Gefahren: Moto Guzzi MGX-21 Flying Fortress

Üppige Ergänzung

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Judith Leiterer

Das hohe Drehmoment von 121 Newtonmetern, das schon bei 3.000/min. abgegeben wird, macht hektisches Schalten überflüssig.
Das hohe Drehmoment von 121 Newtonmetern, das schon bei 3.000/min. abgegeben wird, macht hektisches Schalten überflüssig. (Bild: Moto Guzzi)

Moto Guzzi traut sich was: Die im Bagger-Style designte MGX-21 ist ein kühner, unübersehbarer Entwurf in der Art einer Festung. Der Beiname „Flying Fortress“ kommt der Wahrheit echt nahe.

Es ist einerseits die Gesamtwirkung des mächtigen, angesichts seiner Länge niedrig wirkenden, ganz in mattem Schwarz und Sichtkarbon gehaltenen Fahrzeugs, andererseits sind es Details wie die roten Ventildeckel oder das mit 21 Zoll Durchmesser übergroße Vorderrad, die unsere – und die Blicke vieler Passanten am Straßenrand – auf die jüngste Moto-Guzzi-Kreation fallen lassen. Schon lange war kein Motorradhersteller mehr so selbstbewusst wie es die seit mittlerweile 95 Jahren Motorräder bauenden Italiener am Comer See sind. Mit dem knapp 1,4 Liter großen V2-Motor, traditionell luft-/ölgekühlt und dennoch Euro-4-tauglich, gehört die Moto Guzzi MGX-21 zu den Schwergewichten der Szene: 356 Kilogramm, vollgetankt, wollen bewältigt sein. Und auch bezahlt: 23.000 Euro lautet der Aufruf für ein Motorrad, mit dem Käufer ein Statement abgeben.

Es sind aber nicht nur die rot gelackten Zylinderkopfhauben, die vielen Sichtkartonteile und das mächtige Vorderrad, die die MGX-21 aus der Masse herausheben. Eine im „Batman“-Style gehaltene, ähnlich mächtige Frontverkleidung hat sich bisher nur Harley-Davidson getraut. Die beiden Seitenkoffer sind elegant ins abfallende Heck integriert. Dass komfortables Cruisen die eigentliche Bestimmung dieses Motorrads ist, dokumentiert die Ausstattung mit Tempomat sowie üppigem Entertainment-System. Man braucht das zum Erfolg auf dem wichtigsten Markt für Zweiräder dieser Art, den USA. Dort, in Pasadena nahe Los Angeles, ist die „Fliegende Festung“ auch ersonnen worden, und dort wird sie wohl auch die Mehrzahl ihrer Kunden finden.

Miguel Galluzzi heißt der Chefdesigner des PADC (Piaggio Advanced Design Center) in Pasadena, Kalifornien. Er erklärt die Entstehung der MGX-21 folgendermaßen: „Wir haben uns vorgestellt, wie wir am liebsten den amerikanischen Kontinent durchqueren würden. Sofort war klar, dass die Basis unsere Moto Guzzi California 1400 sein muss. Und doch wollten wir noch etwas weiter in die Zukunft blicken. Also erinnerten wir uns an italienische Topdesigner wie Bertone mit dem Alfa Romeo BAT aus den 50er-Jahren zurück. Diese für die damalige Zeit absolut verrückten Italiener setzten wilde und extreme Ideen in Formen aus Metall um und verbanden so italienische Kreativität und amerikanischen Pragmatismus. Wir gingen ähnlich vor, integrierten aber zusätzlich Komfort, technischen Avantgardismus, bedingungslose Langstreckentauglichkeit und absolute Zuverlässigkeit.“

Noch nicht einmal sehr erfahrene Motorradfahrer, zu denen wir uns nach mehr als drei Jahrzehnten auf den unterschiedlichsten Zweirädern bestimmt zählen dürfen, gehen unbefangen auf dieses schwarze Ungeheuer vom Comer See zu. Von Harleys oder auch Indians ist man ausufernde Dimensionen zwar gewohnt, nicht aber von Moto Guzzi, obwohl die California 1400 ja auch nicht gerade zierlich geraten ist. Weit vom Fahrer entfernt erstreckt sich das Cockpit, mehr als einen Meter breit. Gleich zwei mächtige Rundinstrumente mit je einem zentralen LC-Display faszinieren das Auge, links und rechts davon machen sich jeweils zwei Lautsprecher breit. Chic angepasst ist die mittige Plexiverkleidung in Form zweier kleiner Hutzen.

Die Bedienung der „fliegenden Festung“ gestaltet sich einfacher als gedacht: Sanft nimmt der mit Ride-by-Wire ausgerüstete Großkolben-V2 das Gas an, entwickelt Druck ab 1.500 Touren, dreht aber bei Bedarf hurtig nach oben. Nie stören Vibrationen. Geschmeidig lassen sich die sechs Gänge wechseln. Die Kupplungskräfte entsprechen aber dem Fahrzeuggewicht. Das hohe Drehmoment von 121 Newtonmetern, das schon bei 3.000/min. abgegeben wird, macht hektisches Schalten überflüssig. Ein feiner Cruiser-Antrieb mit gepflegten Manieren ist dieser luft-/ölgekühlte V2, der seine mächtigen Zylinder so unübersehbar in den mit bis zu 180 km/h vorbeirauschenden Fahrtwind reckt.

Unübersehbar sind auch die zahlreichen Karbon-Applikationen an der MGX-21. „Nein, wir machen keinen Fake!“, versichert Chefingenieur Francesco Marchetta. Was aussieht wie kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff ist auch CFK, wenn auch nicht aus dem Autoklaven, sondern aus der etwas preisgünstiger produzierenden Presse. Insgesamt rund 280 neue Teile waren nötig, um auf der technischen Basis der California 1400 die MGX-21 entstehen zu lassen. Um das bei langsamer Kurvenfahrt zum plötzlichen Einklappen neigende 21 Zoll-Vorderrad im Zaum zu halten, holte Marchetta einen speziellen, längs eingebauten Lenkungsdämpfer an Bord. Fahren im Schritttempo ist auch damit nicht gerade ein Vergnügen. Bei höherem Tempo kann man die Festung durchaus „fliegen“ lassen: Die Schräglagenfreiheit vom immerhin 35 Grad ermöglicht reichlich Kurvenspaß; selbst Haarnadelkurven lassen sich flüssig absolvieren. Die Bremsanlage mit roten Zangen im karbondesignten Vorderrad überzeugt nicht nur optisch.

Und Reisen? Nun ja, das mag gehen bei Leuten, die allein mit Scheckkarte und Zahnbürste auskommen; die Seitenkoffer sind schmal. Ihre CFK-verzierten Deckel durch voluminösere Exemplare zu ersetzen, wie sie gerade in Entwicklung sind, könnte helfen. Ob dann aber mehr als drei Kilogramm Zuladung je Koffer gestattet werden? Geschenkt. Eine Moto Guzzi MGX-21 kauft man nicht als Ersatz für eine BMW GS. Sondern zusätzlich. So ein ausgeflipptes Motorrad haben die Bayern nämlich nicht im Programm.

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