Harley-Davidson Fat Boy S: Motorradfahren in XXL

Die jüngste Maschine der Familie wird vorgestellt

| Autor / Redakteur: SP-X/Ulf Böhringer / Lena Hofbauer

Etwas teurer, dafür neu aufgemotzt ist die Harley-Davidson Fat Boy S.
Etwas teurer, dafür neu aufgemotzt ist die Harley-Davidson Fat Boy S. (Foto: Markus Jahn/Harley-Davidson)

Harley-Davidson baut erstmals den ganz großen 1801 Kubik-Motor mit über 90 PS aus den CVO-Sondermodellen in ein Großserienfahrzeug ein.

Wir schreiben September 1990: Die Mauer ist bereits gefallen, die DDR wird in etwa vier Wochen Geschichte sein, Deutschland mit dem 3. Oktober einen neuen Nationalfeiertag haben. Zu diesem Zeitpunkt erscheint die Harley-Davidson Fat Boy, Mitglied der Softail-Modellfamilie, deren Vollfettstufe sie künftig quasi ist. 26.950 D-Mark verlangt der Händler für die über 300 Kilogramm schwere Maschine, deren Kennzeichen unter anderem die Leichtmetall-Vollscheibenräder sind. Räder dieser Art, hübsch gelocht, drehen sich auch bei der jüngsten Fat Boy des Modelljahrgangs 2016. Insofern ist Kontinuität gegeben.

Aber statt des 1.338 Kubikzentimeter großen V2-Motors der Evolution-Generation wird in die neue Fat Boy S – erstmals in ein Großserienmodell aus Milwaukee – das 1.801 Kubikzentimeter große Twin Cam 110B-Triebwerk montiert. Die 110-Cubic-Inch-Motoren sind bisher den in limitierter Kleinserie gefertigten Fahrzeugen der Abteilung Custom Vehicle Operations (CVO) vorbehalten gewesen. Ab 22.715 Euro ist die fetteste Fat Boy aller Zeiten zu haben.

Sprechen wir gleich noch ein bisschen mehr übers Geld. Die knapp 23.000 Euro sind viel Geld – einerseits. Andererseits liegt der Preis der Fat Boy S damit lediglich um 1.200 Euro über dem des Standardmodells. Dessen motorische Kennzahlen: 1.690 Kubikzentimeter Hubraum, 79 (statt 92) PS, vor allem aber nur 132 Nm maximales Drehmoment statt der 146 des XXL-V2-Motors der S-Klasse. Es ist mehr dieser Wert, der für die nutzbare Kraft steht als die höhere Nominalleistung, die den ganz speziellen Charakter der Fat Boy S ausmacht: Das Ding zieht dir beim vollen Öffnen der 46 Millimeter messenden Drosselklappen in fast jedem Drehzahlbereich die Arme lang. Trotz der weit über 400 Kilogramm, die – das Gewicht des Fahrers ist mitgerechnet – beschleunigt werden müssen.

Ja, Gasgeben macht Spaß bei der Fat Boy S. Das mächtige Triebwerk – jeder Zylinder weist beinahe Maßkrug-Größe auf – dreht leichtfüßig hoch, keine Spur von Behäbigkeit, auch wenn natürlich bei dem Großkolbenmotor gilt: „In der Ruhe liegt die Kraft“. Aber eben nicht nur. Die Urmutter aller Cruiser, denn um das handelt es sich bei der Fat Boy, beherrscht diese Art der Fortbewegung vorzüglich: In dieser S-Klasse genügen etwa 2.300 Kurbelwellen-Umdrehungen, um mit 100 km/h durch die Landschaft zu gleiten. Volle Leistung wird bei rund 5.000 Touren geliefert, bei 5.600/min. greift der Drehzahlbegrenzer ein. Maximal sind übrigens 195 km/h möglich, ein theoretischer Wert klarerweise, der bei der ersten Fat Boy im Jahr 1990 noch bei 145 km/h lag.

Neu an der Fat Boy S ist auch der serienmäßige Tempomat, wie ihn einige Modelle der Softail-Baureihe ab 2016 aufweisen. Wenn er ähnlich gut funktioniert wie Harleys automatische Blinkerrückstellung, dann ist das eine nützliche, gerade beim Cruisen sehr angenehme Sache. Die geringe Bodenfreiheit in Verbindung mit den weit auskragenden, geschwungenen Trittbrettern fordert ihren Tribut in Form von einer ziemlich beschränkten Schräglagenfreiheit; kratzen die Trittbretter, ist das absolute Ende erreicht, denn hier gibt nichts nach. Das kann die Fat Boy S nur beschränkt.

Man muss sich als Fahrer auf diese Besonderheit einstellen und stets die weite Linie suchen. Hartes Abwinkeln ist nicht hilfreich. Es wird auch durch die sehr breiten Reifen (vorne 140, hinten 200 Millimeter) nicht gerade erleichtert. Dennoch ist die Lenkpräzision gut und das Einlenken fällt immerhin nicht wirklich schwer, schon des breiten, angenehm anzufassenden Lenkers wegen. Insgesamt gefällt das Fahrwerk der Fat Boy S durchaus. Entgegen der Starrrahmen-Optik federt und dämpft es im vorgegebenen Bereich der Federwege (hinten nur 86 Millimeter, vorne 130 Millimeter) sehr ordentlich. Die zwei Federbeine sind übrigens liegend unterm Getriebe versteckt und werden auf Zug belastet.

Zufrieden kann man auch mit den Bremsen sein: Die für starkes Verzögern nötige Handkraft ist zwar beträchtlich, aber man kriegt den Vorderreifen durchaus zum Wimmern, bei leicht reduziertem Grip auch in den Regelbereich des ABS. Dieses regelt ausreichend feinfühlig. Vor allem trägt die große hintere Scheibenbremse angesichts der Hecklastigkeit der Fat Boy S eine Menge zur Verzögerungsleistung bei. Nichtsdestotrotz wäre eine Doppelscheibenbremse im Vorderrad wünschenswert.

Der Kauf einer Fat Boy S ist in finanzieller Hinsicht keine Kleinigkeit, aber er deutet auch nicht auf Verschwendungssucht. Denn insbesondere die Fat Boy ist seit Jahren eines der werthaltigsten Modelle des gesamten Motorradmarktes. Auch diesbezüglich wird die Fat Boy S ihren Vorfahren getreulich folgen. Genau wie bei den Vollscheibenrädern, der vollfetten Optik und der doppelflutigen Dual Shotgun-Auspuffanlage; sie wird jetzt in Jet Black geliefert. Was der weitgehend matt geschwärzten Fat Boy S vorzüglich steht und „bösen Buben“ bestimmt imponiert.

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