Jobkrise bekämpfen: Handwerker statt Kopfarbeiter!

Anmerkungen zu aktuellen Branchenthemen

| Autor: Stephan Maderner

Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin.
Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin. (Bild: Vogel Business Media)

Aus dem Tagebuch des »bike und business«-Chefredakteurs (KW 5/2018/I), Folge 567: „Moin Stephan, wir sind auf der verzweifelten Suche nach Verstärkung für...

...unsere Werkstatt. Mit der Neuaufnahme der Marke Yamaha im Juli 2017 ist auch die Werkstattauslastung sprunghaft gestiegen. Wir haben Online-Stellenanzeigen geschaltet, bei Facebook bezahlte Werbekampagnen gebucht, klassische Zeitungswerbung versucht, es ist sehr schwer. Bei Facebook haben wir das Top-Ten-Foto aus Würzburg zusammen mit unserer Stellenanzeige gepostet mit dem Slogan: „Top-Ten Händler sucht Top Mechaniker“. 150 Euro investiert, viele Leute erreicht, der Beitrag wurde oft geteilt. Aber die Resonanz ist gleich null. Was sollen wir nur machen? Wir finden einfach keine Leute mehr!“

So oder in einem so ähnlich verzweifelten Duktus wie der von Sven Kriewald, Chef von OK Motorräder in Bad Kreuznach, erreichen mich fast täglich Hilferufe aus der Branche. Einen Tipp hatte ich für den Motorradhändler-des-Jahres-2017-Preisträger sofort parat: eine Schaltung seiner Offerten auf dem Stellenmarkt der »bike und business«-Homepage kombiniert mit redaktionellem Bericht im Newsletter und der Anzeige in der Printausgabe: Zumindest ein Chance, die Zielgruppe pur und ohne Streuverluste anzusprechen – zum fairen Preis! Anfragen bitte an meine Kollegin Doris Kümmet.

Die Stellenmisere

Doch zurück zum roten Faden. Was ist da nur los an der Stellenfront? Jede Menge Jobangebote vor allem für Zweiradmechatroniker – und keiner will mehr in der Werkstatt schrauben? Was sind die Gründe für die Stellenmisere?

Nun, der vielzitierte demografische Wandel schlägt allmählich voll durch und erwischt viele Zweiradbetriebe, die in diesen Zeiten händeringend nach Personal suchen, auf dem linken Fuß. Immer mehr Unternehmen buhlen um die Gunst von immer weniger jungen Menschen. Ein Teufelskreis.

Zudem schwappt eine beispiellose Akademikerwelle durch das Land. Immer mehr Schüler drängen an die Gymnasien und haben das Abitur in der Tasche. Laut Statistischem Bundesamt besaßen im Jahr 2016 62,7 Prozent der Schulabgänger in Schleswig-Holstein die allgemeine Hochschulreife. In Bayern ist es noch nicht ganz so schlimm. Doch auch dort, wo es bekanntlich am schwersten ist, seinen Freifahrschein für die Universität zu lösen, baute rund jeder Dritte des besagten Jahrgangs (31,1 Prozent) erfolgreich sein Abi.

Abschied vom dreigliedrigen Schulsystem

Der Trend geht leider in nur eine Richtung. Seit vielen Jahren sinken die Schülerzahlen an den Haupt- und Realschulen unseres Landes. Die Hauptschule scheint faktisch abgeschafft und steht als traditionelle Rekrutierungsstätte für handwerkliche Berufe nicht mehr zur Verfügung. Die Gesamtschule avanciert zum Auffangbecken für denjenigen Nachwuchs, der es eben nicht schafft, (zumindest im ersten Anlauf) zu akademischen Würden zu gelangen. Zudem spült die Durchlässigkeit unseres Systems mit der Karrierechance auf dem zweiten Bildungsweg (Fachabitur, Berufsoberschule etc.) dann noch weitere „Spätzünder“-Kandidaten an die Alma Mater.

Grips u n d geschickte Hände

Bitte verstehen Sie mich an dieser Stelle nicht falsch: Ich habe absolut nichts gegen die Institution Studium oder gar Zweiradmechatroniker mit Abitur oder Bachelor einzuwenden, die mit Grips u n d geschickten Händen ihre Berufung finden. Ganz im Gegenteil: Ich durfte jüngst auf dem Europacup der Zweiradmechaniker zwei solcher Zeitgenossen kennenlernen. Doch leider ist diese praxisorientierte Spezies mit Meister-Ambitionen und dem Zeug zur Selbstständigkeit rar. Alles dränget, rennet, flüchtet in die akademische Laufbahn. Dieser Trend hat das Verhältnis zwischen Handwerkern und Kopfarbeitern in eine gefährliche Schieflage gebracht. Wer hat wirklich noch Bock darauf, mit dem Ertrag der eigenen Hände Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Die überwältigende Mehrheit der Jugend drängt in Bürojobs mit geregelten Arbeits- und Urlaubszeiten und potenziell verheißungsvollen Gehältern. Was ist zu tun?

Ein simples Rezept wäre es, die Trauben höher zu hängen, das Abitur schwieriger zu machen und dadurch die Ressource menschlicher Geist (und Schaffenskraft der Hände) in die technischen und handwerklichen Berufe umzulenken. Schon heute stehen nicht genügend gute und sehr gut qualifizierte Jobs für das wachsende Heer an Akademikern zur Verfügung. Wenn nicht ein Jobwunder geschieht, sind studierte Taxifahrer und Aushilfen auf dem Vormarsch. Der Mythos von der bodenständigen dualen Berufsausbildung, eine deutsche Erfindung und für viele Länder der Welt nach wie vor ein Exportschlager, verblasst zusehends.

Selber ausbilden

Allmählich reift in vielen Unternehmen die Erkenntnis, dass die dringlichst gebrauchten neuen Mitarbeiter nicht auf den Bäumen wachsen. Die Zweiradbetriebe treten die Flucht nach vorne an und bilden verstärkt wieder mehr selbst aus, investieren in eigene Nachwuchskräfte, häufig mit späterer Übernahmeverpflichtung. In den vergangenen Jahren verzichteten viele Betriebe wegen der Kosten und dem hohen personellen und organisatorischen Aufwand, selbst auszubilden. Die Zeiten sind vorbei. Denn tatsächlich spiegeln sich die verstärkten Ausbildungsbemühungen der Betriebe in der Statistik wider: 2017 ist laut BIV die Zahl der Ausbildungsverträge auffällig gestiegen. Insgesamt wurden 855 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen. Im Vergleich zu 2016 entspricht dies einem Plus von 78 Verträgen oder eine Steigerung um zehn Prozent. 58 Prozent der jungen Menschen haben sich für eine Ausbildung in der Fachrichtung Fahrradtechnik entschieden. Auf die Fachrichtung Motorradtechnik entfielen entsprechend 42 Prozent der Ausbildungsverträge.

Na also, alles paletti!? Mitnichten kann von einer echten Kehrtwende auf dem Ausbildungs- und Stellenmarkt gesprochen werden, auch wenn Bundesinnungsmeister Frank Döring (verständlicherweise als oberster Repräsentant des Zweiradhandwerks) die jüngst veröffentlichte positive Azubibilanz mit der Attraktivität des Gewerks in Verbindung bringt: „Es ist ein tolles Signal für die Zweiradbetriebe, wenn sich mehr junge Menschen dafür entschieden haben, den abwechslungsreichen Beruf des Zweiradmechatronikers zu wählen.“

Was die neue Azubischwemme wirklich bedeutet

Die zuletzt gestiegene Zahl der Ausbildungsverhältnisse sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass nach wie vor Not am (Handwerks)-Mann/Frau herrscht und an der Attraktivität des Berufsbildes weiter hart gearbeitet werden muss. Denn die im Vergleich zu anderen Branchen gezahlten Ausbildungsvergütungen (sie liegen zwischen 510 und 740 Euro), die speziellen Rahmenbedingungen wie arbeitszeitintensiven Saisonspitzen sowie späteren Berufs- und Verdienstperspektiven sind allesamt nicht dazu angetan, einen Run auf Zweiradberufe loszutreten. Bislang nahmen viele diese Begleitumstände in Kauf, durften sie doch ihre Faszination für das Thema Zweirad mit Herzblut und Leidenschaft ausleben. Doch einen solchen Pakt wollen viele in Zukunft nicht mehr eingehen. Der Stellenwert von Familie, Freunden und Freizeit nimmt zu. Der geile Job allein macht nicht mehr alle glücklich.

Wie sehen Sie das? Gehen uns bald die dringend benötigten Mitarbeiter aus und wie schaffen wir es, dass die Arbeit an Motorrädern, Rollern und Bikes eine höhere Wertschätzung bekommt, die geeignet ist, uns den Nachwuchs an die Schraubenschlüssel, Hebebühnen und Diagnosegeräte zu bringen? Schreiben Sie mir Ihre Meinung oder hinterlassen am Ende dieses Artikels Ihre Kommentare.

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