KTM 790 Duke: Muskeln und Sehnen

Skalpell auf zwei Rädern

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Stephan Maderner

Die neue 790 Duke wird von der KTM-Marketingabteilung als Skalpell beschrieben.
Die neue 790 Duke wird von der KTM-Marketingabteilung als Skalpell beschrieben. (Bild: KTM)

KTM schreckt vor Superlativen bekanntlich nicht zurück: Die neue 790 Duke wird von der Marketingabteilung als Skalpell beschrieben. Der erste Fahreindruck auf Gran Canaria machte deutlich, dass die österreichische Naked das Zeug zum Erfolgsbike hat.

Nur Muskeln und Sehnen. So stellt sich die erste Naked-Mittelklassemaschine von KTM beim Premierenausritt auf der Kanareninsel Gran Canaria dar. 189 Kilogramm, voll betankt, bringt sie auf die Waage. Dafür liefert sie einen neu konstruierten Zweizylinder-Reihenmotor mit 799 Kubikzentimetern Hubraum und einer Maximalleistung von 77 kW/105 PS, ein ausgefuchstes Fahrwerk sowie eine Elektronikausstattung, die in dieser Preisklasse – wir reden von knapp unter 10.000 Euro – noch niemand zustande gebracht hat: eine vielfach einstellbare dynamische Traktionskontrolle, mehrere Fahrmodi, ein umfassendes Fahrwerksregelsystem mit Kurven-ABS, dazu Motorschleppmomentregelung, LED-Licht, TFT-Farbdisplay und manches mehr. Als Dreingabe gibt es ein gleichermaßen narrensicher wie komfortabel fahrbares Nakedbike, das auf dem Markt nach unserer Ansicht derzeit eine Alleinstellung innehat.

Vier Jahre hat es gedauert, die Mittelklasse-Naked von Grund auf neu zu entwickeln. 111.000 Mannstunden, umgerechnet etwa 67 Arbeitsjahre, hat das 250-Köpfe-Team um Gerald Matschl benötigt, um die 790 Duke auf ihre leichten Alugussräder zu stellen. 900.000 Testkilometer wurden gefahren, dazu 605.000 Kilometer auf diversen Prüfständen, 48 Motoren wurden bis zum Geht-nicht-mehr beansprucht. Der Lohn der Mühe? Eine glänzende Zukunft, behaupten wir nach dem ersten Eintages-Test. Die Kombination aus einem sehr präzisen Fahrverhalten, leichter Zugänglichkeit, hoher Leistung, sehr guter Ausstattung und gutem Fahrkomfort dürfte der KTM 790 Duke nicht nur im Premierenjahr einen der vorderen Plätze in den Neuzulassungsstatistiken verschiedener europäischer Märkte sichern.

Der Motor, ein Kunstwerk aus Leichtbau und Leistung

Noch die geringste Überraschung der 790 Duke ist ihr Motor: Von KTM weiß man, dass sie die Kunst aus Leistung und Leichtbau in Verbindung mit guter Zuverlässigkeit bestens beherrschen. Der Reihen-Twin ist KTMs Erstling dieser Zylinderkonfiguration und erscheint auf Anhieb gelungen. Er präsentiert sich drehfreudig und durchzugsstark gleichermaßen, hängt – in Abhängigkeit vom gewählten Fahrmodus – ausgezeichnet am Gas und legt zudem ausreichend zurückhaltende Trinksitten an den Tag. An den angegebenen Durchschnittsverbrauch von 4,4 Litern pro 100 Kilometer kamen wir zwar nicht heran, doch ist der Liter Mehrverbrauch auf unser häufig sehr vorwärtsdrängendes Fahrverhalten auf den extrem kurvenreichen Straßen Gran Canarias zurückzuführen. Klar hilft es beim Vorwärtsstürmen im Kurvengewürm, sich stets oberhalb von 6.000/min. aufzuhalten, aber auch einen Gang höher geht es kaum weniger hurtig voran. Das gewünschte V2-Feeling stellt sich dank 75 Grad Hubzapfenversatz wohlfühlend ein. Weil dank zweier Ausgleichswellen auch keine ungebührlichen Vibrationen auffallen, stellen wir dem KTM-Twin ein ausgezeichnetes Zeugnis aus: Er ist für den großen Fahrspaß, den die 790 Duke verströmt, ein wichtiger Faktor.

Im folgenden Video mit der Onboardkamera von Harald Finkl, Finkl's Erlebnis Motorrad, Königsbrunn werden erste Fahreindrücke wiedergegeben.

Das Fahrwerk: Ein Ausbund an Präzision

Das gilt in gleichem Maße für das Fahrwerk. Es erscheint mit nicht einstellbaren Federelementen von KTM-Tochter WP vorne und hinten auf den ersten Blick sehr sparsam, überzeugt aber sowohl auf Berg- und Landstraßen und zeigt sich selbst einem Abstecher auf eine Mini-Rennstrecke voll und ganz gewachsen. Die Midsize-Duke lenkt leicht ein und bleibt unabhängig von der gewählten Schräglage präzise auf Kurs. Dabei überzeugt der taiwanesische Maxxis-Reifen vom Typ Supermaxx ST auf ganzer Linie: Handling wie Grip sind über jeden Zweifel erhaben.

Elektronik in my mind

Eine Alleinstellung am Markt gebührt der KTM im Bereich elektronischer Assistenzsysteme. Von der vielfach einstellbaren Traktionskontrolle bis hin zum schräglagentauglichen ABS reicht die Ausstattung. Exzellente Dienste leistet auch die einstellbare Motorschlupfregelung; sie kappt beim Anbremsen und Herunterschalten die Motorbremskraft durch geringfügiges Öffnen der Drosselklappen, was die Duke bei engagierten Kurvenmanövern bockstabil hält. Dass KTM zudem serienmäßig einen in beiden Richtungen ausgezeichnet agierenden Schaltassistenten fürs kupplungslose Wechseln der Gänge liefert, ist die nächste Überraschung. Auch LED-Beleuchtung rundum sowie ein gut ablesbares TFT-Display sind angesichts des aufgerufenen Preises von 9.790 Euro positiv zu bewerten. Unverständlich erscheint dagegen angesichts des Elektronik-Hypes, dass man der 790 Duke eine Warnblinkanlage sowie eine automatische Blinkerrückstellung vorenthalten hat.

Kampfansage an die Triple-Konkurrenz

Wo steht die Midsize-Duke im Umfeld der Wettbewerber? Soeben hat Triumph seine erfolgreiche Street Triple neu aufgelegt und hält mit der R-Version (118 PS, ab 10.300 Euro) dank eines Dutzend Mehr-PS dagegen. Auch Yamaha hat sein Erfolgsmodell MT-09 (115 PS, als SP-Version ab 10.195 Euro) erst kürzlich upgedatet und fährt mit der Basisversion für knapp 9.000 Euro und der veredelten SP-Variante eine Doppelstrategie. Nun auch noch die KTM 790 Duke, fahrwerksmäßig einfacher gemacht, aber deshalb nicht zwangsweise unterlegen. Es wird spannend im Segment der kräftig motorisierten Nakedbikes zwischen 750 und 850 Kubik. In jedem Fall hat die ungeheuer fahraktive Österreicherin sehr gute Karten, um sich weit vorne zu positionieren. Verdient hat sie den Erfolg, der sich schon jetzt abzeichnet, obwohl gerade erst die Auslieferung beginnt.

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