte zwanzig und Anfang sechzig. Von rotgefärbtem Sidecut bis grauem Haar. Von Turnschuhen, Pumps, Stiefeletten bis hin zu Motorradstiefeln. Sie sind verschieden und teilen doch eine Leidenschaft.

Als das Konfetti in silbernen Streifen auf die neun Frauen herabregnet, lächeln sie in die Kamera. Juliane Leckert steht in der Mitte des Bildes und lächelt am meisten. Sie ist einige Jahre jünger und wenige Zentimeter kleiner als die anderen Frauen auf der Bühne. Sie trägt einen beigen Strickpullover, eine helle Jeans im Used-Look und cognacfarbene Stiefeletten mit flachen Absätzen. Ihr schulterlanges, dunkelbraunes Haar fällt leicht nach vorn, als die junge Frau stolz auf die Urkunde in ihrer linken Hand blickt. „1. Platz“ steht darauf.

Juliane ist die „Bike Woman oft the Year 2016“, die Motorradfrau des Jahres. Wie auch ihre neun Mitstreiterinnen, die an diesem Tag geehrt wurden, konnte Juliane die achtköpfige Jury mit ihrem Bewerbungsvideo davon überzeugen, dass sie ein Vorbild für Frauen in der Motorradbranche ist.

Der Award „Bike Woman of the year“

Weil das Geschäft rund um Motorräder noch immer von Männern dominiert wird, verliehen die Fachzeitschrift »bike und buisness« und das Onlinemagazin Fembike.de zum zweiten Mal den Preis, der auf dieses Missverhältnis aufmerksam machen soll.

Nur knapp ein Viertel der festangestellten Mitarbeiter im Motorradhandel sind weiblich. Dies geht aus einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit für März 2016 hervor. Ausgewogener ist das Verhältnis bei geringfügig Beschäftigten. Über 40 Prozent der Minijobs im Motorradgeschäft werden von Frauen ausgeübt. Dabei wurden auch der Handel mit Ersatzteilen und Zubehör, sowie Instandhaltung und Reparatur von Krafträdern berücksichtigt. Wie viele der Frauen in der Werkstatt und wie viele im Verkaufsraum anzutreffen sind, geht aus den Daten nicht hervor.

Weibliche Vorbilder in einer von Männern dominierten Branche

Juliane aber kennt beide Seiten. Im Jahr 2007 hat sie ihre Ausbildung zur Zweiradmechanikerin begonnen. Heute arbeitet die 26-Jährige aus Lauda im Verkauf von Alex’s Bikeshop und betreut dessen Onlineauftritt. „Manchmal muss ich mir von männlichen Kunden doofe Sprüche anhören – aber selten“, betont die Angestellte. Eigentlich sind es nicht diese Klischees, gegen die sie ankämpfen will. Viel wichtiger ist ihr der Nachwuchs: „Viele Mädels sind mit 16 Jahren einfach noch nicht selbstbewusst genug. Deshalb entscheiden sie sich gegen unsere von Männern dominierte Brache. Für diese jungen Frauen möchte ich ein Vorbild sein.“

Solche weiblichen Vorbilder scheinen vor allem zukünftige Zweiradmechatronikerinnen zu benötigen. Nur sechs Prozent der Ausbildungsverträge für diesen Beruf wurden 2015 von Frauen unterzeichnet. Seit 1997, als derselbe Beruf noch Zweiradmechaniker hieß, hat sich an diesem Verhältnis nichts geändert. Dies geht aus Statistiken des Bundesinstituts für Berufsbildung hervor.

Kundinnen wollen anders beraten werden

Doch nicht nur in den Werkstätten scheint Nachholbedarf zu bestehen. Frauke Tietz gründete vor sechs Jahren das Onlinemagazin Fembike, eine Internetplattform für motorradbegeisterte Frauen. Sie kritisiert, dass auf Schulungen für Händler das Geschlechter-Thema keine Rolle spielt. „Kundinnen wollen anderes beraten werden. Das findet häufig keine Berücksichtigung“, so Tietz. Rund 13 Prozent der Halter von Krafträdern sind weiblich, zeigt eine Statistik des Kraftfahrt-Bundesamts. Tendenz leicht steigend. Aus Sicht der Händler argumentiert Tietz: „Jede Frau, die das Motorradfahren als Hobby entdeckt, ist eine potentielle Neukundin. Deshalb brauche es auch im Motorradhandel mehr Frauen, die ihren Mann stehen.“

Solche Frauen sind auf einem Workshop der Fachtagung »bike und business« anzutreffen. „Das neue Frauen-Netzwerk im Motorradbusiness“ lautet das Thema, zu dem sich elf Frauen im Seminarraum einfinden. Einige von ihnen standen kurz zuvor auf der Bühne, um ihre Urkunden entgegenzunehmen. Man kennt sich. Man duzt sich. Man kommt ins Plaudern.

Dann beginnt der Workshop, den Tietz moderiert. Wünsche, Erfahrungen und Ideen – all das soll nun mit Filzstiften auf bunten Papierkreisen festgehalten werden. Für wenige Minuten kehrt Ruhe ein. Dann heften die Frauen Kreis für Kreis, Gedanke für Gedanke an eine Pinnwand.

Es lebe das Motorradfrauen-Netzwerk

Sich gegenseitig kennenlernen, Erfahrungen austauschen und sich von anderen inspirieren lassen – darum geht es den Frauen aus der Motorradwirtschaft hauptsächlich. Dabei kommen sie auch auf konkrete Unterschiede im Kaufverhalten von Männern und Frauen zu sprechen.

Kunden und Kundinnen gewichten beim Kauf von Motorrädern einzelne Faktoren unterschiedlich. „Für Männer muss ein Motorrad in erster Linie gut aussehen und genügend Leistung haben. Frauen ist häufig die Handhabung wichtiger. Kurvenverhalten, Gewicht und Tieferlegung interessieren Kundinnen oft viel mehr“, berichtet eine der Teilnehmerinnen des Workshops aus ihrer Erfahrung. Mehr Händlerinnen bedeuten mehr Kundinnen, so die einfache Rechnung. Keine feministischen Parolen, keine Dämonisierung der Männer.

„Überraschend, dass wir so wenig über das Männer-Frauen-Thema geredet haben“, fasst Tietz am Ende des Workshops zusammen. Ich hätte gedacht, dass wir nicht nur über Vernetzung, sondern auch über die männlichen Chefs sprechen“. Darauf entgegnet eine der Frauen aus dem Publikum freudig: „Wir sind die Chefs“. Auch Juliane nickt und lächelt.

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