Mehr Kohle und Wertschätzung braucht der Zweiradmechaniker

Wie profitabel können/dürfen Lehrlinge sein?

| Autor: Stephan Maderner

Fertigsuppeneinräumen oder Ventilspiel einstellen – was ist besser bezahlt?

Fertigsuppeneinräumen oder Ventilspiel einstellen – was ist besser bezahlt?

31.03.17 - Aus dem Tagebuch des »bike und business«-Chefredakteurs (KW 13/2017/II), Folge 492: Die von meinem Speedlog vom 28. März in der Branche angefachte Diskussion über die Zukunftsaussichten unseres schönen Zweiradhandwerks läuft heiß und geht... lesen

Teures Schischipudrumherum

Jens V. (I): „Genau richtig – als Selbstständiger und Kleinstbetrieb hat man als Chef manchmal weniger als der Angestellte nach Tarif. Ich schraube alleine, da ich keinem mehr soweit traue. Ein Gesellen-, und ich gehe noch weiter, ein Meisterbrief ist oft kaum mehr wert, als das Papier, auf dem er geschrieben steht! Selbst an Premiummarken wird mancherorts nicht mehr verdient, ein hoher Stundensatz wird meist nur benötigt, um den ganzen Showschnickschnack zu bezahlen und nicht die guten Mechaniker und Angestellten. Das ganze Schischipudrumherum ist so teuer, das für gute Mechaniker kein Geld mehr da ist. Die wenigen, die es noch gibt, machen sich lieber selbstständig oder verdienen sich zum Industriejob, der mit 2.800 Euro bezahlt wird, nebenher in der Doppelgarage ordentlich etwas dazu. Er wäre ja auch blöd, wenn er es nicht machen würde!

Meine zum Teil 70 bis 80 Wochenstunden sind Selbstaufopferung. Wenn man mein Jahresgehalt umrechnet, sollte ich mal beim Staat nach einem Mindestlohn für Kleinselbstständige nachfragen!“

Fachkräftemangel drückt

Thomas J.: „Es gibt keinen Fachkräftemangel? Doch, den gibt es mit Sicherheit. Vielleicht gibt es keinen Mangel an Inhabern eines Gesellenbriefs, aber Fachkräfte findest du so gut wie keine. Das Problem liegt einfach darin, dass dieser Beruf zunehmend unattraktiver wird. Es ist schlecht bezahlt (nicht weil die Chefs sich die Taschen vollmachen, sondern weil es wirtschaftlich immer schwieriger wird) und es ist Saisonarbeit.

Wer will denn heute noch im Sommer Überstunden machen und die im Winter abfeiern, und das für 2.000 Euro brutto? Kein Mensch!

Wenn Du aber nicht gerade an Premium-Motorradmarken schraubst, wo du entsprechende Stundenverrechnungssätze aufrufen kannst, sondern auch an 50er-Rollern, Leichtkrafträdern und zwischendurch auch mal am Rasenmäher, dann kannst du den Leuten eben nicht mehr zahlen. Insofern wundert mich die Aussage des Jobcenters überhaupt nicht.“

Ade Schrauberei, welcome Industrie

Timo: „Genau so sieht's mal aus. Das war auch der Grund, warum ich nach acht Jahren Schrauberei in die Industrie bin. Das was ich nun im Jahr habe, hätte ich vorher ohne nebenbei was zu machen, in zweieinhalb Jahren verdient. Und dort gab's weder Urlaubs- oder Weihnachtsgeld, Bonuszahlungen oder eine Betriebsrente; geschweige denn im Sommer Urlaub über mehrere Wochen sowie in den meisten Jahren eine Beschäftigung im Winter! Das wird schon seinen Grund haben, warum gewisse Betriebe ihre Stellenangebote auf der Homepage dauerhaft behalten.

Leider gibt's einfach zu viele Negativbeispiele, sodass dieser Berufszweig uninteressant wird.“

Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen

Klaus PS: „Man muss es im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen sehen, die für den potentiellen Auszubildenden mit im Entscheidungswettbewerb stehen. Und da sollten die Vergütungen dann attraktiv genug sein, um sich für den Zweiradmechatroniker zu entscheiden.“

Gute Arbeit, gutes Geld

Jens V. (II): „Ja, dann ist es gut, auch gleich bei den verstaubten HWKs und den festgesessenen Innungsmeistern auszumisten. Ja, höhere Stundensätze wäre schön, allerdings akzeptiert sie der Kunde nur, wenn die abgelieferte Qualität auch stimmt. Und nicht, wenn man für etwas bezahlt, was nicht oder nur mangelhaft durchgeführt wurde!

Ich habe in meiner Schrauberhöhle einen Stundensatz von 82,50 brutto – da zahlt der Kunde mein Können und keine Show drum herum. Zudem bekommt der Kunde von mir erst sein Motorrad wieder, wenn ich selbst so zufrieden bin wie mit meinem Motorrad.

Wie oft habe ich hier eine Bandit im Standgas auf drei Zylindern reinbekommen, wo eine andere Werkstatt behauptete, dass dies völlig normal sei. Das kann ich schon gar nicht mehr zählen! Und wenn ich schon Motorradhändler 4.0 höre, reißt mir die Hutschnur!

Mein Tipp: Einfach anständige Arbeit abliefern, denn für gute Arbeit zahlt ein Kunde auch gerne gutes Geld. Und noch etwas: Wer den Kunden beschenken muss, damit er wieder kommt, hat etwas falsch gemacht. Wenn ein Kunde nach einer 1.300-Euro-Rechnung 25 Euro Trinkgeld gibt und nach seiner ersten Fahrt noch 'ne Flasche Wein als Dankeschön vorbei bringt, dann weiß man, dass die Arbeit gut war!“

Mechaniker-Ausbildung ist aufwändiger

Peter Schulze: „Wie lange dauert es, bis der Azubi im Supermarkt unbeaufsichtigt Tütensuppen einräumen kann und damit ,profitabel' mitarbeitet ? Wie groß ist der Verlust wenn er falsch macht? Wie lange dauert es, den Zweiradazubi unbeaufsichtigt Ventile an einem Vierzylinder mit Tassenstößeln einstellen kann und profitabel mitarbeitet? wie hoch ist der Verlust wenn er es falsch macht und der Lagerbock oder die Nockenwelle Schrott ist?

Also im Bezug auf die Überschrift: Die Ausbildung vom Mechaniker ist aufwändiger und damit teurer und braucht mehr Zeit und Aufsicht. Leider haben wir nur sechs Monate Hochbetrieb und zwölf Monate Kosten, das ist im Supermarkt halt anders. Wer mehr Geld haben möchte, sollte in der Industrie seine Lehre machen. Das lohnt sich.“

40 D-Mark im Monat mussten damals reichen

P. Gamma: „Ausbildungsvergütung zwischen 700 und 1.200 Euro? Wie krank ist das denn? Zu meiner Zeit gab es im ersten Lehrjahr 40 D-Mark, im zweiten und 60 D-Mark im dritten Jahr! Das soll natürlich kein Beispiel für heute sein. Aber die Lehrzeit ist für das Erlernen eines Berufes zuständig und nicht dafür ,sämtliche finanziellen Wünsche' zu erfüllen.“

UPE so utopisch wie das erste Restaurant auf dem Mond

Jens V. (III): „Margen sind da, wenn diese nicht dauernd durch Billigheimer und Internethändler verschenkt werden würden. Dazu muss man sich nur einmal einen Satz Reifen bestellen. Die UPE ist am Markt so utopisch wie das erste Restaurant auf dem Mond!

Zwischen 50 und 70 Prozent Rabatt lese ich dauernd auf meinen Rechnungen.

Um am Markt aber überhaupt noch einen Reifen verkaufen zu können kann ich teils nur mit 5 bis 10 Prozent Aufschlag vom EK rechnen – und das bei Montage mit wuchten, Aus- und Einbau, neuem Gummiventil, Altreifenentsorgung, Kette einstellen und schmieren für 15 bis 20 Euro? Damit kann man keinem Auszubildenden 1.200 Euro im Monat bezahlen. Mein Netto- Reifen-EK ist manchmal höher als der Bruttokaufpreis des Kunden bei irgendeinem Onlineportal. Auf Anfrage, wie dies möglich sei, antwortete man mir, Achtung Zitat: ,Bei Vororder und Abnahme von 200 Reifen würde ich diese Preise auch bekommen!' Aha, also nimmt der einzelne Privatkunde 200 Reifen im Jahr ab? Vera....en kann ich mich selber.

1.200 Euro für einen Kfz-Mechatroniker im ersten Lehrjahr?! Im ersten ist dieser bis auf die Ferien auf der Schule, im zweiten dann Blockunterricht, dazu kommen 25 Tage bezahlter Urlaub und diverse Feier- plus Krankheitstage. Ja sicher, wenn der Stift von mir 1.200 Euro monatlich bekommen soll, dann muss ich als Chef und Inhaber 6.000 bis 10.000 Euro haben, damit die Relation auch wieder stimmt!“

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