Liebe Hersteller! Horch, was kommt vom Händler rein

Aus dem Tagebuch des »bike und business«-Chefredakteurs (Kalenderwoche 50/2014/II). Ein aktuelles Stimmungsbarometer aus Handel und Industrie rund um Motorrad, Roller und Quad/ATV – ein Radar, das Branchentrends von morgen auf dem Schirm hat.

Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin und gibt redaktionelle Hintergrundinfos preis.
Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin und gibt redaktionelle Hintergrundinfos preis.
(Foto: Ducati/Collage: Elisabeth Haselmann)

Würzburg, den 12. Dezember 2014 – Erwartungsgemäß hat das Wehklagen eines Händlers über die zunehmend als rigider empfundenen Herstellervorgaben eine kommunikative Welle ausgelöst. Mein E-Mail-Account füllte sich mit etlichen zustimmenden Meinungen. Der Telefondraht in die »bike und business«-Redaktion glühte. Nur die Hersteller hielten sich bislang auffällig zurück.

Hallo da draußen - fühlt sich keine Marke angesprochen? Im Folgenden gebe ich erneut eine Händlermeinung zum Besten: „Zum heutigen Thema über Händler kann ich auch etwas sagen. Ich bin seit über drei Jahrzehnten Händler einer bekannten japanischen Marke (Namen des Händlers und seiner vertretenen Herstellermarken sind der Redaktion bekannt). Zwischendurch hatte ich noch viele Jahre einen Vertrag mit einem italienischen Bikehersteller. Mit der japanischen Marke alleine zu überleben geht kaum noch. Ich habe im Schnitt über die vergangenen dreißig Jahre pro Jahr 150 Fahrzeuge verkauft. In den vergangenen fünf Jahren gingen die Verkäufe auf 40 Stück per anno zurück. Als neulich unser Außendienst bei mir war, erzählte ich, dass ich überlege, mich bei MV Agusta zu bewerben. Der Kommentar war, dann soll ich mir mal lieber einen neuen Laden suchen. In meinem 100 m² großen Showroom soll ich ausschließlich Maschinen japanischer Herkunft ausstellen. Welche denn? Ich habe auf dieser Fläche in meinem besten Jahr 220 Japan-Bikes und 150 Italiener verkauft. Die Hersteller haben so einen Knall mit Ihren Anforderungen und müssen froh sein, wenn man überhaupt noch Händler ist!“

Ross und Reiter

Wichtig ist mir an dieser Stelle, dass Ihnen klar wird, dass wir - obwohl wir Ross und Reiter kennen - nicht einseitig irgendwelche Marken in die Schusslinie bringen möchten. Dazu sind auch die individuellen unternehmerischen Leistungen dieses oder jenes Händlers zu unterschiedlich und spielt der generell schwierige Markt eine Rolle. Doch bei fast allen Volumen- aber auch Nischenmarken liegt aus Händlersicht - das zeigen die Reaktionen auf mein Newsletter-Editorial vom vergangenen Dienstag - einiges im Argen. Das bestätigen auch die Zufriedenheitswerte der Motorradmarktanalyse 2014 (übrigens gegen eine Schutzgebühr von 180 Euro bei uns erhältlich). Vor einem eklatanten Rückgang der Händlerzufriedenheit sind auch ehemalige Top-Performance-Marken nicht gefeit. Eine davon war vor wenigen Jahren bei unseren Best Brands noch die klare Nummer eins. Das Jahr darauf belegte man immerhin noch einen super dritten Platz. Und 2014? Das Feld wird von hinten aufgerollt oder so ähnlich. Fest steht: Die Top-3-Werte in puncto Händlerzufriedenheit erzielen in diesem Jahr die Marken Harley-Davidson, Kawasaki und BMW.

Good Brands, bad Brands?

Wie gesagt, es geht hier nicht darum, einige Marken lobend hervorzuheben und andere schlecht zu reden. Aber manchmal muss man die Dinge eben beim Namen nennen. Und da ist es tatsächlich so, dass bei allen Top-Ten-Marken (nach Neuzulassungsstatistik) viel Sand im Getriebe ist. Es wird höchste Zeit für einen neuen Dialog zwischen den Produzenten und ihren Kämpfern am Point of Sale. »bike und business« macht keinen Hehl daraus, eine Zeitschrift für den Handel und für die Werkstätten zu sein. Allerdings klagen wir die Hersteller nicht einseitig an. Wir bieten auch den Werken eine faire Chance, ihre Sicht der Dinge darzustellen und auf Vorwürfe reagieren zu können. Das klassische Pro & Contra. Also auf geht's BMW, Harley, Kawasaki, Honda, KTM, Ducati, Aprilia, Triumph, Suzuki, Yamaha! Zeigt Mut zum Dialog. Schreibt uns Eure Sicht. Was funktioniert momentan gut mit euren Dealern, wo drückt der Schuh?

Seien wir doch einmal ehrlich: Die Versuche der Hersteller, ihre Produkte über eigene Niederlassungen oder per Direktvertrieb an den Mann zu bringen, sind doch nun wirklich keine Selbstläufer. Wer soll denn am Ende die Motorräder verkaufen, wenn nicht der engagierte, motivierte und für die Marke brennende Händler? Der Druck ist hüben wie drüben groß. Nur ein faires Miteinander bringt uns alle weiter und hilft, Probleme zu lösen. Das und eine weiterhin rege Zukunftsdiskussion in allen Kanälen der »bike und business»-Community wünschen sich mein Team und ich von Herzen.

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