Kawasaki: Wenn Retro auf Moderne trifft

Die Kawasaki Z 900 RS im Test

| Autor / Redakteur: Heinz May/SP-X / Viktoria Hahn

Macht auch im Stand eine gute Figur.
Macht auch im Stand eine gute Figur. (Bild: Heinz May/SP-X)

Die Kawasaki Z 900 RS erinnert an Zeiten, als Motorräder noch nicht die perfekten Fahrmaschinen von heute waren. Doch schafft sie den Spagat zwischen Retro und den Ansprüchen der Moderne?

Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, als der VW-Käfer das Maß der automobilen Dinge war, Flower Power das Farbspektrum der Kleidung definierte und Rudi Carrell die Samstagabende der Familie verschönerte? Als die Sportschau in schwarz-weiß alle neun Bundesligaspiele nacheinander zeigte, ohne von Werbung unterbrochen zu werden? Die siebziger Jahre waren auch die Zeit, als japanische Motorräder hierzulande für Furore sorgten und BMW zunehmend Konkurrenz machten.

Nostalgie pur

Das waren die Zeiten als die Kinder und Jugendliche, noch vom Computer unverseucht, mit großen Augen auf die technischen Wunderwerke blickten, die da über die halbe Welt zu uns kamen. Die heute Erwachsenen und in Ehre Ergrauten tragen diese Erinnerungen mit sich herum und erfüllen sich nun die Sehnsüchte von damals. Eines der Objekte der Begierde war seinerzeit die Kawasaki Z 900, die 1972 auf der Motorradmesse Ifma der Knaller war. 82 PS aus vier Zylindern, über 200 km/h Höchstgeschwindigkeit, Null auf 100 km/h in 4,2 Sekunden – das hatte man noch nicht gesehen und gefahren schon gar nicht. Dass das Fahrwerk mit diesen Kräften überfordert war – geschenkt. Eine Legende war geboren, die zudem mit schönem, tropfenförmigem Tank und einem kecken Heckbürzel optisch einiges her machte. Was liegt also näher als diese heute, in Zeiten des Retro-Booms, wieder aufleben zu lassen?

Wiedergeburt eines Klassikers

Gesagt, getan: Als Z 900 RS erlebt die klassische Kawa in diesem Jahr eine zweite Geburt, wobei sich natürlich eine Menge Moderne in ihr versammelt. Nicht nur, dass der tropfenförmige und stilbildende Tank größer ausfällt als das Original; darunter und davor findet sich viel moderne Technik. Wie etwa der Motor, der nach wie vor vier mit Zylindern mit einigen glänzenden Rippen daherkommt. Doch wird er nicht mehr vom Fahrtwind gekühlt, sondern von einem Flüssigkeitskreislauf, dessen Kühler vor diesem platziert ist und das augenfälligste Unterscheidungsmerkmal darstellt. Zweiter weithin sichtbarer Unterschied ist die dem Zeitgeist entsprechende Vier-in-eins-Auspuffanlage; 1972 lugten noch vier Auspuffenden am Hinterrad hervor.

Für schaltfaule Fahrer

Doch zurück zum Motor: Dessen Basis bildet das aktuelle Triebwerk der Z 900, es wurde aber mit zahmeren Steuerzeiten der Nockenwellen, geringere Verdichtung, mehr Schwungmasse und eine um 20 PS reduzierte Leistung für die neue Aufgabe adaptiert. Was freilich nicht zu weniger Souveränität führt, sondern zu einem vibrationsarmen Antrieb, der schon früh zupackt und sich schaltfaul fahren lässt. Hinzu kommen die präzise Schaltung und eine leichtgängige Kupplung, so dass man sich von der ersten Minute an auf dem Klassiker wohlfühlt. Keine Frage ist natürlich, dass auch die Stopper modernen Ansprüchen genügen, und mit ABS ausgestattet sind. Und die 180er-Sportpellen auf den Alufelgen hinten sorgen für wesentlich mehr Grip als die schmalen Reifchen von damals.

Anpassen an heutige Ansprüche

Ebenso natürlich ist auch, dass man das Fahrwerk an heutige Ansprüche angepasst hat. Vorn findet sich eine voll einstellbare Gabel, die den Ansprüchen mehr als genügt und nahezu alle Unebenheiten wegbügelt, hinten geht es ein wenig straffer zu, wobei das Monoshock-Federbein ebenfalls gute Arbeit leistet. So lässt sich die auf alt getrimmte Dame jederzeit auf Kurs halten, auch wenn es mal ein wenig flotter um die Ecke geht. Doch dazu animiert sie gar nicht. Ihr Ding ist das entspannte Gleiten im sechsten Gang, das Genießen des Fahrtwindes und die Erinnerung an vergangene Zeiten beim Blick in die runden Spiegel oder die beiden Rundinstrumente oberhalb des hohen Lenkers. Tacho und Drehzahlmesser sind klassisch gestaltet, dazwischen findet sich ein Display für die wichtigsten Daten, die sich per Knopfdruck vom Lenker aus abrufen lassen. Auch die Traktionskontrolle lässt sich von dort aus verstellen.

Die aufrechte Sitzhaltung sowie die breite und bequeme Sitzbank bilden gemeinsam mit dem Heckbürzel nicht nur die horizontale Designlinie der Original-Z 900 nach, sie taugen auch durchaus für Touren zu zweit. Für die Sicherung des Gepäcks finden sich zwei Haken unterhalb der Sitzfläche. Am deutlichsten sichtbar treffen sich Retro und Moderne beim Scheinwerfer, der zwar rund und groß, doch auch mit moderner LED-Technik bestückt ist. Klassikfans werden auch an der zweifarbigen Gestaltung des Tanks und des Heckbürzels ihre Freude haben.

Das Urteil

Kritik? Fällt bei der Z 900 RS wirklich schwer. Vielleicht dass keine Speichenräder angeboten werden, die Leerlaufdrehzahl beim Kaltstart zu lange zu hoch ist, ein Hauptständer fehlt oder die Wartungsintervalle mit 6.000 Kilometer recht eng ausfallen. Denn auch der Verbrauch kann sich mit 5,1 Liter auf 100 Kilometer sehen lassen. Der Preis fällt mit rund 12.000 Euro recht happig aus. Doch dafür bekommt man nicht nur klassische Schönheit, sondern auch moderne Technik. Aber das war ja 1972 auch nicht anders.

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