Interview Wilhelm Költgen: Der Motorradtuner, der Handicap-Biker glücklich macht

Traummotorräder, individuell und behindertengerecht umgebaut

| Autor / Redakteur: Das Interview führte Frank R. Weihs / Martina Eicher

Handarbeit – Willi macht alles mit links.
Handarbeit – Willi macht alles mit links. (Bild: Weihs-Media-Production)

Die Költgen GmbH in Krefeld hat sich auf den behindertengerechten Motorrad- und Fahrzeugumbau spezialisiert. Geschäftsführer Wilhelm „Willi“ Költgen, von Geburt an selbst ohne rechte Hand, über sein Leben, sein Business und den Glanz in den Augen seiner Kunden.

Redaktion: Willi, du bist am 1. November 1958 in Tönisvorst, das damals Sankt Tönis hieß, geboren. Seit wann faszinieren dich Motorräder?

Willi Költgen: Als 15-Jähriger habe ich festgestellt, dass es mehr als nur Mädchen gibt. Wenn die Jungs mit den Mofas unterwegs waren, fuhr ich mit dem Fahrrad hinterher. Das war für mich hochdramatisch. Dann war mir klar – ohne Mofa keine Chance, kein Stich bei den Mädels. Dann habe ich mir ein Mofa besorgt und angefangen es umzubauen. Gesteuert habe ich den Vergaser mit einer Schlauchschelle am Gaszug – 1 und 0, alles oder nix. Bei rund 25 km/h war das auch nicht dramatisch. Mit 19 Jahren ließ ich mir eine Handprothese bauen, machte den Einserführerschein und fand eine BMW 25/2 mit geballten 13 PS auf einen Zylinder verteilt, welche zum ersten seriösen Projekt wurde.

Welche Maschine fährst du, wenn die Zeit bleibt?

Ich hab viele Motorräder gehabt. Eine Maico M200 war dabei, Japaner, Engländer, eine Ducati MHR 900 und mehrere BMWs. Die vier Maschinen hier im Laden stehen meinen Kunden zu Probefahrten zur Verfügung. Ich fahre auch mit diesen Maschinen, aber am liebsten mit der BMW R 1200 GS LC. Alle Bikes, bis auf das Mofa, habe ich für mich passend umgebaut.

Wie hast du die Maschinen für dich umgebaut?

Erstens bin ich immer mit der Prothese gefahren, um einen sicheren Griff zu haben. Anfangs montierte ich, in Ermangelung technischer Möglichkeiten, den Gasgriff links, doch nach vorne Gas geben war nix. Auch mit zwei Hebeln links zu hantieren hat mir nicht gefallen. Also habe bei allen Fahrzeugen einen Gasgriff mit normaler Drehrichtung nach hinten montiert und die Schalter habe mit einer Parallelschaltung nach links geholt. Gebremst wurde mit einem integralen Fußbremssystem, es hat zwei getrennte Bremskreise und bietet somit mehr Sicherheit.

Links Gas und Kupplung, die Schalter sind auch links. Das ist nichts anderes, als wenn ein „normaler“ Motorradfahrer am Hang steht und die Handbremse langsam loslässt. Das geht prima, aber es gibt immer Leute, die als Bedenkenträger alles infrage stellen.

Wie sieht dein Kontakt mit den Herstellern und Importeuren aus, unterstützen die deine Projekte?

Wir haben versucht, Informationen von den Herstellern über technische Details der Bauteile zu bekommen, aber da wollte sich keiner genauer äußern. Wir arbeiten mit Magura zusammen und haben gemeinsam Lösungen für die optimale Funktionalität und den Einbau der Umbauteile gefunden. Ich glaube, die Hersteller haben kein besonderes Interesse an dem Thema. Ich würde eine bessere Kommunikation mit der Industrie sehr begrüßen.

Triumph England hat sich als einer der herausragenden Hersteller gezeigt. Bereits vor einigen Jahren sind die mit positivem Feedback auf mich aufmerksam geworden und unterstützten mich mit einer TT 900 Legend. Die Maschine war mal in einem Kiesbett gelandet und wurde mir mit leichten Schäden zu einem geschmeidigen Kurs übergeben. Suzuki Deutschland hätte mir das eine oder andere Motorrad in den Laden gestellt, allerdings mit der Option „Suzuki only“.

Anfangs war BMW nicht an dem Thema interessiert, doch mittlerweile ist es nach München durchgedrungen, dass ich viele BMWs umbaue. So erfahre ich von meinen Kunden, dass Anfragen im Werk mit dem Hinweis beantwortet werden: „Ist nicht unsere Baustelle, ruf’ mal den Költgen an, der kann das.“ Da sind Leute mit Herzblut dabei.

Ich würde mich über den Dialog oder eine Dialogbereitschaft mit Herstellern und Händlern freuen. Honda fragte mich einmal, wie viele Fahrzeuge ich verkaufen will. Hier ist das Thema klar verfehlt. Ich will nichts verkaufen, ich will die Händler in der Markenaffinität der Kunden unterstützen.

Wie klappt die Schrauberei, war die von Anfang an fehlende Gashand eine Herausforderung?

Nein, denn ich wollte ein Ziel erreichen. Für mich war es die Erkenntnis, dass ich anders als die anderen Jungs war. Ich wollte ausprobieren, was ich in meinem Leben erreichen kann. Von daher war das Leben an sich die Herausforderung und die technische Umsetzung eher zweitrangig.

Viele Jahre habe ich aus Ermangelung von Mitarbeitern selber geschraubt, heute schaue ich den Jungs über die Schulter und bringe meine Vorschläge ein. Mit meinem Team habe ich einen absoluten Glücksgriff getan, sie sind sehr kreativ und haben alle Freiheiten bei der Umsetzung der Kundenwünsche. Zu beschreiben, wie ich schraube, kommt auf dasselbe raus wie wenn ich erklären muss, wie ich mit fünf Fingern einen Schuh zubinde. Für mich ist das Normalität, weil ich es nicht anders kenne.

Wann und wo startete das erste Business und wie ging’s weiter?

Anfangs habe ich die Motorräder durch den Hausflur geschoben und auf der Terrasse geschraubt. Dann hat es sich langsam entwickelt. Ich suchte mir eine Garage mit Strom (hurra), musste aber nach ein paar Monaten wieder raus. Für drei Jahre kam ich dann bei einem Freund unter und bin 1995 auf einem Bauernhof gelandet. Dort hatte ich 70 Quadratmeter zur Verfügung und konnte ungestört schrauben, allerdings war es im Winter arschkalt, denn es gab dort keine Heizung.

Eine alte R 80 RT, die ich in der hintersten Ecke eines Bauernhofs fand, zog ich unter einem halben Meter Staub hervor. Ich hab sie für wenig Kohle bekommen und schob die Maschine mit platten Reifen sieben Kilometer, mit meinem kleinen Sohn auf der Sitzbank, nach Hause. Das Ding habe ich dann umgebaut und eine Annonce in die Motorradzeitung gesetzt: „Erstes Treffen behinderter Motorradfahrer in Krefeld“. Heute bezeichnet man so was als „Fake News“ oder „Alternative Fakten“. Es sind wirklich Leute gekommen. Ein paar, die schon fuhren und ein einige, die interessiert waren. Ich habe auch die Presse eingeladen und noch zwei Vertreter vom TÜV. Insgesamt waren 22 Leute vor Ort.

Das erschien dann in der Zeitung, der WDR wollte mich interviewen und das Radio kam auch auf mich zu. So war ich plötzlich im Fernsehen, in einer Live-Sendung bei der Aktuellen Stunde und so kam eins zum anderen. Das war 1991/92. Zum Jahreswechsel 2002/03 bin ich dann in die heutigen Räume gezogen.

Wie sind die Flächen in deinem Laden aufgeteilt und wie viele Mitarbeiter sind bei dir beschäftigt?

Im Shop haben wir knapp 100 Quadratmeter, das reicht für ein paar Bikes, die Kundentheke und meine Büroecke. Die Werkstatt hat 450 Quadratmeter, ein Lager brauchen wir nicht. Wir stellen fast alles selber her und für das benötigte Material reichen die vorhandenen Regale aus. Alles ist griffbereit am Arbeitsplatz. Ich habe sechs Angestellte.

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