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Kawasaki Versys 650: Eine für (fast) alles

| Autor / Redakteur: sp-x/Heinz May / Maxim Braun

In der Motorrad-Mittelklasse bietet Kawasaki mit seinen 650er-Modellen durchaus gelungene Alternativen. Die Versys macht dabei gleich in zwei Kategorien einen guten Eindruck.

Mit der Versys kommt man flott durch enge Kurven.
Mit der Versys kommt man flott durch enge Kurven.
(Foto: Kawasaki)

So richtig in Schwung kam die Versys 650 eigentlich nie. Als Schwester der Erfolgsmodelle ER-6n und ER-6f (mit Verkleidung) hat sie sich am Markt stets schwer getan. Man mag spekulieren, ob das an den eigenwillig designten und übereinanderliegenden Scheinwerfern gelegen hat oder am Aufpreis von mehr als 1.000 Euro oder an den acht PS weniger Spitzenleistung – feststeht: Während die Geschwister in den Zulassungslisten ganz vorn auftauchten, blieb für die Versys nur ein Rang unter „Ferner liefen“.

Und so verwundert es nicht, dass Kawasaki bei der neuen Generation just an diesen Punkten angesetzt hat. Der Motor erstarkte um 6 PS auf nun 69, und die Front zieren nun zwei nebeneinander platzierte und dynamisch wirkende Scheinwerfer. Allein beim Preis konnte man die Lücke nicht schließen: Mit 7.695 Euro für die Versys hat sich der Abstand zur ER-6n nicht verringert.

Kawasaki Versys 650
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Dabei ist dieser Preis für den Gegenwert sicher nicht überhöht. Denn mit der Versys bekommt der Kunde ein Bike, das sowohl flott durch (enge) Kurven getrieben werden kann als auch zur längeren Tour taugt, weswegen man ab Werk auch passende Koffer offeriert. Auch das Windschild wurde in seinen Dimensionen verdoppelt und ist nun um 6 statt 3 Zentimeter höhenverstellbar; allerdings nur im Stand und über zwei Rendelschrauben. Die Tour erleichtern sollen auch die um 1,5 Zentimeter nach unten verlegten Fußrasten. Der Tank fasst nun 21 statt 19 Liter; die Zuladung wuchs um 30 Kilo.

Ganz klar, die Versys ist in der neuen Generation tourentauglicher geworden. Man sitzt auf ihr sehr bequem und entspannt, und das Fahrwerk trägt seinen Teil zu diesem Komfort bei: Die Federung schluckt auch die fiesen Schläge gut weg, und die Zugstufendämpfung der nun montierten Showa-Gabel lässt sich über einen großen Bereich einstellen. Hinten federt ein Federbein von Kayaba, das im Vergleich zur Vorgängerin zwar die Dämpfungsverstellung verlor, seine Aufgaben aber immer noch sehr gut erfüllt. Die hydraulische Federvorspannung lässt sich über ein Handrad fixieren.

Über das neue Fahrwerk lässt sich also nicht meckern, während der Motor ein alter Bekannter ist, der in der Vorgängerin ebenfalls Dienst tat. Der Zweizylinder-Reihenmotor erstarkte vor allem wegen der nun einteiligen Edelstahl-Auspuffanlage um fünf PS – ein Unterschied, den man als Fahrer freilich nicht spürt. Der Charakter des Triebwerks ist nämlich gleich geblieben, was durchaus als positive Nachricht gewertet werden kann. Ruckelt er unter 3.000 Umdrehungen noch ein wenig unwillig herum, dreht er in den Sphären darüber sauber, gleichmäßig und kraftvoll hoch, und zwischen 7.000 und 10.000 Touren geht richtig die Post ab. Auf engen, winkligen Straßen haben da auch kräftigere Bikes Probleme, am Heck der Versys kleben zu bleiben. Und weil nun zwei der drei Motorhalterungen in Gummi lagern, bleiben die Fußrasten nahezu vibrationsfrei.

Unterstützend wirkt zudem das sehr gut schaltbare Getriebe, das die Gänge nur so flutschen lässt. Der hohe Schwerpunkt erleichtert die Kurvenhatz zusätzlich: Lässig lenkt sie stets willig ein und folgt auf leichten Füßen der anvisierten Linie. Das macht einfach Freude, und so kennt man die Versys. Man kannte sie aber auch mit etwas stumpfen Bremsen, die eine kräftige Hand forderten. Das hat Kawasaki nun bereinigt: Die nun verwendete Schwimmsattel-Anlage beißt nicht nur kräftiger zu als die alte, sie ist auch besser dosierbar; das ABS sorgt dafür, dass das Heck bei einer Gewaltbremsung am Boden bleibt. Hinten wuchs die Bremsscheibe von 220 auf 250 Millimeter.

War die Frage, ob Funbike oder Reisemotorrad bei der Vorgängerin noch klar zu beantworten, so tendiert das aktuelle Modell dazu, dass beides problemlos möglich ist. Den übersichtlichen Armaturen mangelt es nur an einer Ganganzeige, die gegen Aufpreis zu haben ist, die Rückspiegel erlauben nun einen freieren Blick nach hinten. Nicht so ganz zum Charakter als Tourer passt, dass wegen der Auspuffanlage kein Hauptständer verfügbar ist.

Fazit: Die Versys hat eindeutig hinzugewonnen – und zwar an Universalität, ohne das Spaßpotenzial einzubüßen. Das mag nun den einen oder anderen Kunden besänftigen, der sich an den Aufpreisen zu den Schwestern orientiert. Gut so.

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