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Honda CBR300R: Kultur geht vor Kraft

| Autor / Redakteur: Ralf Schütze/sp-x / Maxim Braun

Spätestens seit der jüngsten Führerscheinreform 2013 kümmert sich die Motorrad-Industrie mehr und mehr um den Nachwuchs. Honda hält jetzt Kawasakis reizvoller Newcomer-Maschine Z 300 ein ebenbürtiges Modell entgegen: die CBR300R.

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Hondas Nachwuchs-Motorrad in rassiger Fireblade-Optik.
Hondas Nachwuchs-Motorrad in rassiger Fireblade-Optik.
(Foto: Ralf Schütze/SP-X)

„Die fährt sich richtig gut.“ So oder ähnlich dürfte meist das erste, spontane Urteil lauten, wenn selbst eingefleischte, PS-verwöhnte Biker auf der neuen Honda CBR300R Platz nehmen. Erstaunlich erwachsen wirkt die Auswahl erster fahrbarer Untersätze für den Motorrad-Nachwuchs, der nach Erwerb der Führerscheinklasse A2 zunächst bis 35 kW/48 PS freie Wahl hat. Der attraktiven Kawasaki Z 300 mit ihren 29 kW/39 PS hält Weltmarktführer Honda jetzt die brandneue CBR300R entgegen. Stärken: Ein feines Fahrwerk und große Möglichkeiten zur Individualisierung. Manko: Ihr Temperament lässt etwas zu wünschen übrig.

Schade, dass Honda dem flüssigkeitsgekühlten Einzylindermotor mit zwei oben liegenden Nockenwellen und vier Ventilen nicht mehr Spritzigkeit mit auf den Weg gegeben hat. Zwar liegen schon bei 8.500/min die maximalen 23 kW/31 PS Leistung an, und 1.250/min früher das maximale Drehmoment von 27 Nm. Aber trotzdem fühlt sich der an ein Sechsgang-Getriebe gekoppelte Einspritzer-Antrieb manchmal an wie ein rassiger 125er Motor. Hier macht sich vielleicht Hondas kleiner Etikettenschwindel bemerkbar, denn die „300er“ schöpft ihr Leistungsvermögen aus lediglich 286 cm³ Hubraum. Wenigstens verspricht die langhubigere Auslegung von Hondas bisherigem 250er Antrieb ein zurückhaltendes Trinkverhalten. Schon der bisherige Viertelliter-Antrieb begnügte sich mit rund 3,5 l/100 km. Die CBR300R genehmigte sich bei forcierten Testfahrten vertretbare 3,6 l.

Honda CBR300R
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Umso mehr Lob verdient sich die neue Honda CBR300R in Sachen Fahrwerk. Wie das sprichwörtliche Brett liegt sie sowohl in schnell aufeinanderfolgenden Wechselkurven wie auch bei sehr rasch durcheilten größeren Kurvenradien. Die Brückenkonstruktion aus Stahlrohr arbeitet vorbildlich im Zusammenspiel mit der 37er Telegabel und der über Hondas Pro-Link-System gefederten Hinterradschwinge. Beim Design hat Honda aus dem Vollen geschöpft und der neuen CBR300R gestalterische Merkmale des Supersportlers CBR1000RR Fireblade verpasst – das Vorgängermodell mit 250 ccm dagegen hatte eher Ähnlichkeiten mit dem zurückhaltender designten V4-Sporttourer Honda VRF1200F.

Falls sich jemand fragt, warum Führerschein-Neulinge auf ein Bike mit den maximal erlaubten 48 PS verzichten sollten: Im Vergleich zur Honda CBR500R, die eben jene Leistungsgrenzen der Klasse A2 voll ausschöpft, fällt die CBR300R deutlich günstiger und leichter aus: 4.790 gegenüber 6.090 Euro beträgt die Preisdifferenz, satte 30 kg der Gewichtsvorteil der mit 164 kg deutlich leichteren 300er Honda. Schade wiederum, dass sich dies nur in der Handhabung, nicht aber in der Kraftentfaltung der Einsteiger-Maschine von Honda auswirkt. Der im Vergleich zur 500er Markenschwester deutlich kürzere Radstand von 1,38 Metern (gegenüber 1.41 m) trägt hingegen sehr wohl und deutlich spürbar zur ausgeprägten Handlichkeit der 286 cm³-Honda bei.

Eines muss man dem Einzylinder-Antrieb der CBR300R dann doch zugutehalten: Seine leicht eingeschränkte Kraft entfaltet der Vierventiler angenehm gleichmäßig und überzeugt dabei durch seidenweiche Laufruhe. Außerdem verdient der Wind- und Wetterschutz hinter der Verkleidung des Klein-Racers höchstes Lob. Und die Ergonomie des Nachwuchs-Motorrads passt sowohl für groß gewachsene Naturen, wie mit 78,5 cm Sitzhöhe auch für kleinere Newcomer auf dem A2-Motorrad.

Alles in allem verlangt die Honda CBR300R mit ihrem drehzahlhungrigen Einzylinder dem Piloten relativ viele Gangwechsel ab, um das Aggregat möglichst stets auf hohen Touren zu halten. Sie belohnt dies allerdings mit äußerst kultivierter Leistungsentfaltung und kostet außerdem nicht nur in der Anschaffung immerhin 1.300 Euro weniger Geld als die CBR500R, sondern dank deutlichen Gewichtsvorteils auch weniger Mühe in der Handhabung. Das gesparte Geld kann der frischgebackene 300er-Pilot in Extras stecken wie eine Einzelsitzbank, ein Tankpad oder diverse Karbon-Anbauteile. So gesehen ist die neue 300er unterm Strich weitaus besser, als ihr Leistungs- und Drehmoment-Manko auf den ersten Blick befürchten lässt.

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