Guter Kapitalismus, schlechter Kapitalismus

Autor / Redakteur: Rolf Röhrig / Dipl. sc. Pol. Univ. Stephan Maderner

Renditegesteuerte Vertriebssysteme, Internetpräsenzen, gigantische Versicherungs- und Bankkonglomerate ohne Moral und Anstand – und wo bleibt der mittelständische Zweiradunternehmer?

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(Bild: ©evan_ers/Fotolia.com [M] – Haselmann)

Es ist ja mal wieder interessant, dass das Thema „Bank versus Unternehmer“ es doch unregelmäßig schafft, in Ihren Newsletter zu kommen. Auch ich kann als Handwerksmeister im Zweiradhandwerk davon ein „Liedchen singen“. Meine gut 16-jährige Erfahrung als Selbstständiger in dieser Branche lassen in Bezug auf meine immer schon angespannte Verbindung mit den Banken grundsätzlich nur noch den Schluss zu, dass diese sich keinen Deut um regionales (Klein-)Handwerk scheren und diese im Falle der „Begleitung“ am liebsten auspressen wie eine matschige Orange.

Ich habe durch persönliche/geschäftliche Entwicklungen bisher drei Standorte mit meinem Handwerksbetrieb beackert. Details dazu würden hier zu weit führen – es waren letztlich doch alles irgendwie wieder „Neuanfänge“, die sich alle durch souveränes handwerkliches Arbeiten wieder stabilisiert haben, selbst wenn auch auf relativ geringem Niveau.

Apropos Niveau: Das nimmt ja auch kein Wunder, denn wenn man nicht über ein reiches Elternhaus oder eine Ehefrau mit Immobilie verfügt und „nur zur Miete lebt“, ist man in diesem Landland ja ohnehin schon benachteiligt!

Das unbegleitete Handwerk

Angefangen mit dem Zustand, für gesellschaftlich vordergründig gepriesene Weiterbildung tief in die Tasche greifen zu müssen (Meisterschulen-BaföG!), über das durch die Bank „Maximal-Risiko-zinsbegleitete“ Existenzgründungsdarlehen, die ständigen Querelen mit dieser um hochbezinste Kontokorrentrahmen, bis hin zum Nichtgewähren eines solchen Rahmens, sprich: Guthabenkonto! Sieht so eine zukunftsträchtige Begleitung des Handwerks in einer hochentwickelten Gesellschaft aus? Mitnichten!

Mit einem Guthabenkonto schaffe ich es gerade über die Runden. Vielleicht unterstützt der Staat (noch?) den einen oder anderen mit Arbeitslosengeld II über die Wintersaison, alle Kosten müssen mit sehr spitzer Feder durchgerechnet, mögliche Investitionen in Betriebsinventar, geschweige denn Lagerware grandios „vom Munde abgespart werden“.

Keiner in dieser Situation befindliche Handwerker, der mit Inbrunst die nahe Region stützt, kann so mit „Kapital-geführten Vertriebssystemen“ konkurrieren, denen es – oftmals internetgestützt – doch nur rein um Verkaufszahlen und Renditen geht, was letztlich auch wieder die Bank freut.

Würde ich nicht betrieblich wie privat regelmäßig Mietzins zahlen, würden nicht Banken und Versicherungen etc. schön und mit regelmäßig steigender Tendenz an meinem sauer erarbeiteten Erlös „partizipieren“, würde es mir wahrscheinlich in diesem Land ganz brauchbar gehen – auch trotz der vielen „bevormundeten Konsumenten“, die man/frau noch in meiner Generation als „Verbraucher“ titulierte und damit direkt implizierte, dass sie „gebildet“, wenigstens jedoch „informiert“ und – wenn es besonders gut lief – auch „kritisch“ sind.

Über allem stand aber schlicht lange Zeit die Fairness im Umgang miteinander, womit wir beim Kern unserer Gesellschaft angekommen wären.

Über Moral und Anstand

Uns haben rein renditegesteuerte Vertriebssysteme, Internetpräsenzen, gigantische Versicherungs- und Bankkonglomerate ohne Moral und Anstand (ach so, ich vergaß: was hat Moral denn eigentlich im Kapitalismus zu suchen?) dahin gebracht, wo wir Klein-Handwerker mitMoral und Anstand eigentlich nie hin wollten: an den Rand eben dieser Gesellschaft und an den Rand des persönlichen Ruins.

Es gibt – auch das ist die Wahrheit ! – keine noch so kleine Institution mehr, die das noch ändern wollte oder könnte. HWK, IHK, Zentralverbände noch und nöcher – alles nur noch zahnlose Tiger, die mit „Stuhlfürzen“ und den teilweise zwanghaft eingetriebenen „Mitgliedsbeiträgen“ lediglich sich selber über Wasser halten, ohne weiteres Anspruchsdenken an eine schon lange erodierende Gesellschaft.

Was erschließt sich uns daraus im Klein-Handwerk? Das einzig Richtige: rigide Kostenreduktion, reduzierte Bestellungen bei den Lieferanten, minimierte Lagerbevorratung usw., letzlich auch Abkopplung von Banken und Versicherungen!

Goldene Türme wachsen nicht endlos

„Goldene Türme wachsen nicht endlos – sie stürzen ein“ war mal ein guter Songtext einer Band in den Neunzigern – wie wahr! Erst wenn sich ein Bewusstsein in der Gesellschaft hin zum fairen Umgang miteinander mit fairen Spielregeln und mit regionaler Ausrichtung wieder etabliert hat, hat es wieder Sinn, dieser zu folgen. Ansonsten soll es doch „das Hochregal-Lager von Amazon“ – im Niemandsland auf der grünen Wiese ! – richten; die Bank wird's freuen!

Der Beitrag stammt von Rolf Röhrig, Meister Röhrig Zweiradtechnik, Borsigstraße 3, 40789 Monheim a.R.

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