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Geiz-ist-geil-Abzockmentalität ohne Unrechtsbewusstsein?

| Autor / Redakteur: Jan Rosenow / Dipl. sc. Pol. Univ. Stephan Maderner

Aus dem Tagebuch des »bike und business«-Chefredakteurs (Kalenderwoche 19/2015/II), diesmal verfasst von dessen Stellvertreter Jan Rosenow. Ein aktuelles Stimmungsbarometer aus Handel und Industrie rund um Motorrad, Roller und Quad/ATV – ein Radar, das Branchentrends von morgen auf dem Schirm hat.

Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin. Da dieser in Urlaubt weilt, tut dies diesmal sein Kollege Jan Rosenow für ihn.
Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin. Da dieser in Urlaubt weilt, tut dies diesmal sein Kollege Jan Rosenow für ihn.
(Foto: Ducati/Collage: Elisabeth Haselmann)

Würzburg, den 8. Mai 2015 – Chefredakteur Stephan Maderner hat sich für zwei Wochen in den Urlaub begeben und erkundet das Baltikum – per Bus! Ist es das Alter? Aber wer sich tagein, tagaus mit Themen rund um das motorisierte Zweirad beschäftigt, der darf im Urlaub der Fokus gern auf etwas anders richten – ich bin mir sicher, viele von Ihnen tun das auch. Und aus dem Alter einer Person auf ihr Verhalten zu schließen, funktioniert heute sowieso nicht mehr. Darauf verweist ein Leser dieses Newsletters in seiner Reaktion auf die letzte Aussendung und die dort verwendeten Zitate von Bernd Frielinghaus (www.einspurliebe.com). Mit den Kernaussagen des Marketing- und Vertriebsberaters aus Mönchberg ging der Leser, der sein Geld mit dem Ersatzteilhandel für Oldtimer verdient, nicht vollständig konform – um es mal vorsichtig auszudrücken.

Aber lesen Sie selbst: „Die jungen Kunden und mittlerweile auch die Alten zelebrieren eine Kaufverweigerungshaltung erster Güte. Der Fachhandel wird missbraucht für technische Anfragen und Problemlösungen, und der Rest läuft übers Netz. Der billigste Preis mit der meist miesesten Qualität bekommt dann den Zuschlag. Das Fernabfrage- und Fernabsatzgesetz erledigt dann mit den Umtauschorgien den Rest. Ich stelle eine Verrohung erster Güte unserer Kunden in den letzten zehn Jahren fest, eine Geiz-ist-Geil-Abzockmentalität ohne Unrechtsbewusstsein. Dabei sollte man auch nicht die vielen Schwarzhändler vergessen, die als Privatverkäufer getarnt auf den einschlägigen Verkaufsplattformen ihr Unwesen treiben und dort Ihre Teile jeglicher Art am Fiskus vorbei verkaufen.“

Der Ärger des Kollegen ist sicherlich verständlich. Leider hilft es auch nicht, zu wissen, dass viele, vor allem große Internethändler eigentlich nicht wirtschaftlich sind: Sie leben von den Einlagen ihrer Investoren und erkaufen sich mit Billigangeboten und massiver Werbung einen Markt in der Hoffnung, irgendwann alle Konkurrenten verdrängt zu haben. Erst dann denken sie darüber nach, wie sie ihr Geschäftskonzept so verändern können, dass sie auch Geld verdienen. Für die Konkurrenten, die das die ganze Zeit tun mussten, ist es dann meistens zu spät. Aber auch viele Internetunternehmen gehen sang- und klanglos wieder ein, wenn die Investoren irgendwann eine Rendite sehen wollen.

Ein schönes Beispiel ist die Reifenplattform Tirendo: Mit großem Brimborium gestartet, Formel-1-Held Sebastian Vettel als Werbeträger eingekauft, im hippen Berlin ein großes Team aus Software- und Vermarktungsprofis aufgebaut und sich in einem schrumpfenden Markt als Preisführer etabliert – bei dieser Kombination würden doch bei jedem traditionell wirtschaftendem Unternehmer alle Alarmglocken schrillen. Und es kam, wie es kommen musste: Heute ist Tirendo im Besitz des Konkurrenten Delticom, der größte Teil des Personals wurde abgebaut und das Geschäftsmodell offiziell als gescheitert erklärt.

Auch wenn so etwas immer mal wieder vorkommt, ändert das nichts an den grundsätzlichen Trends in der Gesellschaft. Weder wird das Internet verschwinden, noch wird sich die Mentalität der Kunden wieder prinzipiell ändern. Es bleibt das harte Brot der mittelständischen Unternehmer, jeden Tag den Kunden aufs neue davon zu überzeugen, dass man der richtige Ansprechpartner für das Motorrad, das Zubehör, die Bekleidung und den Werkstattservice ist – off- und immer häufiger auch online. Dafür wünsche ich Ihnen viel Kraft.

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