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Henning Putzke: „Corona lässt uns enger mit den Händlern zusammenrücken“

»bike und business«-Exlusivinterview mit Henning Putzke, Leiter BMW Motorrad Deutschland und IVM-Präsident über die Auswirkungen der Coronakrise für die deutsche Zweiradbranche.

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Das Bild stammt von einem Interview im BMW Motorradzentrum München aus dem Jahr 2018: Der folgende Text resultiert aus einem gut halbstündigen Telefongespräch vom 31. März 2020.
Das Bild stammt von einem Interview im BMW Motorradzentrum München aus dem Jahr 2018: Der folgende Text resultiert aus einem gut halbstündigen Telefongespräch vom 31. März 2020.
(Bild: Hermann Köpf)

Wir erreichen Henning Putzke kurz nach 12 Uhr zum vereinbarten Telefoninterview. Der Chef von BMW Motorrad Deutschland nutzt das kurze Zeitfenster in der Mittagspause zwischen der Beendigung der letzten und dem Start der nächsten Skype-Konferenz für ein halbstündiges Gespräch mit der »bike und business«-Redaktion. Informationen für die Fachpresse statt Businesslunch und Salat!

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„Moin, Moin nach Würzburg ins Homeoffice“, meldete sich der in Jever (Friesland) geborene drahtige 50-jährige am Telefon. Als Chef von BMW Motorrad Deutschland und amtierenden IVM-Präsidenten laufen bei dem Manager jetzt, in Zeiten der Corona-Krise mit den operativen Herausforderungen für Werk und Partnerbetriebe die Drähte heiß. Ein tiefgreifender wirtschaftlicher Strukturwandel zeichnet sich ab. Doch von Angst vor den disruptiven Verwerfungen der Pandemie und Chaos keine Spur bei Henning Putzke. Der gelernte Wirtschaftsingenieur mit dem eingebauten Optimismus-Gen will davon nichts wissen – im Gegenteil. „Es begeistert mich, mit welcher Sachlichkeit und wie fakten- und lösungsorientiert und ohne jeden Anflug von Panik überall derzeit nach vorne gedacht wird“, so Putzke. Für ihn das große Thema in diesen Zeiten: „Solidarität“. „Hersteller und Händler rücken enger zusammen, diskutieren über eine konstruktive Zusammenarbeit in der Gegenwart und entwickeln gemeinsame Strategien für die Zukunft, damit wir bereit sind, in der Zeit nach Corona wieder neu durchzustarten.“

Schon immer war ihm in seiner Funktion als Leiter BMW Motorrad Deutschland eine verständnisvolle, fruchtbare und vor allem glaubwürdige Zusammenarbeit mit allen selbstständigen Partnerhändlern und Niederlassungsleitern eine Herzensangelegenheit. Die Corona-Krise sei hierfür der „extra Prüfstein“.

Für Putzke bestehe die Krisenbewältigung aus den drei Säulen „Kommunikation“, „Informationen über Soforthilfen von Bund und Ländern “ sowie „betriebswirtschaftliche Unterstützung durch den Hersteller“.

1. Kommunikation mit Händlern und Kunden– „für mich existenziell“, sagt Putzke. Jeden Tag morgens um neun Uhr gebe es eine Besprechung zur Bewertung der aktuellen Situation. Per Skype wird sich mit den Spitzen des BMW Motorrad-Händlerverbands ausgetauscht , um sich ein Bild über die jeweils aktuelle regionale Lage bei den Betrieben vor Ort zu machen.

Hilfe zur Selbsthilfe zu geben sei jetzt das Gebot der Stunde, dazu fühle er sich als Herstellervertreter schon in normalen Zeiten und erst recht in der Krise den selbstständigen Unternehmern gegenüber verpflichtet. Gefragt sei jetzt „unternehmerisches Geschick“. Es gehe um die Anpassung der betrieblichen Strukturen, das Umschalten auf den operativen Krisenmodus: Minusstunden auf-, Urlaub abbauen, unnötige Ausgaben streichen, den Kundenkontakt im nach wie vor offenen Werkstattgeschäft coronasicher organisieren. Wichtig sei es, den Verkauf wegen der geschlossenen Showrooms verstärkt über die digitalen Kanäle anzubahnen und abzuwickeln. Für elementar wichtig hält Putzke auch, den Kontakt zu den Kunden via Telefon, Newsletter, Homepage und in den sozialen Medien nicht nur aufrecht zu erhalten sondern ihn auszubauen und noch intensiver zu pflegen. „Der Kunde verbringt gerade zuhause viel mehr Zeit online vor dem Bildschirm, geben Sie ihm ein Zeichen, dass Ihr Team noch für ihn da ist“, ruft Putzke seinen Partnern zu.

Viele Händler böten sehr vorbildlich Hol- und Bring-Services und andere Dienstleistungen an. Wichtiger Hinweis für die Betriebe: Selbst in den von Ausgangssperren betroffenen Ländern wie zum Beispiel Bayern sei es legal, dass Kunden, die einen Service für ihre Roller und Motorräder benötigten, ihre Fahrzeuge eigenhändig zur Werkstatt fahren dürften, wenn diese die entsprechend geltenden Hygienevorschriften einhielten. „Ein Kundendienst ist per Definition eine Dienstleistung mit konkretem Reparaturbedarf und somit für das systemrelevante Fahrzeug erlaubt“, sagt Putzke. Kunden könne hier bedenkenlos die Angst genommen werden, sich vielleicht auf eine unerlaubte Fahrt zu ihrem Händler zu begeben (was sie nicht ist). Man müsse allen Endverbrauchern zeigen, dass der Motorradhandel seine Arbeit nicht eingestellt hat und welche zahlreichen Möglichkeiten der geschäftlichen Interaktion noch erlaubt sind. „Wir dürfen schließlich noch Motorräder verkaufen“, so Deutschlands oberster BMW Motorrad-Stratege.

Viele Sympathiepunkte hätten die BMW-Motorradhändler mit der von Putzke angeregten Aktion „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ beim Kunden eingesammelt. Etliche Betriebe gärtnerten mit und die positiv besetzte, Mut machende Initiative ging nicht nur in den sozialen Medien viral.

2. Informationen über Soforthilfen: Der Hersteller unterstützt seine Partner auch bei der Aufklärung über die bestehenden Staatshilfen: Sind die Händler informiert über die für das Gespräch mit den Hausbanken erforderlichen Bonus- und Liquiditätsunterlagen? Wer am BMW Motorrad Händlerbetriebsvergleich teilnehme, habe die Daten per Knopfdruck parat. Mitunter müsse schnell reagiert werden, um unter den Ersten in der Schlange der behördlichen Beantragungen zu stehen. „Fragezeichen über Fragezeichen, auf die Händler dringend Antworten brauchen“, so Putzke.

3. Unterstützung durch den Hersteller: In Zeiten von Corona schlage jetzt die Stunde der Optimierer. Cash-flow und Liquidität stünden im Fokus. Putzke weiter: „Hierauf basierend haben wir seitens BMW Motorrad Deutschland ein umfassendes Hilfspaket mit über zwölf Maßnahmen innerhalb der letzten Tage ausgerollt. Von dem Verzicht auf Abschlagszahlungen in der Bestandsfinanzierung, Zahlungszielen, Support bei Hol- und Bringservices, der betriebswirtschaftlichen Beratung über Bonusfixierungen bis hin zu Händlermarketingpaketen zur Kundenkommunikation, ist in der Krisensituation vieles in kurzer Zeit ausgearbeitet worden. Der Fokus aller Aktivitäten liegt hierbei auf der Liquiditäts- und Existenzsicherung. “

Wie geht es weiter? Spätestens nach den Osterferien am 20. April müsse ein Signal gesetzt werden, wann ein Neustart gewagt werden kann. „Gibt es ein konkretes Datum, einen Fixpunkt, an dem sich alle orientieren können, dann kann wieder Normalität aufkommen“, so Putzke. Danach sehnten sich alle. In den Köpfen der Kunden müsse man aus Sicht der Motorradbranche die Fantasie anregen, dass für die Sommerferien nicht gleich wieder eine teure Fernreise gebucht wird sondern dass ein Motorrad-Urlaub im eigenen Land den Vorzug erhält. Getreu dem Motto: Jetzt ist Zeit für Solidarität, jetzt ist Zeit für Heimat.

Was läuft gerade beim IVM?

Henning Putzke lobt derweil die Prozesseffizienz beim Industrie-Verband Motorrad (IVM), dessen Präsident er seit Juni 2019 ist. Er telefoniere regelmäßig mit dem Hauptgeschäftsführer Reiner Brendicke in der Essener Verbandszentrale. Zudem stehe er in ständigem Austausch mit seinen Präsidiumskollegen Jan Breckwoldt (Peugeot), Jürgen Höpker-Seibert (Kawasaki) und Ronald Kabella (Bucher AG/Motorex).

Positive Botschaften hat Putzke in Sachen Fristverlängerung für Euro-4-Fahrzeuge bei der Einführung der Euro-5-Norm im Gepäck. Der IVM hat zusammen mit dem Bundesverkehrsministerium in Berlin und im Schulterschluss mit dem europäischen Herstellerverband Acem eine gemeinsame Petition nach Brüssel zur EU-Kommission auf den Weg gebracht. Hauptforderung: Die Verlängerung der Frist bis zum 31. Dezember 2021. „Damit verhindern wir, dass der Motorradhandel eine Euro-4-Bugwelle vor sich herschiebt“, so Putzke.

Doch ist nicht alles Gold was glänzt. Schweren Herzens musste BMW Motorrad gestern verkünden, dass man aufgrund der kaum absehbaren weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie in diesem Jahr auf die Teilnahme an den beiden Motorrad-Leitmessen Intermot in Köln im Oktober und Eicma in Mailand im November verzichtet. „Hintergrund dieser Entscheidung ist, der gegenwärtigen Planungsunsicherheit, auch bei allen an den Messeauftritten von BMW Motorrad beteiligten Partnern, frühzeitig zu begegnen“, erklärt Putzke

„BMW Motorrad wird im Herbst 2020 die bei diesen Messen geplanten Weltpremieren und Produkthighlights über alternative Plattformen präsentieren. Dabei setzen wir verstärkt auf eigene Formate und digitale Kommunikationswege“, so Putzke.

Unser Fazit: Henning Putzke lässt sich seinen Optimismus nicht nehmen. Mit Kreativität und Weitsicht steuert er durch die Krise. Für ihn ist Corona Herausforderung und Chance. Eine Chance für einen nachhaltigen Neustart nach Bewältigung aller Aufgaben. Der nun anstehende Change bietet für ihn die Möglichkeit, die Dreiecks-Konstellation Hersteller, Handel, Kunde völlig neu zu bewerten und zu definieren: Kein Nährboden mehr für unselige Geiz-ist-geil-Attitüden der Kunden, ein Mehr an gegenseitigem Verständnis, ein Mehr an Miteinander. Holen wir also das Beste aus uns allen raus, leisten wir Hilfe, machen wir einander Mut.

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