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Indian Scout Sixty: Fährtensucher

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Elena Koch

Es muss nicht immer eine Harley sein, wenn es ein US-Bike werden soll. Indian bietet durchaus beachtenswerte Alternativen. Neuerdings sogar in relativ klein.

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Die Schräglagenfreiheit, vom Hersteller mit 33 Grad beziffert, reicht aus, sofern man die Scout Sixty artgerecht bewegt.
Die Schräglagenfreiheit, vom Hersteller mit 33 Grad beziffert, reicht aus, sofern man die Scout Sixty artgerecht bewegt.
(Bild: Jan Starek)

Die Spur ist klar erkennbar. Gelegt wurde sie im Lauf von nunmehr sechs Jahrzehnten von einem Stamm, dessen Wigwam in Milwaukee steht. Vier Jahre zuvor, 1953, war die uralte Marke Indian in die vermeintlich ewigen Jagdgründe eingegangen. Doch aus diesen wurde sie ab 2011 mit Hilfe vieler Millionen Dollar vom Polaris-Konzern zurückgeholt. Seither versuchen die Rothäute aus dem Mittleren Westen alles nur Mögliche, um ihre alt eingesessenen Stammesbrüder zu ärgern – wie man sieht, mit durchaus messbarem Erfolg. Indian wächst von Jahr zu Jahr zweistellig. Jüngstes und kleinstes Stammesmitglied ist seit dem letzten Jahr die 78 PS leistende Scout Sixty, geringfügig kleinere Schwester der 100 PS starken Scout.

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Es ist sonnenklar, worauf die Scout Sixty zielt. Dennoch ist sie keine Kopie, weil viele Details vollkommen anders sind als beim über die Jahre höchst erfolgreichen Vorbild Harley-Davidson. Der V2-Motor weist vier Ventile pro Zylinder, zwei Nockenwellen und eine obenliegende Nockenwellensteuerung auf, zudem ist das Triebwerk nicht luft-, sondern wassergekühlt. Optisch ist letzteres gut gelöst; der unvermeidliche Kühler sticht nicht gnadenlos ins Auge, sondern führt ein zurückgezogenes Dasein. Die technische Grundkonzeption des 999 cm³ großen Triebwerks hat den erwünschten Effekt: Der V2 gibt freudvoll Leistung ab und dreht spontan hoch, ohne untenrum lasch zu wirken. Ein rundum zeitgemäßer Antrieb, der sich erfühlen lässt, ohne lästig zu sein. Auch die Schaltbarkeit des Fünfganggetriebes sowie der Zahnriemenantrieb des Hinterrades stellen sich in der Praxis als Pluspunkte dar.

Fahrwerk: Handlich und stabil

Ebenfalls eine runde Sache ist das Fahrwerk. Auch hier zeigt sich, dass die Grundkonzeption mit Bedacht gewählt wurde: Die Kombination aus guter Handlichkeit und einwandfreier Stabilität vermag zu überzeugen. Freilich wird sie mit dem Mittel einer ziemlich hart ausgelegten Hinterhand erreicht: Auf weniger als acht Zentimetern Federweg lässt sich nun mal kein „fliegender Teppich“ aufbauen und die Quadratur des Kreises beherrscht man auch im US-Staat Massachusetts nicht. Andererseits ist eine Scout Sixty ohnehin kein Bike, mit dem die vorwiegende Nutzung drittklassiger Landstraßen im Vordergrund stünde, so dass wir die gelegentlich durchkommenden harten Stöße als „gesunde Härte“ werten. Viele andere Aspekte des Fahrverhaltens – leichtes Einlenken in Kurven, stabiles Halten des gewählten Kurvenradius', Stabilität bei höherem Tempo – gefallen nämlich durchaus. Die Schräglagenfreiheit, vom Hersteller mit 33 Grad beziffert, reicht aus, sofern man die Scout Sixty artgerecht bewegt und nicht gerade Kurvenorgien feiern will. Auch die zwei Scheibenbremsen agieren so, wie man das als Fährtensucher wünscht.

Auch wenn es sich bei der Scout Sixty um das Einsteigermodell von Indian handelt und sie zum Zweck eines einigermaßen günstigen Preises in der Ausstattung gegenüber der „echten“ Scout leicht abgemagert erscheint, so glänzt sie doch mit einwandfreier Verarbeitung und wird mit vollen fünf Jahren Garantie ausgeliefert. Das einzelne Kontrollinstrument liefert die wichtigsten Informationen und zeigt zudem auch digital die Drehzahl an, Schalter und Hebel geben genauso wenig Grund zu Beanstandungen wie Spiegel oder Sitzposition. Letztere wurde beim etwas aufgehübschten Testfahrzeug – Speichenräder, Leder-Einzelsitz und einige weitere Details waren Sonderzubehör – als sehr bequem empfunden, obwohl der Sitz selbst nur eine geringfügige Polsterung aufwies.

Indian: 2016 mit Plus 73 Prozent

Indian befindet sich auf der richtigen Fährte. Die Kunden laufen der 1901 erstmals gegründeten, nach ihrem Re-Start mit einer guten Reputation gesegneten Marke in Scharen zu. Aus 525 Zulassungen von 2015 in Deutschland sind im vergangenen Jahr bereits 911 geworden, ein Plus von gut 73 Prozent. Meistverkauftes Modell ist die Scout, doch die kleine Schwester tut das ihre, die positive Entwicklung der Marke zu unterstützen, indem sie die Hürde um 1.700 Euro senkt. Echten Verzicht muss niemand üben, der statt 13.690 Euro für eine 100 PS-Scout „nur“ 11.990 Euro für die 78 PS-Sixty ausgibt. Und wer an der Marke mal Gefallen gefunden hat, wird vielleicht in ihr aufsteigen: Mit Chief, Springfield und Roadmaster hält Indian weitere Baureihen bereit, die in ihren Segmenten auf Augenhöhe zu werten sind mit den Modellen aus Milwaukee, die längst „an jeder Ecke“ stehen.

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