Gefahren: die Yamaha Tracer 700, ein Vollwerttourer

Auf den Punkt gebracht

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Valeria Schulte-Niermann

Auch fahrwerksseitig steht bei der Yamaha Tracer 700 Agilität im Vordergrund.
Auch fahrwerksseitig steht bei der Yamaha Tracer 700 Agilität im Vordergrund. (Yamaha)

Yamaha entwickelt aus dem gelungenen Nakedbike MT-07 die noch gelungenere Allround-Tourenversion Tracer 700.

Vollwertige Tourer der Hubraumklasse 650 bis 800 Kubikzentimeter gibt’s nur in höchst überschaubarer Zahl: BMW hat die F 800 GT im Programm, Honda die technisch sehr anspruchsvolle VFR800 mit V4-Motor. In dieser kleinen Nische will sich jetzt auch Yamaha mit der Tracer 700 breitmachen und hat, das zeigte der Proberitt über acht Dolomitenpässe, mit ihr beste Chancen, zum Erfolg zu kommen. Basis des neuen Modells ist die seit drei Jahren in ganz Europa überaus erfolgreiche MT-07, und wie diese, so ist auch die Tracer ein Vorbild an Preiswürdigkeit: Mit 7.895 Euro ist dieses Mittelklasse-Bike die klar günstigste Möglichkeit, einen vollwertigen Tourer zu bewegen. Und zwar einen, bei dem der Fahrspaß mitnichten zu kurz kommt.

Das liegt in erster Linie am Zweizylinder mit 689 Kubikzentimetern Hubraum und 55 kW/75 PS. Er setzt sich auch in der 196 Kilogramm wiegenden Tracer-Variante (mit Teilverkleidung, verstellbarem Windschild, Handschützern und komfortorientierter Sitzposition) ausgezeichnet in Szene, ist er doch gleichermaßen durchzugsstark und drehfreudig, agiert kultiviert und ist auch mit seinen Trinksitten (bei sehr zügiger Pässefahrt 4,8 bis 5,1 Liter pro 100 Kilometer) zurückhaltend. Die von Hersteller Yamaha versprochenen 300 Kilometer Reichweite pro 17 Liter-Tankfüllung sind also problemlos realisierbar. Weil die Übersetzung gut gewählt ist und die Gangwechsel leicht und präzise verlaufen, ist die Tracer 700 von der Motorseite her ein ausgesprochen agiles, sympathisches Motorrad.

Das bleibt sie auch unter Einbeziehung der Fahrwerks-Qualitäten. Obwohl Yamaha hier schon aus Preisgründen nur mit Wasser kocht – aufwendige und damit teure Teile wie eine Upside-down-Gabel oder x-fache Verstellmöglichkeiten der Federelemente sucht man vergebens –, überzeugt das Ergebnis in Relation zum Einstandspreis auf ganzer Linie: Denn die Dimensionierungen der Komponenten wie auch deren Abstimmung sorgen dafür, dass auch fahrwerksseitig die Agilität im Vordergrund steht, ohne dass die Stabilität darunter leiden würde. Die Tracer 700 lässt sich leicht einlenken und bleibt in Kurven tadellos auf Kurs. Auf ihren Einsatzbereich als Universalmotorrad mit ausgeprägter Toureneignung hat Yamaha die kleine Tracer (es gibt seit vergangenem Jahr bereits die sich bestens verkaufende Tracer 900) durch die Entwicklung einer fünf Zentimeter längeren Zweiarm-Schwinge vorbereitet. Die vergrößert das Platzangebot für Fahrer und Passagier und lässt die 700er souveräner agieren als die kompaktere MT-07: Die Fahrstabilität steigt, ohne dass die Handlichkeit nennenswert leiden würde. Auch die Schräglagenfreiheit ist so bemessen, dass die Pässehatz rund um die Sella stets freudige Mimik beim Fahrer bewirkt.

Zwar ist die Zweischeiben-Vorderradbremse kein Muster an Biss, doch gefällt sie dennoch gut, weil sie für die vermutete Zielgruppe weniger erfahrener, tendenziell jüngerer Piloten und Pilotinnen vorzüglich bedienbar ist. Bissiger ausgelegte Supersport-Bremsen verlangen nach höchst sensibler Motorik, und die zu gewinnen ist ein langwieriger Prozess. Man ist auf der Tracer jederzeit Herr der Lage, wenn es um Tempo-Abbau geht, das ABS greift notfalls schnell und präzise regelnd ein. Die hintere Einscheibenbremse agiert unauffällig, wie es auch sein muss.

Ein sehr wichtiges Kriterium bei einem auch für längere Touren ausgelegten Motorrad ist das Kapitel Fahrkomfort und Ausstattung. Yamaha hat bei der Tracer 700 eine Menge Feinarbeit geleistet. Die Sitzposition ist für Fahrer zwischen 1,70 und zwei Metern Körpergröße gelungen, das mittels zweier Rändelschrauben leicht verstellbare Windschild nimmt bei höherem Tempo spürbar Druck vom Oberkörper. Dank der Höhenstellung der Scheibe kann man Turbulenzen am Helm vermeiden. Der Bremshebel ist einstellbar, die Sitzbank gut gepolstert und geformt. Die kleinen Handschützer sind zwar aufgrund ihrer Dimensionierung wie auch Positionierung vorwiegend ein Design-Element, halten aber immerhin ein wenig kalten Fahrwind ab.

Zum Punkt Ausstattung gehört das Kapitel „Optionen“. Hier hat sich Yamaha ins Zeug gelegt: Wer will, kann vom größeren Windschild über eine heizbare Sitzbank, heizbare Lenkergriffe und unterschiedliche Gepäcktransportlösungen eine Menge durchdachter Artikel ordern. Selbst eine Aluplatte zur Vergrößerung der Seitenständer-Aufstandsfläche ist im Angebot. Auch Stahlrohr-Elemente zum Schutz der Verkleidungs-Seitenteile im Falle eines Umfallers sind erhältlich. Wer viel auf Alpenstraßen unterwegs ist weiß, dass die Mehrzahl der Vielfahrer auf opulente Ausstattung großen Wert legt. Yamaha liegt mit seinem Zubehör-Angebot insofern absolut richtig.

Betrachtet man die leicht zu fahrende Tracer 700 unter dem Gesichtspunkt von Preis und Gegenwert, kommt man um die Feststellung nicht umhin, dass sie an der Spitze ihres (kleinen) Segments steht. 7.895 Euro sind in Relation zum Gebotenen kleines Geld. Zudem macht die Verarbeitung – die Tracer 700 wird nicht in Südostasien, sondern in Frankreich montiert – einen guten Eindruck. Ernsthafte Kritikpunkte an diesem Motorrad haben wir nicht finden können. Aber immerhin einen Wunsch hat die Tracer 700 offengelassen, nämlich die Bedienmöglichkeit des absolut ausreichend ausgestatteten Bordcomputers vom Lenker aus. Könnte man freilich auch als Kompliment werten.

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