Harley-Davidsons Elektro-Schocker

Fahrbericht der Livewire

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Viktoria Hahn

Die Reichweite einer Batterieladung wird in hügeliger Gegend in der Praxis 150 Kilometer kaum übersteigen.
Die Reichweite einer Batterieladung wird in hügeliger Gegend in der Praxis 150 Kilometer kaum übersteigen. (Bild: Harley-Davidson)

Harley-Davidson bringt als erster renommierter Hersteller mit der Livewire ein Elektro-Motorrad auf den Markt und überrascht mit einem veritablen Sportbike.

Fünf lange Jahre arbeiteten die Entwickler von Harley-Davidson am ersten elektrisch angetriebenen Motorrad in der bald 120-jährigen Geschichte der Motor Company. Die erste Ausfahrt zeigt: Die Livewire ist ein veritables Sport- und Genussbike geworden, das mit agilem Fahrverhalten und überlegenen Fahrleistungen punkten kann.

Keine Quadratur des Kreises

Zielgruppe sind finanziell gut gestellte Städter. Denn die Quadratur des Kreises hat, wie schon Zero und Energica, auch Harley-Davidson nicht vollbracht: Die Reichweite einer Batterieladung wird in hügeliger Gegend in der Praxis 150 Kilometer kaum übersteigen, was ungefähr zwei bis zweieinhalb Stunden engagierter Landstraßenfahrt entsprechen dürfte. Wer mindestens 32.995 Euro für eine Livewire ausgibt und sich nicht mit der sogenannten Hausstrecke begnügen will, muss demzufolge ein Freund gelegentlicher Pausen und ein Genie im Auffinden von nicht belegten Schnellladestationen sein. Oder aber er ist ohnehin ein aufs urbane Leben fixierter Stadtmensch, der sein Vergnügen im Nahfeld sucht.

Am Hinterteil scheiden sich die Geister

Über die Formgebung der Livewire gibt es nicht viel zu diskutieren: Sie sieht gut aus. Von vorne und von der Seite allemal, am Hinterteil scheiden sich die Geister. In jedem Fall aber ist das Design eigenständig. Auch die Verarbeitung der noch zur Vorserie zählenden Testbikes ist schon ziemlich überzeugend; bis zum Serienanlauf in den nächsten Tagen wird noch Feinarbeit geleistet.

Statt grölendem Auspuff gibt's Düsenjet-Sounds

Viele Gedanken hat man sich in Milwaukee auch über eine markengerechte Soundkulisse gemacht. Das Ergebnis ist ein sich mit der Fahrgeschwindigkeit steigernder Pfeifton, der nach Herstellermeinung an einen Düsenjet erinnert. Stärker ins Herz soll aber der künstliche Herzschlag treffen, der dann einsetzt, wenn das Motorrad startbereit ist: Ein leichtes Pulsieren dringt bis in des Fahrers Gesäß vor. Niemand soll sagen können, ein E-Antrieb sei eine seelenlose Sache.

In drei Sekunden über 95 km/h

Emotional weitaus packender ist freilich das Fahrgefühl auf der Landstraße. Die mattgelbmetallic lackierte Testmaschine geht ab wie von einem Katapult geschossen. Vom ersten Meter an steht das volle Drehmoment von 116 Newtonmetern zur Verfügung, und das bedeutet ein Andante furioso beim Beschleunigen: Gerade mal 3 Sekunden gibt die Motor Company für den Spurt aus dem Stand auf 96,5 km/h an, weitere 1,9 Sekunden soll es dauern, bis Tempo 128 erreicht ist. Wir zweifeln nicht an diesen Werten; im Verbrenner-Segment sind dafür Motorleistungen von rund 200 PS Voraussetzung.

Beschleunigungsorgien dieser Art erfordern mangels Getriebe weder Kuppeln noch Schalten. Zum Glück ist die Brembo-Dreischeibenbremsanlage jeder Herausforderung gewachsen. Ergänzt wird das ausgezeichnete Bremssystem von einem Bosch-Stabilisierungssystem, das neben einer Traktionskontrolle auch eine Wheeliekontrolle, ein Kurven-ABS und eine Hinterrad-Abhebeerkennung umfasst, wie es heute üblich ist.

Flüsterleise und ruckfrei

Mindestens so eindrucksvoll wie lustvolles Schnellfahren ist Bummeln mit der Livewire. Flüsterleise und vollkommen ruckfrei gleitet das 249 Kilogramm wiegende E-Bike mit jedem gewünschten Tempo voran. Stop-and-Go in der City ist ein Leichtes, und die sonst oft lästige Motor-Abwärme vor der roten Ampel gibt’s angenehmerweise auch nicht. Zudem fällt in Situationen wie dieser das Plaudern mit dem Nebenmann oder der Sozia leichter, denn keine einzige Motor-Explosion stört das Gespräch.

Und dann ist da ja auch noch die Fahrdynamik der Livewire. Sie kommt auch deshalb gut rüber, weil sie dank feiner japanischer Showa-Komponenten ein quasi europäisches Fahrwerk aufweist: Straff, präzise, agil und stabil. 45 Grad gibt Harley als Schräglagen-Maximum an, und es wirkt ganz so, als würde die Livewire nach solchen Grenzwerten gieren. Auf gleich hohem Niveau bewegt sich die elektronische Ausstattung: Vier vorkonfigurierte Fahrmodi werden von drei individuellen Modi ergänzt. Mal wird mehr, mal weniger Leistung freigegeben, mal mehr, mal weniger rekuperiert.

Alle Spielarten der Konnektivität

Selbstverständlich beherrscht das 4,3 Zoll-TFT-Display die heute gängigen Spielarten der Konnektivität, integriert also Musik, Navigation und Telefonie. Natürlich gibt es umfassende, gut ablesbare und damit verständliche Anzeigen für den Zustand bzw. die Belastung der 15,5 kWh-Batterie. 13,6 kWh davon sind nutzbar. Der erste Test in Portland/Oregon war auf 65 Meilen angesetzt, und nach diesen 100 Kilometern sehr gemischten Betriebs ohne einen Meter Autobahn waren knapp zwei Drittel des Energievorrats aufgebraucht.

Das Problem mit den Ladesäulen

Das Wiederaufladen des Akkus ist grundsätzlich einfach: Eine Kabelverbindung genügt. An der Haushaltssteckdose dauert es 12,5 Stunden, bis eine komplett entleerte Batterie wieder hundertprozentig fit ist, an einer Gleichstrom-Schnellladesäule dagegen nur eine Stunde. Aber sie muss erstens vorhanden und darf zweitens nicht belegt sein. Und drittens sollte sie möglichst nicht in einem unwirtlichen Industriegebiet oder an der Autobahn stehen, sondern an einer attraktiven Örtlichkeit, an der man gerne Pause macht. Derzeit dürfte diese Kombination noch selten bis nicht vorhanden sein.

Ab September in Deutschland

Ab September kommt die Livewire auch in Deutschland in den Handel. In zwei auffälligen Matt-Metallicfarben gibt es sie, dazu im unvermeidlichen Schwarz. Ob die mindestens 32.995 Euro für eine schmucklose Live-Wire angemessen sind, entscheiden die Käufer. Angst vor frühzeitiger Akku-Erlahmung ist unangebracht: Fünf Jahre währt die Garantie auf den Energiespeicher, fürs Fahrzeug gelten zwei Jahre.

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