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GTÜ: Die Zeiten des Marlboro-Mannes sind vorbei

| Autor / Redakteur: Alexander Gruber / Dipl. sc. Pol. Univ. Stephan Maderner

Die Best Ager zwischen 50 und 70 sind beim Motorradkauf oft auf der Suche nach den Motorrädern ihrer Jugend. Doch sind die Oldtimer für solche Kunden die beste Wahl?

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Hermann Schenk, GTÜ: „Wie kann ich mit Oldtimern Business machen? Emotionen wecken bei den Best Agern!“
Hermann Schenk, GTÜ: „Wie kann ich mit Oldtimern Business machen? Emotionen wecken bei den Best Agern!“
(Bild: J. Untch/»bike und business«)

Ein kurzer, kräftiger Zug am Gashebel, schon heult die Maschine auf und schnellt hinter dem Lkw hervor, hinein in die Gegenfahrbahn. Schon vor der nächsten Kurve kommt wieder Gegenverkehr, aber für die schnittige Maschine ist das kein Problem – der Lkw war nach wenigen Sekunden überholt. „Die hat schon gut Bums gehabt“, erinnert sich Hermann Schenk an seine BMW R 80. „Das Fahrverhalten war aber auch wie eine Gummikuh“, lacht er und streicht sich über seinen angegrauten Schnurrbart, „damit könnte ich heute nicht mehr fahren“. Früher, als junger Prüfingenieur hat sich Hermann Schenk für einen Termin außerhalb kurzum auf sein Motorrad geschwungen. „Damit bin ich auch auf der Landstraße schnell vorangekommen, da konnte ich einfach die Lücken ausnutzen“, sagt er.

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Hermann Schenk, Prüfingenieur bei der GTÜ, gehört definitiv zur Kategorie „Benzin im Blut“. Wenn er anfängt, von Motorrädern zu erzählen, ist man nach kurzer Zeit der festen Überzeugung, er hätte Schraubenschlüssel anstatt Knochen im Körper. Doch Schenk ist Realist: Er weiß, dass es Knochen sind, keine Schraubenschlüssel – und dass die auch brechen können. Deshalb hat er sich schon vor über 20 Jahren schweren Herzens von seiner „Gummikuh“ getrennt. Doch jetzt, im Angesicht der baldigen Rente, wird die Faszination Motorrad wieder größer. Die Traum-Motorräder von damals sind sehr wartungsanfällig aber man selbst wird mit dem Alter immer bequemer: „Da braucht man viel Zeit, Passion und Geschick für solche Maschinen“, sagt Schenk. „Für meine nächste Maschine will ich schon Windabweiser und Griffheizung“.

So wie Hermann Schenk geht es vielen der sogenannten Best Ager, der Altersgruppe ab 50 Jahren. Der Wunsch nach Freiheit, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen und den Alltag um sich herum zu vergessen, das treibt immer mehr Best-Ager zu Motorradhändlern, mit dem Wunsch, ihren Jugendtraum wiederzubeleben. Doch nicht nur ihre Fahrer, auch die Maschinen selbst sind älter geworden. Ersatzteile sind rar und die Ausfahrt am Samstagnachmittag wird oft durch Werkeln in der Garage ersetzt, weil die Mühle wieder nicht anspringt. Für Händler und Werkstätten ist das Geschäft mit den Oldtimern aufwendig. Oft hat auch das jüngere Personal keine Erfahrung mehr mit der alten Technik. Auf die Oldtimer muss man sich einlassen, so Hermann Schenk. Als Prüfingenieur bei der GTÜ saß er schon auf so gut wie jeder Maschine – und die haben alle ihre Tücken. Besonders in Erinnerung geblieben ist Schenk die Yamaha XT 500, als Enduro-Maschine in den späten 70ern und den 80ern äußerst beliebt: „Wenn man da den Kickstarter nicht richtig durchdrückt“, erzählt Schenk, „dann schlägt der zurück. Als junger Prüfingenieur hatte ich oft einen großen blauen Fleck an der Wade, heute wäre vielleicht mein Wadenbein gebrochen.“

Als Prüfingenieur sieht Hermann Schenk auch noch das Risiko von älteren Fahrern mit wenig Erfahrung auf Oldtimer-Maschinen: „Wenn ich mit einem neuen Motorrad eine Vollbremsung machen muss, dann trete ich einfach in die Bremse rein und sag, so Elektronik, regle mir das!“ Die alten Bikes ohne ABS erfordern dagegen viel Übung im Dosieren der Bremswirkung. Die habe der Best-Ager eben meistens nicht, sagt Schenk. Neue Motorräder können mit ihren diversen Assistenzsystemen auch Fahrer, deren Erfahrung schon einige Jahrzehnte zurückliegt, optimal unterstützten.

Hermann Schenk empfiehlt den Motorradhändlern, auf ihre Kunden zuzugehen um zu erkennen wonach sie suchen. Meist sind dies eben Bikes von damals: die MZ Trophy ES250/2 oder die Benelli 750 zum Beispiel. Mit denen könne man Emotionen wecken. Glücklich werden die Best Ager allerdings am ehesten mit neueren Maschinen, die mehr Annehmlichkeiten bieten, sagt Schenk. Er empfiehlt den Händlern, sich ausgesuchte Oldtimer zum Locken der Kunden in den Showroom zu stellen. Mit den Best Agern müsse man dann aber das Gespräch suchen, denn vielen sei das Risiko von Oldtimern, insbesondere als älterer Fahrer, nicht bewusst. Letztendlich überwiegen dann oft die Annehmlichkeit einer Sitzheizung oder eines ABS die emotionalen Reize der Oldtimer.

Sowohl Oldtimer-Fahren als auch Oldtimer-Reparieren bleibt also etwas für die Hartgesottenen mit viel Leidenschaft. Die breite Masse der Motorradliebhaber sucht dagegen im Alter meist ein bequemeres Bike, um die Freiheit auszuleben – stellen sich dabei aber noch immer die Oldies aus der Vergangenheit vor. Motorradhändler müssen also mit viel Geschick auf Kunden in dieser Altersklasse zugehen, um die richtige Maschine für sie zu finden.

Hermann Schenk freut sich schon darauf, sich auf ein neues Bike zu setzen: „Die Zeiten des Marlboro-Mannes sind inzwischen vorbei. Früher war es mir egal, wenn meine Finger an den Griffen festgefroren sind.“ Beim Motorradfahren ist Hermann Schenk mit den Jahren bequemer geworden. „Ich will einfach in die Garage gehen, den Anlasser drücken und dann soll die Maschine anspringen.“ Die Freiheit auf zwei Rädern fühlt sich mit warmen Fingern und schnurrendem Motor sowieso viel besser an.

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