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Gefahren: Ducati Diavel 1260 S – das Teufelsding

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Dipl. sc. Pol. Univ. Stephan Maderner

Die Ducati Diavel 1260 S vereinbart höchst unterschiedliche Anforderungen an ein Motorrad, die normalerweise nicht zu Fahrspaß führen können. Doch die Italiener haben eine Art Wunderwaffe auf die Räder gestellt, selbst wenn sie nicht perfekt ist.

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Unser Autor Ulf Böhringer testet hier die Kurvenagilität der Ducati Diavel 1260 S.
Unser Autor Ulf Böhringer testet hier die Kurvenagilität der Ducati Diavel 1260 S.
(Bild: SP-X/Ulf Böhringer)

Man schrieb das Jahr anno Domini 2011, als in Bologna der Teufel los war: Ducati führte eine merkwürdige Cruiser-Baureihe ein und nannte sie Diavel. Mit diesem Ausdruck bezeichnen die Leute in und um Bologna den Teufel. Neun Jahre später müssen selbst anfängliche Skeptiker einräumen, dass das mit „unmöglichen“ technischen Daten aufwartende Motorrad erstens tatsächlich ein Teufelsding ist und zweitens die Modellbezeichnung hundertprozentig trifft. Es ist nachgerade teuflisch, wie man mit der Duc mit dem langen Radstand – er beträgt immerhin 1,60 Meter – unterwegs sein kann. Und diabolisch ist oft das Grinsen des Fahrers unterm Helm, wenn er Fahrmanöver absolviert hat, über die Fachkundige den Kopf schütteln: „Das geht doch gar nicht mit so einem Ding“. Doch, es geht. Ok, nicht alles, aber vieles, vor allem viel mehr als gedacht.

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Grundsätzlich ist ein langer Radstand in Kombination mit einem überbreiten Hinterreifen für die Kurvenagilität ungefähr so vorteilhaft wie der Leibhaftige als Bewacher des Weihwasserkessels in einer römisch-katholischen Kirche. Wenn man jetzt noch weiß, dass der hintere Pneu der Diavel sage und schreibe 24 Zentimeter breit ist, was für zügiges Kurvenfahrten enorme Schräglagen bedeutet und den Reifenaufstandspunkt weit aus der Reifenmitte driften lässt, dann ist eigentlich klar, dass man für dynamischen Fahrspaß lieber eine Monster wählen sollte statt einer Diavel. Doch weit gefehlt: Die Diavel beherrscht auch das Metier des kurvenreichen Geläufs, sogar ohne dass dabei die Rasten schleifen. Ein kurzer Druck am Lenker genügt, schon nimmt sie willig Position ein und durcheilt stabil jede gewünschte Biegung. Dass dabei 244 Kilogramm Masse plus eine beträchtliche Motorleistung – wir sprechen von immerhin knapp 160 PS – zwei weitere außergewöhnliche Faktoren sind, gehört ebenfallszu dem teuflischen Spiel, das Ducati im Falle der Diavel mit unsereinem treibt.

Wir halten also fest: Die Diavel ist ein richtig gut fahrbares Motorrad. Zudem bei Bedarf bösartig stark: 117 kW/159 PS leistet ihr Zweizylindermotor, dessen acht Ventile ganz nach bester Art des Hauses von einer desmodromischen Zwangsjacke betätigt werden; zusätzlich gibt es eine variable Ventilsteuerung. Die sorgt für Druck im Keller und Feuer auf dem Dach – zumindest theoretisch. Zwar herrscht sofort Vollbrand, sofern der Fahrer die Drosselklappen öffnet. Doch zu wessen bevorzugtem Geläuf der Stadtverkehr gehört, der wird die Sinnfrage stellen: Unter 4.000 U/min. kann von Laufkultur nur ansatzweise die Rede sein. Nein, der mächtige V2 in L-Konfiguration – der „vordere“ Zylinder liegt flach auf dem Rücken – ist einfach ein Sportmotor, giert nach Drehzahl und ist untenrum kein Schwarzenegger. 9.500 U/min. beträgt die Nenndrehzahl, das ist ungefähr das Doppelte jedes anderen Cruisers von Rang auf dieser Welt. Und deshalb fährt man am liebsten und zugleich am komfortabelsten mit Drehzahlen jenseits der 4.000/min. Viel Sprit kostet der Spaß übrigens nicht: Der angegebene Normverbrauch von 5,4 l pro 100 km lässt sich problemlos realisieren, wobei die Verbrauchsanzeige gerne schelmisch noch deutlich günstigere Werte vorgaukelt.

Kupplung, Getriebe, der Zweiwege-Schaltassistent – alles funktioniert leicht und behände. Auch die Bremsen sind feinste Ware des italienischen Nobel-Ausrüsters Brembo; sie beißen fest zu, sind aber fein dosierbar. Dass die Diavel ein solcher Schluchtenflitzer ist, verdankt sie zum Teil auch den exzellent abgestimmten, darüber hinaus aber vielfach einstellbaren Federelementen des schwedischen Premium-Herstellers Öhlins. Die sorgfältige Abstimmung aller Komponenten dieser Ducati merkt man auch an den zahlreichen Regelungssystemen, für die Bosch und Ducati gemeinsam geradestehen. Egal ob Wheelie ja/nein, Katapultstart oder nicht oder Kurvenwetzen am Limit – alles regelt im Fall des Falles so, wie man sich’s als Fahrer wünscht. Für Experten, Wagemutige oder Hasardeure sind alle Regelungstechnologien auch deaktivierbar.

Die Ausstattung der Diavel 1260 S ist insgesamt gut und reichlich; sogar einen am luftigen Heck ausziehbaren Soziushaltegriff hält sie, geziemend versteckt, bereit. Was sie nicht kann – den Fahrer vor Wind und Wetter schützen beispielsweise – ist beabsichtigt; das reichliche Werks-Zubehörangebot macht es möglich, dem teuflischen Power-Cruiser auch solche Aufgaben abzuverlangen, die ihm nicht wirklich in die Wiege gelegt worden sind. Nicht so recht nachvollziehbar ist, dass die Entwickler den Diavel-Nutzer offenbar unabhängig von Zeit und Raum sehen wollen – eine Zeituhr ließ sich in der ansonsten reichlichen Bestückung des Bordcomputers nicht finden. Weitere wesentliche Ungereimtheiten jenseits der nicht ganz zufriedenstellenden Motorabstimmung haben sich während des Testzeitraums nicht in den Vordergrund gedrängt.

Klar: 23.500 Euro sind kein Pappenstiel. Dafür kriegt man was, auch bei BMW, Triumph, Indian oder auch Harley-Davidson. Auch die teils hübschen Töchter anderer Mütter können faszinieren. Ein so diabolisches Grinsen wie die Ducati Diavel allerdings ruft keine hervor: So unberechenbar, wie das Teufelsding aus Bologna für Außenstehende einzuschätzen ist, ist keine andere. So harmlos lächelnd, und dabei dermaßen gefräßig. Distanzen schnupft sie weg wie Schneefräsen frisch gefallenes Weiß. Wer hätte je gedacht, dass die rote Schmiede prachtvoller Sportmotorräder auch eine Art Cruiser bauen kann…

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