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Interview Wilhelm Költgen: Der Motorradtuner, der Handicap-Biker glücklich macht

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Unterwegs als Tour-Guide

Veranstaltet ihr geführte Touren mit Kunden?

Mit Kunden und Interessenten machen wir schon mal Touren, die ich als Guide begleite. Die größte Gruppe, mit der ich gefahren bin, umfasste 55 Maschinen, aber das mache ich nie wieder. 15 bis 30 Motorräder und drei bis fünf Tour-Guides sind dagegen die bessere Lösung. Jeder fährt anders und findet so die für ihn passende Gruppe. Das funktioniert gut und macht Spaß. Wir machen es einmal im Jahr, meistens im September. Am liebsten in die Alpen, Südtirol, Dolomiten, denn ich bin Bergmensch, hier am Niederrhein kannste nicht fahren. Die Teilnehmer sind alle Kunden bei uns, sind alle behindert und kommen mit ihren eigenen Fahrzeugen. Wir nehmen bei den Touren auch gern Motorradfahrer ohne Behinderung mit.

Vermietest du Fahrzeuge?

Nein. Die Leute kommen von überall her und jeder von ihnen hat eine andere Behinderung. Dann müsste ich fünf, sechs Motorräder mit unterschiedlichen Umbauten haben, die müssen dann noch in der Größe passen. Das klappt nicht.

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Was fertigt ihr selber, was wird zusätzlich gekauft?

Aus wirtschaftlichen Gründen lassen wir einige Teile extern herstellen, weil ich sonst weitere Bearbeitungsmaschinen anschaffen müsste. Pneumatische Systeme beziehen wir von Festo und passen deren Produkte an unsere Bedürfnisse an. Servomotoren für die Kupplungsbedienung stellen wir selber her und schreiben auch die Programme dafür. Wir verbauen die zusätzliche Technik unter Beibehaltung der originalen Funktion. Das Fahrzeug bleibt dabei im Auslieferungszustand, unsere Elemente werden on top draufgesetzt und können zerstörungsfrei wieder demontiert werden.

Kaufen Kunden komplette Fahrzeuge bei euch, oder bringen sie eigene mit?

Wir verkaufen keine Fahrzeuge, die Kunden können neue oder gebrauchte Maschinen mitbringen. Teilweise kommen auch aus Italien, Österreich und der Schweiz Maschinen zu uns, die dort gekauft wurden. Wir nennen auch in unserem Umkreis Vertragshändler, die dann mit den Kunden jeweils selber einen Vertrag schließen. Es laufen keine Vermittlungsaktionen hinter den Kulissen, was mir sehr wichtig ist. Der Kauf der Maschinen und der Umbau sind zwei eigenständige Vorgänge, die wir nicht vermischen. Auch wenn der Kunde wünscht, dass wir für ihn das Fahrzeug kaufen, lehnen wir das ab. Es gehört allerdings mit zum Service, das Motorrad hier im Umkreis beim Händler kostenfrei abzuholen. Wir arbeiten auch bundesweit mit Motorradläden zusammen.

Wie funktioniert es vom Kundenwunsch bis zur Fertigstellung?

Bei extremen Körperproportionen ist es wichtig, dass Mensch und Maschine zusammenpassen. Mit meiner Erfahrung brauche ich nicht immer zwangsläufig die Person dazu, um die Umrüstung zu besprechen. Oft bekommen wir Fahrzeuge geschickt, erhalten ein Foto und bauen das Ding dann um. Viele Vorgänge in unserer Werkstatt sind Standard, dann wird höchstens noch die Griffweite eingestellt. In besonderen Fällen können wir auf gute Adressen zurückgreifen, falls wir einen Orthopädiemechaniker brauchen, um die Prothesen präzise anzupassen.

Habt ihr Fahrzeuge zum Probe fahren?

Nein. In kritischen Fällen, wenn ich denke, das ist ein/e „Wackelkandidat/in“, nutzen wir unsere Fahrschulkontakte und gehen mit den Kunden und ihren Maschinen auf den Übungsplatz. Wenn ich das Gefühl habe, das gibt keinen Sinn, das passt nicht zusammen, gehen wir mit dem Kunden vor dem Umbau – mit einem normalen Motorrad und leichten Anpassungen – auf den Platz. So stellt sich schon mal heraus, ob der Mensch innerlich zusammenbricht und nicht reif für die Sache ist. Wenn ich sehe, dass es kritisch für den Menschen werden kann, fange ich nicht mit der Umrüstung an.

Gibt es Mustergutachten für die Umbauten?

Mustergutachten an sich nein, das habe ich nur für mein FBS-Motorrad (Feetless Biking System). Alles andere sind Einzelabnahmen, weil Mustergutachten viel zu teuer sind. Es gibt viel zu viel Marken und Modelle, das wäre unbezahlbar für die Kunden.

Gab oder gibt es Hürden bei den Sachverständigenorganisationen?

Da muss ich wieder etwas ausholen. Nein, mit unserer TÜV-Prüfstelle in Krefeld-Mönchengladbach beispielsweise gibt es aufgrund der langjährigen, erfolgreichen Zusammenarbeit keine Probleme. Ja, weil es im Ermessensspielraum des Prüfers liegt, zu sagen, was geht und was nicht. Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Wir hörten schon in einer anderen Prüfstelle den Spruch: „Du bist schon behindert, da mache ich nicht mit.“ Wenn allerdings ein Fahrzeug bereits im Zuge der HU abgenommen wurde, muss der Prüfer das Fahrzeug zulassen, ob er will oder nicht.

Wie lange dauert ein Umbau am Beispiel für einen Rollifahrer?

Ein Umbau für Arm- oder Beinamputierte wird in ein oder zwei Wochen erledigt sein. Für ein FBS-Motorrad sind die Arbeiten sehr umfangreich; Rahmenkonstruktion und die komplette Elektronik, die wir selber bauen, nehmen viel Zeit in Anspruch. Die Platinen lassen wir von einer Firma ätzen, dann bestücken wir diese mit den Bauteilen und löten alles selber. Für diesen Aufwand brauchen wir ein Zeitfenster von zehn, zwölf Wochen.

Wie ist das Feedback der Kunden?

Der Glanz in den Augen, wenn sie ihr umgerüstetes Fahrzeug bekommen, ist unbezahlbar. Mundpropaganda ist besser als jede Visitenkarte. Wir bringen den Menschen ihr Leben zurück und viel Lebensqualität.

Wie reagieren die „normalen“ Biker oder Passanten auf die Umbauten?

Meine Armprothese hängt immer am Lenker, wenn ich vom Motorrad weg gehe. Rein provokativ. Steht meine Maschine bei anderen Motorrädern, kommen die Jungs an und sind ultraneugierig. Es muss alles erklärt werden, besonders wenn es Geräusche macht, wie die Hydraulik zum Beispiel. Auch Passanten bleiben oft interessiert stehen und schauen sich den Umbau an.

Gibt es Zuschüsse von Krankenkassen oder Versorgungsämtern?

Plan A – fahre ich nur Motorrad, kann ich das über die Kraftfahrzeugrichtlinienverordnung ausreizen, weil es sich um den behindertengerechten Umbau eines Kraftfahrzeugs handelt. Das dürfen die Kostenträger erst einmal nicht verweigern. Plan B – bin ich aber behindert und brauche ein Auto, dessen Umbau viel teurer ist, macht es keinen Sinn, die Maschine umbauen zu lassen und die Umrüstung des Autos selber zu bezahlen. Eine behinderungsbedingte Aufwendung wird immer zu 100 Prozent vom Kostenträger übernommen. Ohne Limit.

Es gab ganz wenige Fälle in der Vergangenheit, wo der Kostenträger mit großer Milde und beiden geschlossenen Augen beide Umbauten bezahlte. In der Regel ist es aber so, dass Behinderte mit zwei Fahrzeugen sich das Auto umrüsten lassen und den Motorradumbau selber bezahlen, der um ein Vielfaches preiswerter ist. Brauchst du das Gas nach links, bist du mit gut 300 Euro dabei. Hand ab, Arm ab, Bein ab kostet zwischen 1.800 und 2.500 Euro.

Du bist schon lange im Geschäft. Wie sieht die Zukunft aus?

Die zweite Generation als Firmennachfolge ist geplant und steht in den Startlöchern. Was Költgen einmal begonnen hat, macht Költgen auch weiter. Wir lassen unsere Kunden nicht allein auf der Bahn.

Würdest du etwas anders machen, könntest du noch mal neu beginnen?

Ja, alles direkt größer, sonst aber genau wie jetzt.

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