Führerscheinreform A1: Bleiben Sie dran, Herr Scheuer!

Anmerkungen zu aktuellen Branchenthemen

| Autor: Stephan Maderner

Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin.
Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin. (Bild: Vogel Communications Group)

Aus dem Tagebuch des »bike und business«-Chefredakteurs (KW 26/I), Folge 701: Sie haben es alle mitgekriegt: In der letzten Woche sorgte der Vorschlag des Bundesverkehrsministers, Autofahrern ab 25 nach mindestens fünf Jahren Fahrpraxis und insgesamt siebeneinhalb Schulungsstunden im Sattel eines Bikes den Zugang zum Motorradführerschein zu erleichtern, für einen Sturm der...

...Entrüstung! Vor allem in den Mainstreammedien wurde Andreas Scheuers Liberalisierungsidee ziemlich niedergemacht (hier geht's zum Referentenentwurf vom 15. April 2019; also definitiv kein Ablenkungsmanöver des Ministers wg. Pkw-Mautdesaster wie von Kritikern ins Feld geführt wurde). Die üblichen Bedenkenträger aus den Reihen des Deutschen Verkehrssicherheitsrats oder der Bundesanstalt für Straßenwesen (bast) meldeten sich zu Wort, wie gefährlich und unsinnig die Idee sei. Auf meinem Facebook-Account tauchten Kommentare auf wie „So lösen wir das Problem der Überbevölkerung“, „Und warum nicht gleich auch einen Lkw oder Heli fliegen?“.

Branchenkenners Lob

In der Branchenöffentlichkeit wurde der Vorstoß Andreas Scheuers allerdings unisono begrüßt. Einer schrieb: „Gab es früher auch schon vor dem 1.4.1980 und wir Deutschen leben immer noch. 25 Jahre Mindestalter - okay. Dann weiß man schon, wie es läuft, weil fünf bis acht Jahre Straßenfahrpraxis auf dem Buckel. Gut so.“ Einen sehr guten Kommentar mit der Überschrift „Scheuer, bleiben Sie dran!“, veröffentlichte mein Kollege Walter Wille vom Technik-Ressort der „FAZ“. Nüchtern, sachlich und objektiv listet er darin zahlreiche Argumente auf, die den schrill-emotionalen Ton der Kritiker schnell verstummen lassen sollte.

Endlich geht mal was in der Zweiradrepublik Deutschland

Und auch diese, meine Meinung konnten Sie bereits auf Facebook lesen: „Ich finde: Endlich geht mal was in der Zweiradrepublik Deutschland. AM mit 15, E-Kickscooter ab 14 und nun Leichtkraftradfahren nach acht Jahren Fahrpraxis mit dem Auto nach mindestens fünf nachgewiesenen Praxisstunden auf der 125er (Anpassung der Regelung aus dem Jahr 1980) – längst überfällige Liberalisierungen und Anpassungen, die zeigen, dass wir doch noch reformfähig sind. Ist da etwa schon die Wirkmacht und das Netzwerk des neuen IVM-Präsidenten Henning Putzke von BMW Motorrad mit im Spiel? Fehlt nur noch die Anhebung der Rollerhöchstgeschwindigkeit von 45 auf 59 km/h (hier geht's zur Onlinepetition), dann wären alle wichtigen Branchenforderungen zur Förderung des Zweiradnachwuchses erfüllt. Die Phalanx der Sicherheitsapostel, der üblichen Bedenkenträger aus den Reihen der Versicherungswirtschaft, der Zero-Verkehrstoten-Prediger und der Fahrschullobby ist schon aufmarschiert. Liebe Leute, bleibt standhaft und bringt euch mit guten Pro-Argumenten in Stellung. Die gibt es zuhauf.“

Warum soll in Sachen Bike-Lizenz die Banane krumm bleiben?

Fest steht: Wir benötigen Mobilität auf dem Land und in den Großstädten, die den Verkehr entlastet, erschwinglich für Familien ist und hilft, Parkplatzprobleme zu lösen. Weiterhin ist ein z.B. 125er-Roller (gerne auch in der Elektroversion) für die Klimaveränderung und den Umweltschutz deutlich vorteilhafter (ca. 3 Liter Verbrauch auf 100 km) als ein Zweitauto mit deutlich höherem Verbrauch. In Europa haben unter anderem folgende Länder bereits seit vielen Jahren diesen A1 (125er)-Führerschein in die Pkw-Fahrerlaubnis integriert: u.a. Österreich, Tschechien, Italien, Luxemburg, Frankreich, Portugal. Wir sind doch immer für eine europäische Harmonisierung. Warum soll in Sachen Bike-Lizenz die Banane krumm bleiben?

In den späten 90er Jahren wurde die Führerscheinregelung hier in Deutschland bereits für Personen, die ihren Pkw-Führerschein vor dem 1. April 1980 erworben hatten, um genau diese Klasse A1 (125er) erweitert. Dieser Passus ermöglichte es damals OHNE jede Fahrstunde, Übungsstunde etc. das Fahren auf genau diesen Leichtkräfträdern und Rollern. Ein Anstieg an Verkehrstoten in genau dieser Klasse und von genau diesen Personen kann im Rahmen der allgemeinen Unfallstatistik nicht nachgewiesen werden.

Ebenso möchte ich die Frage in den Raum stellen, warum ein 18-jähriger Fahranfänger nach abgeschlossener Fahrprüfung in der Lage sein soll einen 300 PS starken Pkw mit über 250 Sachen über die Autobahn zu jagen, jedoch ein 40-jähriger Pkw-Führerscheininhaber mit 20 Jahren Fahrerfahrung genau diese Befähigung für das Führen z.B. eines 15 PS starken Rollers nicht haben soll?

Insgesamt eine Chance Pro Bike

Michael Müller von MK Müller (Subaru-Auto und Honda-Motorrad) aus Freudenstadt bringt es auf den Punkt: „Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, was soll denn das ganze Geschrei? Die Regelung gibt es schon seit Jahren und funktioniert. Bisher dürfen aber nur Führerscheinbesitzer mit Klasse 3 oder 4 eine 125er fahren, wenn sie diesen vor dem 1.4.1980 erworben haben. Nun kommt ein Minister und will diese Lücke schließen (um nichts anderes geht es) und dies auch denen ermöglichen, die das bisher aufgrund des Alters nicht durften. Allerdings mit der Auflage mit Fahrstunden und Theorie Stunden, Mindestalter 25 und mindestens 5 Jahre Führerscheinbesitz. Zur Erinnerung: Die gab es für die anderen übrigens nicht. Jetzt geht ein Geschrei durch die Biker-Gruppe, dass so was ja gar nicht geht und und.... Hä?? Da muss ich mich echt fragen geht's noch? Anstatt dass wir uns freuen, dass indirekt das Motorradfahren gefördert wird und unsere Motorradgemeinschaft wächst, wird dagegen gewettert, als würde man einen Krieg anfangen wollen.

Und wenn ich jetzt gleich mit Unfallargumenten zugeworfen werde, möchte ich meine persönlichen Erfahrungen als langjähriger Motorradhändler dagegen halten. Von all meinen 3er Führerscheinkunden lebt noch jeder. Noch keiner hat außer einem Umfaller, der sogar mir als langjährigem Fahrer passieren kann, keinen Unfall gehabt. Und das ohne jegliche Fahrstundenpflicht!

Allerdings hatte ich die jedem als freiwillige Maßnahme ans Herz gelegt und bin mit so manchem eine Runde gefahren. Viele davon haben dadurch den Weg zum Biker gefunden, sind später dann aufgestiegen zum großen Schein und sind heute vollwertige Mopedfahrer. Warum soll das nun nicht weiter funktionieren?

Ich will mal provokant fragen: Glaubt ihr, die etwas später Geborenen oder die nach dem 1. 4.1980 ihren Führerschein machten, sind dümmer als die anderen? Also, ich hoffe das Gesetz geht durch, schon allein, weil es gerecht wäre gegenüber den, anderen die es dürfen. Ich freue mich drauf. Und wenn jetzt einer gegen mich wettern will, mir ging es nur um gesteigerte Verkaufszahlen – dann sage ich klipp und klar: Auch das stimmt. Aber eben nicht nur. Ich sehe insgesamt eine Chance Pro Bike. Ja, und auch ich sehe es, dass es wohl nicht für jeden geeignet sein wird und der eine oder andere auch mal auf den Becher fliegt – aber das passiert auch den vermeintlich Erfahrenen. Motorradfahren ist immer mit einem Risiko verbunden.“ O-Ton Michael Müller Ende.

Jetzt bei Onlinepetition mitmachen

Zusammen mit dem Branchenprofi Thomas Timmen, Teamleiter Vertriebsaußendienst – Händlermanagement Deutschland bei Motor Sport Accessoires (MSA) Weiden, hat »bike und business« die Onlinepetition „Gleiches Recht in Europa! A1 (125 cm³)-Führerschein in den Klasse B (Pkw) integrieren“ ins Leben gerufen. Klicken Sie rein und lassen Ihre digitale Unterschrift da. Ich zähle auf Sie! Und lieber Herr Scheuer, wie bereits gesagt: „Bleiben Sie dran!“

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