Großglockner-Frühjahrs-Schneeräumung: Massive Rotation

Schneereicher Winter zeigt sich widerspenstig

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Viktoria Hahn

Seit Ende April ist die Großglockner Hochalpenstraße wieder befahrbar.
Seit Ende April ist die Großglockner Hochalpenstraße wieder befahrbar. (Bild: SP-X/Ulf Böhringer)

Die Großglockner Hochalpenstraße ist bereits wieder geöffnet, doch zeigt sich der schneereiche Winter widerspenstig: Die Schneewände sind noch immer mehrere Meter hoch und die beliebte Gletscherstraße ist noch nicht permanent befahrbar.

Zwei Wochen bereits ist es her, dass die Großglockner Hochalpenstraße nach halbjähriger Winterruhe wieder geöffnet worden ist. Endgültig zurückgezogen hat sich der so schneereiche Winter 2017/2018 aber nicht: Noch immer ist die erst seit Mittwoch dieser Woche geöffnete Gletscherstraße zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe (2.369 m) nicht ganztags befahrbar: Wegen der im Laufe des Tages mit zunehmender Erwärmung steigenden Lawinengefahr ist die knapp neun Kilometer lange Abstecher zur Pasterze, Österreichs bekanntestem Gletscher, täglich ab 15.30 Uhr für alle Fahrzeuge gesperrt. Derzeit ist unklar, wann alle Streckenabschnitte der 1935 eröffneten Panoramastraße uneingeschränkt befahrbar sein werden.

Vor gut 14 Tagen herrschte sogenanntes „Kaiserwetter“: Keine Wolke verzierte den tiefblauen Himmel über dem Großglockner-Massiv. „Eisbändiger“ und „Jörgen“ kämpfen sich von Norden in die Hochgebirgsregion vor, „Ander“ stößt von Süden her in die eisige Höhe vor. Ihnen ist heiß: Die jeweils drei Dieseltriebwerke laufen unter Volllast, Stunden und Tage. Es ist etwa 10.30 Uhr am 26. April, als Peter Embacher, Chef der Schneeräumung an der Großglockner Hochalpenstraße, in fast 2.500 Metern Höhe das Kommando zum Stoppen der insgesamt neun Motoren gibt: Bis auf einen Meter Abstand sind zwei der drei stählernen Ungetüme, seit heuer nach menschlichen Maßstäben im Rentenalter, aufeinander zugefahren und haben dabei tonnenweise Schnee zur Seite geschleudert. 17 Tage haben die beiden Räum-Teams gebraucht, um die Großglockner Hochalpenstraße bis hinauf zum Hochtor-Tunnel in 2.504 Metern Höhe vom vielen Schnee dieses Winters zu befreien und wieder befahrbar zu machen.

Wer angesichts der enormen Schneefälle des vergangenen Winters erwartet hatte, dass derzeit unglaublich hohe Schneemauern die Ränder der Panoramastraße zieren, wundert sich – bis ihm klar wird, dass auf die Rekordschneefälle ein Rekord-April gefolgt ist. „Die extrem warme Witterung hat sehr stark dazu beigetragen, dass wir in diesem Frühjahr nicht länger für die Frühjahrs-Schneeräumung gebraucht haben als in den letzten Jahren“, sagt Peter Embacher, seit Jahrzehnten am Großglockner für die Schneeräumung verantwortlich. Lachend fügt er hinzu: „Manchmal kam es uns vor, als schmelze der Schnee unter den Schneeräum-Maschinen förmlich weg.“ Um sieben bis zehn Zentimeter täglich hat die massive Schneedecke in den letzten Wochen abgenommen. Das ist auch der Grund dafür, dass die Schneewände entlang der nun wieder frei befahrbaren Hochgebirgsstrecke zwar über viele Kilometer mehrere Meter hoch, aber nicht total extrem sind: Für 1978 stehen stellenweise bis zu 21 Meter tiefe Straßenschluchten in den Aufzeichnungen der Straßengesellschaft; damals wurden 800.000 Kubikmeter Schnee entfernt.

Um Zeit zu sparen, werden zumeist um den 10. April herum die beiden Bauhöfe in Heiligenblut/Kärnten und Fusch/Salzburger Land gleichzeitig tätig. „Die zwei Trupps zu jeweils sieben bis acht Personen arbeiten sich parallel von Süden und Norden aufeinander zu“, erklärt Embacher das Vorgehen. Erst legt ein hundertprozentig ortskundiger Mann mittels Langlaufski eine Spur, wobei er sich an den bis zu zwölf Meter hohen Holz-Markierungsstangen orientiert, die jeden Herbst auf der Talseite der Straße befestigt werden. Dann ist eine Schneeraupe dran und hinterlässt klar erkennbare Abdrücke im Schnee. Diese dient den blauen Riesen als Markierung. Jeweils einen Meter Höhe pro Fahrt tragen die Geräte ab; an Hängen mit großen Schneeverfrachtungen können auch mal zwölf Durchgänge nötig werden. Vielfach regelbare Hubsysteme vermögen Schräglagen auszugleichen und Wellen beim Räumen zu vermeiden.

Die vier noch im Einsatz befindlichen Rotations-Schneefräsen sind eine Spezialentwicklung für die Großglockner Hochalpenstraße; ersonnen hat das System mit den drei unabhängig voneinander arbeitenden 125 PS-Motoren – zwei treiben die beiden Schneeschleudern an, einer sorgt für den Vortrieb der Maschine Franz Wallack, Erbauer der 1935 fertiggestellten Panoramastraße. 1953 wurden die 15 Tonnen wiegenden Rotationsfräsen System Wallack bei Voest Alpine in Linz gebaut; seither laufen sie weitgehend problemlos, erfordern aber angesichts ihres Alters einen hohen Wartungsaufwand. Bis zu 40 Meter weit wird der Schnee ausgeworfen; je nach Geländebeschaffenheit zur Berg- oder Talseite. „An die 700.000 Kubikmeter Schnee haben wir auch heuer wieder von den Straßen und Parkplätzen entfernt“, bilanziert Embacher. Auf einen Güterzug geladen, müsste dieser etwa 250 Kilometer lang sein.

Die blauen Ungetüme parken derzeit an verschiedenen Stellen der Hochgebirgs-Panoramastraße, um nach heftigen Schneefällen ohne lange Anfahrt wieder aktiv werden zu können. „Es ist keineswegs unüblich, dass unsere Oldies Ende Mai oder Anfang Juni nochmal raus müssen“, sagt Embacher. Die vier blau lackierte Rotations-Schneefräsen sind das technische Rückgrat der Straßenverwaltung für die Frühjahrs-Schneeräumung. Sie sind heuer 65 Jahre alt geworden, werden aber wohl kaum demnächst in den Ruhestand gehen. „Sie sind weiterhin in höchstem Maße funktional wie zur Zeit ihrer Inbetriebnahme im Jahr 1953“, sagt Embacher. Seit 9. April waren sie heuer im Einsatz.

Waren in den Jahren nach der Fertigstellung noch 350 Männer etwa 70 Tage mit Schaufeln im Einsatz, genügten Anfang der 1950er Jahre sechs Schneefräsen und 100 Männer, um in 50 Tagen die Straße zu räumen. Seit Wallacks Erfindung bedarf es etwa 15 Personen und nur selten mehr als 20 Tage vom Start der Frühjahrs-Schneeräumung bis zur Verkehrsfreigabe. Damit ist die saisonale Nutzungsdauer der Straße deutlich angewachsen.

Mit ursächlich für die kurze Räumzeit ist die ausgezeichnete Konstruktion der Rotations-Schneefräsen: Ihre Bedienung ist einfach, ihre Manövrierfähigkeit sehr hoch. Dass Diplomingenieur Wallack, der die Straße geplant und ihren Bau während der Jahre 1930 bis 1935 geleitet hat, sich bei diesen Maschinen auch um Details gekümmert hat, bezeugen beispielsweise die kreisförmigen, rotierenden Scheiben an der Front des Führerstandes; sie garantieren stets freie Durchsicht. Auch die Steigfähigkeit ist mit 60 Prozent beachtlich. Zugleich gehen sie mit der Asphaltschicht der Straße recht pfleglich um und erreichen trotz ihres Kettenantriebs bei Überstellungsfahrten durchschnittliche Fahrgeschwindigkeiten von bis zu 11 km/h.

Weitere Infos zur Großglockner Hochalpenstraße:

Straßenlänge: 47,8 Kilometer von Bruck/Glocknerstraße bis Heiligenblut, 27 Kehren.

Mautstrecke: zwischen Ferleiten (1.145 m) und Tauernalm (1.680 m); 25 Serpentinen, 29,3 Kilometer.

Tagestickets 2018: Pkw 36 Euro, Motorrad 26 Euro; 30-Tage-Tickets 56 bzw. 45 Euro.

Freigabe 2018: Durchzugsstrecke seit 28.4.2018 befahrbar, Stichstraße zur Edelweißspitze (2.571 m, 7 Kehren, 1,6 km) inzwischen ebenfalls geöffnet. Stichstraße zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe (2.369 m., 3 Kehren, 8,7 km) momentan täglich ab 15.30 Uhr wegen Lawinengefahr gesperrt.

Nachtsperre: vom 1. Juni bis Ende August 21.30 bis 5 Uhr. Bis 31. Mai 20 bis 6 Uhr, ab 1. September 19.30 bis 6 Uhr. Letzte Einfahrt 45 Minuten vor der Nachtsperre!

Wintersperre 2018: Ende Oktober.

Bauzeit: September 1930 bis August 1935; bis zu 3.200 „Glockner-Baraber“ waren gleichzeitig tätig.

Besucher: In den letzten Jahren meist ca. 900.000 pro Saison (Mai bis Oktober).

UNESCO-Welterbe-Liste: Verfahren zur Aufnahme 2017 in Gang gesetzt.

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