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Interview Wilhelm Költgen: Der Motorradtuner, der Handicap-Biker glücklich macht

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Die ersten Kundenaufträge

Mit welchen Maschinen habt ihr begonnen?

Der erste Umbau im Kundenauftrag war eine Kawasaki Z 200, gefolgt von einer Yamaha SRX-6. Ansonsten Solomotorräder, Gespanne, Trikes und Quads – wie et kütt. Die Trikes waren mal eine Alternative zum Motorrad. Gespanne gibt’s auch noch ein paar, aber die Zahl ist verschwindend gering. Was gut läuft, sind die Can-Am Spyder Dreiräder für die Querschnittsgelähmten, aber durch die Bank ist das im Promillebereich.

Über 90 Prozent unserer Kunden sind Solofahrer, Leute mit Biss, die aktiv sind und sich etwas mehr zutrauen, als auf dem Quad zu sitzen. Für mich war und ist es wichtig, dass der Kunde das Objekt seiner Begierde kauft und ich bin als Umrüster gefordert, das umzusetzen. Mir geht es nicht um das Fahrzeugkonzept, sondern um die Fähigkeiten derer, die damit unterwegs sein wollen.

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Was finden Kunden noch bei euch in den Regalen?

Zuversicht. Wir haben kein Zubehör. Uns geht’s darum, dass sich die Kunden verstanden fühlen und ihr optimales Fahrzeug bekommen. Jeder, der zum Beispiel durch einen Unfall eine Behinderung erlangt, hat keine gültige Fahrerlaubnis mehr. Wir arbeiten mit mehreren Fahrschulen zusammen, um Behinderte wieder mobil zu machen, mit entsprechender Aktualisierung des Führerscheins. Alle Ignoranten, die draußen mit einer später erworbenen Behinderung unterwegs sind, fahren ohne Führerschein und ohne Versicherung. Das wollen wir den Betroffenen klar machen.

Und wie funktioniert das?

Auf diese Tatsache kann man gar nicht genug Gewicht legen. Deshalb arbeiten wir mit mehreren Fahrschulen zusammen und erklären den Betroffenen die Zusammenhänge, zum Beispiel worauf man bei bestimmten Behinderungsformen und -graden achten muss und dass man bei eventueller Selbstüberschätzung die Uhr danach stellen kann, wann das Motorrad im Dreck liegt. Also eigentlich immer nur beim Anfahren und Anhalten, der Klassiker bei Beinamputierten.

Auf einem abgeschlossenen Gelände wird ein Parcours aufgebaut, wo sich dann zeigt, ob und wie die „Wiederaufsteiger“ mit dem Fahrzeug klar kommen. Auch die Fahreignungsprüfung kann man dort machen, aber im Regelfall geht der TÜV in die reale Welt auf die Straße. Die Prüfungsbedingungen sind 45 Minuten praktisches Fahren, eine theoretische Prüfung erfolgt nicht. Kaum jemand hat Lust, vorher noch lange die Prüfungsfragen pauken zu müssen. Die Prüfung erfolgt mit dem eigenen Motorrad, welches für ihn oder sie umgebaut wurde.

Querschnittsgelähmte können bei uns „erfahren“, ob sie überhaupt wieder auf ein Motorrad steigen können oder wollen und ob der Kopf noch mitmacht. Mit unserem eigenen FBS-Motorrad (Feetless Biking System) wird das ganze Führerscheinprozedere abgewickelt, wenn der Kunde sich seiner Sache sicher ist. Dann erst wird umgebaut. Das ist in diesem Fall eine Ausnahme, denn die Kunden brauchen kein eigenes Motorrad für die Ausbildung, sie bekommen es von uns kostenlos gestellt.

Wie haben sich die Kunden seit Beginn verändert?

Da hat sich nichts verändert. Damals wie heute leiden die Betroffenen unter ihrem Schicksal, manche mehr, manche weniger. Sie freuen sich, wenn sie Hilfe bekommen, um wieder am aktiven Leben teilnehmen zu können. Ein wenig Seelenklempnerei gehört mit dazu, es findet also auch etwas Therapeutisches statt. Ich bin ja auch nicht ganz komplett, das ist schon mal ein kleiner Vertrauensvorschuss.

Man muss sich das so vorstellen, du wachst auf und bist nicht mehr der von gestern. Damit hast du erstmal zu kämpfen. Und jetzt wirst du nach dem Klinikaufenthalt in ein Schwarzes Loch reingeschubst, du weiß nicht, wie tief du fällst, was da unten ist und ob dir irgendjemand von oben die Hand reicht und die Reise stoppt. Viele Menschen kommen mit einem Gefühl der Ohnmacht, Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und ganz vielen Fragezeichen zu uns, haben aber in sich den Wunsch wohnen, dass da noch irgendwas kommen muss. Diese Gespräche gehen richtig in die Tiefe.

Wie gehen die Motorradhändler mit behinderten Kunden um?

Wenn ein Motorradhändler diese Kunden nicht wahrnimmt, ist er kurzsichtig. Meine Frau ist oberschenkelamputiert und wollte sich eine neue Maschine kaufen. Als der Händler die Behinderung meiner Frau bemerkte, weigerte er sich, ihr ein Motorrad zu verkaufen und hat sie mehr oder wenig aus dem Laden rausgeschoben. Jeder 18-Jährige kann sich ein schnelles Motorrad kaufen, egal ob ihn später die Feuerwehr 100 Meter weiter von der Wand abkratzen muss.

Sehr oft habe ich die Pyramide von oben nach unten durchgearbeitet, von den Herstellern bis zu den Händlern, und habe versucht, diese zu sensibilisieren. „Macht doch mal regionale Werbung, ihr glaubt nicht, wie viele Behinderte draußen auf die Botschaft warten, ‚komm zu mir, ich helf dir‘“. Seit Langem suche ich die Kommunikation mit der Branche und bin offen für eine sinnvolle Zusammenarbeit. Man könnte durchaus etwas gemeinsam auf die Beine stellen, ich würde mit Transporter und Hänger kommen und einen Tag der Begegnung veranstalten. Direkt beim Händler vor der Tür.

Wie siehst du den technischen Fortschritt der Motorräder, besonders im Hinblick auf die Umrüstung?

Es gibt schon einige interessante Innovationen, doch da kann man geteilter Meinung sein. Die technische Herausforderung wird immer größer, aufgrund der vielen Sensoren. Vieles lässt sich nicht so einfach diagnostizieren, es ist viel Know-how nötig, um den Dingen auf die Schliche zu kommen. Ich finde es zum Teil ganz gut, dass es technische Hilfsmittel gibt, die kein Mensch über Jahrzehnte nutzen konnte – Traktionskontrolle, Überschlagssensor, ABS und so weiter. Ich bin immer ein Befürworter für mehr Sicherheit im Motorradbereich, aber nicht des unendlichen Leistungsstrebens um immer mehr PS.

Früher konnte man noch mit Holz arbeiten. Die modernen elektronischen Komponenten werden immer komplizierter, da es kein „Open Source“ gibt, keine Schnittstellen für ein Multifunktionsgerät. Das ist eine echte Herausforderung. Bei Harley-Davidson zum Beispiel können wir nicht mehr viel machen, wir reden hier nicht mehr von Kabeln, sondern von bedampften Folien. Wir kennen noch geätzte Leiterplatten, wo man noch drauf löten konnte. Da sind wir jetzt Quantensprünge von entfernt. Beim Öffnen eines Schalters an einer Can-Am Spyder ist schnell die Folie gerissen und du hast mal eben 700 Euro versenkt. Die Probleme beim Umbau ergeben sich nur im elektronischen Bereich. Bei den neuen Harleys hast du im Gasgriff einen Potentiometer und da kannst du gar nichts mehr machen.

Welche Rolle spielen Motorräder mit Elektroantrieb für einen behindertengerechten Umbau?

Ich persönlich halte vom Elektromotorrad nulkommagarnix, das hat ökologische wie auch ökonomische Gründe. Die Dinger sind viel zu teuer, haben keine Reichweite. Das ist was für Micky Maus in der Stadt. Mit Reichweiten von 80 bis 140 Kilometern brauche ich keine Motorradtour zu machen. Wir sind schon von zwei namhaften Herstellern angesprochen worden, die uns einen Vertrag für eine Kooperation anboten. Ich möchte für niemanden der Knecht sein und habe abgelehnt.

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